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Am besten mit Pullover besuchen

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Die Verantwortlichen bei der ersten Begehung des neuen Eiskeller-Museums. Foto: Waldschmidt © Waldschmidt

Zur Einweihung des »Eiskeller-Museums« begrüßte die Vorsitzende des Freundeskreises Gail’scher Park, Susanne Weber, neben den Vorstandsmitgliedern auch Hausherr Dr. Wolfgang Lust.

Biebertal (whk). »Ihr habt einen weiteren Meilenstein in der Geschichte in Biebertal mit dem ›Eiskeller-Museum‹ im Gail’schen Park installiert«, so Bürgermeister Patricia Ortmann während der offiziellen Eröffnung dieses besonderen Museums. Sie dankte allen Beteiligten und zitierte Henry Ford: »›Zusammenkommen ist ein Beginn, zusammenbleiben ist ein Fortschritt, zusammenarbeiten ein Erfolg.‹ Euer gutes Netzwerk bringt viel Erfolg«, fügte sie hinzu.

Hausherr unter den Gästen

Zur Einweihung begrüßte die Vorsitzende des Freundeskreises Gail’scher Park, Susanne Weber, neben den Vorstandsmitgliedern auch Hausherr Dr. Wolfgang Lust. Sie dankte Jochen Kehm, der die Idee hatte und das Projekt federführend umsetzte sowie Dr. Wolfgang Lust für die finanzielle Unterstützung des Projektes sowie den Firmen. Ehrenvorsitzender Norbert Kerl erläuterte die baulichen Maßnahmen. Passend zum »Eiskeller« wurden zwischendurch auch noch kleine Eisportionen aus der Eisdiele gereicht.

Eiskeller aus dem 19. Jahrhundert

Im Gail’schen Park in Biebertal-Rodheim befindet sich am Teich hinter einer Veranda mit einer Birkenholzfront ein Eiskeller aus dem 19. Jahrhundert, den sich die Familie Gail für ihre Hauswirtschaft eingerichtet hatte. Hier konnte man nicht nur die Lebensmittel länger frisch halten, sondern auch seinen Gästen kühle Getränke und Sorbet anbieten. Der Eiskeller wurde noch bis in die 1930er Jahre genutzt und ist noch im Original erhalten, drohte aber zu verfallen. Der beste Weg, ein denkmalgeschütztes Gebäude zu erhalten, ist, wenn man es einer langfristigen Nutzung zuführt. Zumal man für die Verwirklichung mit einem überzeugenden Konzept gute Chancen hat, Fördermittel einzuwerben. So ist in den letzten Jahren seitens der Eigentümer und des Freundeskreises bereits bei der Sanierung vieler Parkteile verfahren worden.

Mit dem »Museum Eiskeller« bekommt der Gail’sche Park eine weitere Attraktion. Auch in der weiteren Umgebung ist kein vergleichbares Museum bekannt, das die in der Vergangenheit weltweit wichtigen Wirtschaftszweige der Eis-Ernte, der Eislagerung und des Eishandels vor Erfindung der Eismaschine thematisiert.

Gefördert wurde das Projekt vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft und der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Bundestages. Der Freundeskreis gab Eigenmittel von 6000 Euro hinzu und Dr. Wolfgang Lust unterstütze das Vorhaben großzügig mit 20 000 Euro. Hinzu kamen 10 000 Euro Fördermittel aus Berlin. Insgesamt standen somit 36 000 Euro für das Gebäude zur Verfügung.

Durch Stützung wurde die Decke gesichert, die Klinkerwände wurden durch die Firma Neeb saniert, die Tür durch die Firma Dörr wieder gangbar gemacht und es wurde eine Elektroinstallation vorgenommen (Firma Reif).

Um die Ausstattung des Museums kümmerte sich der Freundeskreis. Jochen Kehm gab fünf große Infotafeln in Auftrag. Viele ältere Mitbürger können sich bestimmt noch an mit Eisblöcken beladene Fahrzeuge im Ort erinnern, die das gefrorene Gut im Sommer von den Eiskellern zu ihren Verwendungsorten brachten. Das waren Metzgereien, Molkereien, Markthallen, Hotels, Gaststätten, Bahnhöfe, Krankenhäusern und auch Villenbesitzer. Bis in die 50er Jahre hinein wurden die Eiskeller im Winter mit Eisblöcken gefüllt. Längst haben sie ausgedient und wurden durch Eismaschinen, Kühlschränke und Klimaanlagen ersetzt.

Als Wilhelm Gail 1896 seine Villa und den Park in Rodheim baute, konnte er sich durch den Bau eines Eiskellers den Wunsch erfüllen, auch im Sommer jederzeit Eis zur Verfügung zu haben. Bestens geeignet dafür war eine Stelle direkt am Teich gelegen, von der man die im Winter geschnittenen Eisblöcke leicht in den nahen Keller bringen konnte. Der darüber geformte Erdhügel und die davorliegende Veranda mit einer aus Birkenstämmen hergestellte Front wurden zugleich Gestaltungs- und Schmuckelement im Park.

Die Familie Gail hatte ihr Rodheimer Anwesen bereits mit einigen Einrichtungen zur Selbstversorgung ausgestattet, die das tägliche Leben angenehmer gestalteten. So wurde schon 1896 auch eine Versorgung mit Strom und fließendem Wasser in Haus und Garten installiert. Eine Gärtnerei für Blumen- und Gemüseanbau und Obstgärten lag im östlichen Bereich. Die Haltung von Geflügel und Bienen ergänzten das Angebot.

Im großen Innenraum des Eiskellers erläuterte Jochen Kehm vom Vorstand des Freundeskreises die Bedeutung, die Eiskeller in den letzten Jahrhunderten im Alltag der Menschen spielten. Dies wird auch auf den Info-Tafeln veranschaulicht. Der heutigen Generation soll damit das Leben ohne Kühl- und Gefrierschrank verdeutlicht werden. Das vergangene Handwerk der Eisgewinnung sowie der Eishandel werden anhand von großen Erläuterungstafeln dargestellt. Vor allem die wirtschaftliche Dimension der Eiswirtschaft vom Altertum bis heute ist kaum bekannt.

Anekdoten geben Auskunft darüber, welchen enormen Luxus früher Eis im Sommer selbst für Reiche bedeutete. Berichtet wird auch über die Geschichte der Entwicklung des Speiseeises in Europa. Original-Exponate wie Eissäge, Eiszange und Flößerhaken (es werden noch weitere gesucht), vermitteln einen Eindruck von dem arbeitsintensiven Handwerk. Das alles wird an einem Originalschauplatz gezeigt.

Zwölf Grad Innentemperatur

Das Museum ist während der Öffnungszeiten zugänglich. Es wird gebeten, bei warmem Wetter die Tür während des Besuchs geschlossen zu halten (Kondenswasserbildung). Ratsam ist es auch wegen der konstanten Innentemperatur von zwölf Grad einen Pullover mitzubringen.

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