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Legendär, renommiert und beliebt

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So sah es etwa Mitte der 1920er Jahre vor dem Gasthaus »Zum Hirsch« in Königsberg aus. Das historische Foto stammt aus dem Fundus von Elke Lepper. Repro: Klaus Waldschmidt © Klaus Waldschmidt

Das Königsberger Gasthaus »Zum Hirsch« hat eine weit über 150-jährige Tradition und gehört auch heute noch zu den wenigen Gaststättenbetrieben in Biebertals höchstgelegenem Ortsteil.

Biebertal (whk). Renommiert, legendär und ortshistorisch von großer Bedeutung ist das Gasthaus »Zum Hirsch« in der Schlossstraße 39 in Königsberg. Es ist die nach dem Berghof Reehmühle in der Bergstraße und der Mehrzweckhallengaststätte in der unteren Schlossstraße einzig verbliebene Gaststätte in Biebertals höchstgelegenem Ortsteil Königsberg.

»Hirschwirt« Helmut Volk, der im Oktober 2018 verstarb, hat in den letzten Jahrzehnten die Struktur des Landgasthofes geprägt: Bodenständig, kontaktfreudig, geschäftstüchtig und stets auch mit besonderem Augenmerk für die Gäste des Hauses und die Vereine des Dorfes, so war Helmut Volk, der mit großer Leidenschaft hinter dem Zapfhahn stand und eine »Institution« des Ortes war. Die traditionsreiche Gastwirtschaft, liegt exponiert im Schatten des Schlosses und der Kirche mit einem Blick in das direkte Tal Königsberg.

1851 begann der Wirtschaftsbetrieb

August Geller erhielt 1851 eine Erlaubnis zum Wirtschaftsbetrieb. »Hirschwirt« Volk war seit 1994 Eigentümer des beliebten Gasthauses und übergab den Landgasthof »Zum Hirsch« 2005 an den gelernten Koch Thorsten Scherer. Auch heute noch ist das beliebte Gasthaus Treffpunkt, Ort der Kommunikation für Gäste aus dem Dorf und darüber hinaus.

Grund genug, auf die Historie dieses besonderen Gebäudes im alten Ortskern von Königsberg zurückzuschauen. Das Gasthaus war schon immer Kommunikationsmittelpunkt des Ortes. Im Buch »Hundert Jahre Häusergeschichten - Ein ortskundlicher Spaziergang durch Stadt und Dorf Königsberg«, gesammelt und aufgeschrieben von Martina Emmerich mit dem Arbeitskreis Dorfgeschichte Königsberg, erschienen 1998, ist auch über das Gasthaus »Zum Hirsch« einiges nachzulesen: August Geller, 1817 geboren, war in Königsberg als ›Wirt und Ackermann‹ bekannt. Sein 1859 geborener Sohn Karl Georg Geller, ebenfalls Gast- und Landwirt, hatte 1892 zehn Stück Rindvieh im Stall stehen, verfügte über zwei Schweineställe und besaß außerdem zwei Pferde. Mit dem Gespann fuhr er Eisenstein nach Gladenbach, während Ehefrau Katharine Geller (geb. Brück) sich um die große Landwirtschaft, die Kinder und die Gastwirtschaft kümmerte. Ihr Sohn Adolf Geller baute 1937 mit Ehefrau Ana (geb. Groh) die Gaststätte um.

Zum »Schankzimmer« ging es dann nicht mehr links um die Ecke, sondern geradeaus. Im früheren Schankzimmer wurde eine gute Stube für die Familie eingerichtet. Als Saal beziehungsweise Gastzimmer dienten nun die ehemaligen Schweineställe links vom Schankzimmer. Den sechsmal 7,40 Meter großen Saal ergänzten Gellers nach Süden durch einen Balkon. Im Obergeschoss entstanden Zimmer für die Familie sowie Fremdenzimmer.

Bergleute häufig zu Gast

Solange das Bergwerk in Betrieb war, waren hier öfters Bergleute und Besucher in Kost Logis, so beispielsweise Obersteiger Otto Linscheid. Anna Geller führte den Haushalt und erzog die Kinder, kümmerte sich um das Vieh und einen Großteil der Landwirtschaft und saß bei Bedarf im Postzimmer.

Die Gastwirtschaft war häufig nach Bedarf geöffnet. Die Poststelle war bis 1940 hier im Hause. Anschließend wurde sie im Hause »Schreinersch«, heute »Alte Post« genannt, weitergeführt. Adolf Geller arbeitete im Bergwerk, trug abwechselnd mit seiner Schwester »Wiesche« die Post aus und machte die Feldarbeit. Das Bier für die Wirtschaft wurde schon seit 1899 vom »Giessener Brauhaus« geliefert, anfangs noch mit einem Doppelgespann. 1999 schrieb der traditionsreiche Gasthof also ein rundes Jubiläumsjahr.

Nachdem Adolf- und Anna Geller »am Heddrich« einen Neubau erstellt hatten, zogen sie sich aus der Gastwirtschaft zurück. Zuletzt führten von 1967 bis 1979 Horst Geller und seine Frau Christel die Gastwirtschaft. Tagsüber arbeitete er als Kellermeister im »Giessener Brauhaus«, abends half er seiner Frau am Zapfhahn.

Vater Adolf Geller hatte auch später noch einige Schlachtbullen im Stall vor der Gastwirtschaft stehen. Darin befindet sich auch der Abort. Solange Vieh im Stall stand, wurde im Jahr zwölf bis 15-mal geschlachtet. Aber nur teilweise für den Eigenbedarf der großen Familie. Bis zu 130 Cervelatwürste und andere Hausmacher Würste hingen zuweilen auf dem Dachboden und warteten auf hungrige Gäste, die die Wurstbrote sehr schätzten.

Von 1980 bis 1983 wurde die Gastwirtschaft verpachtet, an den gelernten Koch Jürgen Geller und seine Frau Rosi. 1983 kaufte der Naunheimer Gastwirt Helmut Volk die traditionsreiche Gastwirtschaft und führte sie fortan mit seiner Frau Margot. Am 3. August 19 floss bei der Wiedereröffnung das erste Bier aus dem Zapfhahn. Ehefrau Margot saß stundenweise in der Poststelle neben der Tenne.

Zuvor war hier ein weiterer Gastraum für eine kleine Gruppe untergebracht gewesen. Seit 1997 hat diese Poststelle geschlossen und war als Postagentur ins Lebensmittelgeschäft Pausch verlegt worden. Die Familie Volk gestaltete die gesamte Inneneinrichtung mitsamt den Fenstern neu. Der Gastraum wurde vergrößert. 1985 wurden die Vergrößerung und Renovierung des Saales abgeschlossen. Er wurde unter Einbeziehung der Fläche des früheren Balkons ganz in Holz mit Fachwerk-Nachbildungen gestaltet. In den Gefachen sind große Wandbilder mit Motiven aus dem bäuerlichen Leben sowie eine Dorfansicht mit Schloss vom Waldgirmeser Maler Karl-Heinz Wagner aufgemalt.

Über 100 Jahre floss Gießener Bier

Seit 1994 bis 2005 führte Helmut Volk als Eigentümer die Gastwirtschaft »Zum Hirsch«. Die Übergabe an seinen Nachfolger Thorsten Scherer erfolgte damals im Beisein des Geschäftsführers des Gießener Brauhauses, Reinhard Dumpies, und dem Gebietsverkaufsleiter der Brauerei, Thomas Kühn, sowie einigen Gästen. Für Reinhard Dumpies war es eine Ehre, in einem Gasthaus, an das die Gießener Brauerei seit 106 Jahren das Bier liefert, bei der Übergabe an einen jungen, dynamischen Gastwirt dabei zu sein.

Zumal der Landgasthof in der Schlossstraße 39 mit einer gutbürgerlichen Küche aufwartete. Dazu gehören Gerichte wie »Frisches aus dem Garten«, »Aus der Suppenküche«, »Deftige Brotzeiten« und »Fleischiges« mit Schnitzelvariationen, Hackbraten, Rumpsteak, gegrillter Hähnchenbrust und frischen Käsespätzle. Seit der Schließung der Gießener Brauerei läuft »Bitburger« aus dem Zapfhahn.

Thorsten Scherer, der den Beruf des Koches in der Bergschänke Atzbach erlernte, konnte bei der Übernahme auf eine zehnjährige Berufserfahrung verweisen. »Hirschwirt« Helmut Volk stand ihm zu Beginn noch mit Rat und Tat zur Seite. Am 1. April 2014 übernahm Thorsten Scherer die Gaststätte auf dem Dünsberg - eine weitere Erfolgsgeschichte für den Königsberger. Musiker und Taxiunternehmer Rüdiger Winter übernahm danach für ein Jahr die Gaststätte. Am 1. Mai 2015 wurde Flor Yap Rabino nach einjähriger Tätigkeit als Köchin die neue »Hirschwirtin«. Kurz vor seinem Tod 2018 hatte Volk die Gaststätte an Harald Krauskopf verkauft. Harald Krauskopf übernahm die Pächterin und ließ einige dringende Renovierungsarbeiten in den Gasträumen und den sanitären Anlagen durchführen. Auch der Eingangsbereich als »sommerlicher kleiner Biergarten« erfuhr eine Neugestaltung.

Besonders beliebt sind die Öffnungszeiten am Mittwochmittag. Denn hier gibt es als Spezialität des Hauses »Halbe Hähnchen«, auch zum Abholen. Ansonsten kann deutsche und internationale Küche genossen werden.

Bleibt zu erwähnen, dass nach der Lockerung der Pandemiebestimmungen nun auch das »Vereinsleben« im »Hirsch« wieder Fahrt aufnehmen wird. Nicht nur Jahreshauptversammlungen, sondern unter anderem auch Würfelabende des »Würfelclubs Jolanthe« und die Skatabende des »Skatclubs Herz Königsberg« werden dann den Gaststättenbetrieb sicherlich wieder mit beleben. Auch alle Gäste, die den »Hirsch« mit seiner vielfältigen Speisekarte schätzen, werden sich wieder vermehrt ein Stelldichein geben können.

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