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Die »Rote« und die »Weiße«

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Vom Hain in Bieber aus sieht man die Weiße Schule mit dem Glockenturm in der Schulstraße und im Hintergrund die »Rote Schule« mit ihrem Fachwerkarrangement im Giebel. © Waldschmidt

Auf eine bewegte Vergangenheit blicken die Schulen in Bieber zurück.

Biebertal (whk). Nach der Sanierung des Gebäudeinneren der »Roten Schule« in Bieber und der Realisierung der neuen Brandschutzvorschriften, läuft seit 2021 die Neugestaltung der Außenanlage des gemeindeeigenen Gebäudekomplexes in der Schulstraße.

Die Erneuerung der baufälligen Mauer zur Schulstraße hin, der neue Metallzaun und die beiden neuen Parkplätze haben die Außenansicht des ehemaligen Schulgebäudes verändert. Eine positive Gestaltung, die sich in die Großteils aus Backsteinen gemauerte Außenfassade gut einfügt. Sie wird dem historischen Gebäude gerecht und verleiht neuen Glanz. Seit 1972 beherbergt das Gebäude die evangelische Kindertagesstätte Bieber.

Zur Historie der »Weißen« und »Roten« Schule in Bieber (nach den Ausführungen des Autors des Buches »Bieber - der urkundlich älteste Ort Biebertals, der aber nie Gemeinde sein durfte« Frank Reif, erschienen 1997): In den 1850er Jahren hegte man in Bieber den Wunsch, eine eigene Schule zu haben, da die Anzahl der Bieberer Schüler schon auf 84 angestiegen war. Dieser Wunsch ging erst durch zähe Verhandlungen zwischen den Gemeinden Rodheim und Fellingshausen 1879 in Erfüllung. Am 29. Oktober 1879 wurde die »Weiße« Schule eingeweiht. »Weiß« deshalb, weil sie mit einem weißen Putz versehen worden war. - Im Oktober 1903 war der Bau der »Roten« Schule gegenüber der »Weißen« Schule zum Einzug der Oberklasse fertig und wurde feierlich durch Lehrer, Bürgermeister und Gemeindevertreter des Kirchspiels sowie vielen Bewohnern, auch der umliegenden Ortschaften eingeweiht. Damit wurde der Bedarf von weiterem Schulraum gedeckt. Die Gemeinden Rodheim (1709 Einwohner), Fellingshausen (989 Einwohner) waren nun auch die Träger für die laufenden baulichen Kosten und die Inneneinrichtung. Mit Beschluss der Königlichen Regierung zu Wiesbaden vom März 1908 wurden die Schulen der Gemeinden Rodheim Fellingshausen und Vetzberg zum Gesamtschulverband »Bieber« zusammengeschlossen.

Neue Glocken

Lehrer Friedrich Löll wurde zum Vorsitzenden des Verbandes ernannt. Bereits 1901 war die Gemeinde Königsberg von der Regierung in Wiesbaden aufgefordert worden, sich an den Unterhaltungskosten gemäß der Schülerzahl des Königsberger Ortsteils von Bieber zu beteiligen. 1910 hatte Rodheim 1987, Fellingshausen 1082 und Königsberg 385 Mark zu bezahlen. Einen erheblichen Teil der Lehrergehälter hatten die Gemeinden zu bezahlen. Das Kriegsende 1918 bewirkte bei den treuen Anhängern der Monarchie ein herbe Enttäuschung, im Schulwesen jedoch eine deutlich sichtbare Wendung.

1920 wurde Friedrich Löll von der Wahrnehmung der Schulaufsicht entbunden und ein Aufsichtsbezirk für den ganzen Kreis Biedenkopf eingerichtet. 1921 beschloss der Landtag ein Beamtenbesoldungsgesetz, um die Abhängigkeit der Lehrer gegenüber den Gemeinden zu beseitigen. Jetzt bezogen sie ihr Gehalt nicht mehr von den Kommunen, sondern von der Landeskasse.

1926 musste der Dachstuhl der »Weißen Schule« erneuert, das Türmchen für zwei größere Glocken erweitert und an den Schulsaal ein Lehrmittelraum angebaut werden. Da es beim Aufhängen der Glocken erhebliche Schwierigkeiten gab, konnten die Glocken erstmals am zweiten Weihnachtsfeiertag geläutet werden.

1929 war im »Hinterländer Anzeiger«, Biedenkopf zu lesen: «… Am 29. Oktober 1929 waren 50 Jahre verflossen, dass die Schule in Bieber eröffnet wurde und das Dorf Bieber seine eigene Schule erhielt…"

1945 - nach dem Einmarsch der Amerikaner - wurden alle Schulen bis zum 1. Oktober geschlossen. 1948 gewährte man mit Hilfe der amerikanischen Armee sieben bedürftigen Kindern eine tägliche Schulspeisung von 350 Kalorien. Später wurde diese Speisung auf alle Schüler ausgedehnt.

1950 hatte die Schule wieder ein Geläute. Von den im Jahre 1926 auf Initiative von Schulleiter Friedrich Löll angeschafften zwei Glocken für das Glockentürmchen musste die zweite 1942 für Kriegszwecke eingeschmolzen werden. Durch Spendenaufrufe an beiden Orten konnten für Rodheim zwei und für Bieber eine Glocke beim Glockengießer bestellt werden. Die Gemeindevertretung beschloss, auf die »Rote Schule« einen dritten Schulsaal aufzusetzen.

Auflösung

1952 hatte die Schule zweimal Besuch vom Schulfunk des Hessischen Rundfunks. Themen waren hier das »Bieberlieschen«, Kupferstecher Will und der Hexenmeister von Rodheim.

1965 trafen sich auf Anweisung des Wetzlarer Landrates Werner Best im Bürgerhaus Rodheim-Bieber die Gemeindevertreter aus Rodheim-Bieber, Fellingshausen, Krumbach und Vetzberg, um den Schulverband Biebertal aus der Taufe zu heben. Etwas später erklärten sich allerdings erst die Fellingshäuser Gemeindevertreter bereit, nur die Oberstufe nach Rodheim gehen zu lassen und die Grundschule zu behalten. Am 1.8.1969 wurden die Schulen Rodheim, Bieber und Vetzberg aufgelöst und in die neue erbaute Mittelpunktschule - später »Gesamtschule Biebertal« am Bornberg integriert. Damit hatte das fast 90 Jahre andauernde Schulleben in Bieber ein Ende gefunden.

In der Bieberer »Roten Schule« wurde 1972 der evangelische Kindergarten und ein Versammlungsraum mit Küche eingerichtet und die »Weiße Schule« 1974 verkauft. Der Bieberer Kindergarten war von den 1950er hren bis 1972 im Vorraum des Bieberer Gemeindehauses, der heutigen Kirche, in der Rimbergstraße 19, beheimatet.

Bleibt zu erwähnen, dass nach Lehrer Friedrich Löll eine Straße zwischen Mittelweg und Dünsbergstraße benannt ist und an sein vielseitiges und engagiertes Wirken in Bieber erinnert.

Ende Mai 2008 hatte der Heimatverein Rodheim-Bieber zu einer »Stadtführung« durch Bieber mit Helmut Failing eingeladen. Auch hier waren die beiden ehemaligen Schulen als infrastruktureller Schwerpunkt und besonderes Merkmal des Ortes in vergangenen Zeiten Stationen.

Derzeit geht die Neugestaltung der Außenanlage der Kita in der Schulstraße seiner Vollendung entgegen. Damit ist der Gebäudekomplex innen und außen auf einem aktuellen und zeitgemäßen Stand.

Repro: Waldschmidt

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Friedrich Löll © Klaus Waldschmidt

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