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Trauer um eine Pionierin

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Als engagierte Sozialpolitikerin machte sich Helga Lopez auch im Bundestag einen Namen. Jetzt ist die frühere Biebertaler Bürgermeisterin im Alter von 69 Jahren gestorben. Foto: Deutscher Bundestag/Lichtblick/Achim Melde © Deutscher Bundestag/Lichtblick/Achim Melde

Biebertal (vb). Ihr Amt als Bürgermeisterin hat sie mal als »einen der härtesten Jobs, die es gibt« bezeichnet. »Eine Gemeinde braucht 100 Prozent. Wenn man anfängt, dass Zweifel aufkommen, dann ist es Zeit, zu gehen«, erklärte Helga Lopez im Mai 2005 in einem Gespräch mit dem Anzeiger. Sechs Jahre stand sie an der Spitze der Gemeinde Biebertal, später vertrat sie den Wahlkreis 173 (Lahn-Dill), zu dem auch Biebertal und Wettenberg gehören, als direkt gewählte Abgeordnete im Deutschen Bundestag.

Doch nach einer Wahlperiode verzichtete die gelernte Finanzbeamtin auf eine erneute Kandidatur und zog sich dann weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. Am 12. Juni ist Helga Lopez im Alter von 69 Jahren gestorben.

Die SPD-Politikerin war als erste Bürgermeisterin im Landkreis Gießen eine Pionierin, nachdem sie bei der Direktwahl 1999 Amtsinhaber Günter Leicht besiegt hatte. Auch Lopez` vorheriges Amt war ein Novum im Landkreis. Nach sieben Jahren als Gemeindevertreterin (1985 bis 1992) wählte sie das Parlament zur Hauptamtlichen Ersten Beigeordneten. Die acht Jahre in dieser Position waren eine gute Voraussetzung für den Bürgermeisterwahlkampf.

Als Lopez, gebürtig aus Rodheim-Bieber, im Februar 2006 verabschiedet wurde, gab es viel lobende Worte für die geleistete Arbeit. Als herausragende Leistungen wurden die Sicherung des Gail`schen Parks samt Villa für die Gemeinde und die Konsolidierung der Finanzen genannt. Die SPD-Politikerin wurde zur Ehrenbürgermeisterin ernannt.

Aber es gab auch eine »Zeit tiefster Not«, wie Lopez im Mai 2005 rückblickend sagte. 2001 gab es den Verdacht auf Maul- und Klauenseuche in der Gemeinde. Noch schlimmer wirkte sich der Mord an der achtjährigen Julia aus. Die Bürgermeisterin war als emphatische Krisenmanagerin gefragt. Zudem erlitt Helga Lopez in dem Jahr einen komplizierten Knöchelbruch, so dass sie drei Monate nicht arbeiten konnte. Das Jahr habe sie und die ganze Verwaltung an die Belastungsgrenze gebracht.

Den Entschluss, nicht für eine zweite Amtsperiode zu kandidieren, begründete Helga Lopez wie folgt: »Die Kraft reicht nicht mehr aus, sie reicht nicht mehr aus, weil ich dünnhäutig geworden bin.« Und dies liege an dem »Geschubse, Gezerre und dem Treten«. Doch sie hatte auch klargemacht, dass der Verzicht auf eine erneute Kandidatur nicht den Ausstieg aus der Politik bedeute.

Nur wenige Wochen später meldete sich die damals 52-Jährige zurück - die SPD Lahn-Dill wählte sie zur Direktkandidatin für den Bundestag. Bei der vorgezogenen Wahl im September 2005 erzielte sie 42,2 Prozent.

Ende März 2006 hielt Helga Lopez im Rahmen der Haushaltsdebatte ihre erste Rede im Parlament. Weitere folgten. Die Biebertalerin engagierte sich im Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Doch Ende 2008 geriet Lopez bundesweit in die Schlagzeilen. Im Zusammenhang mit der letzlich gescheiterten Wahl von Andrea Ypsilanti (SPD) zur Ministerpräsidentin hatte Lopez in einem Zeitungsinterview den Eindruck erweckt, drei der Abweichler in der SPD-Fraktion seien bestochen worden. Kurz darauf wurde öffentlich, dass die gelernte Finanzbeamtin wegen Steuerhinterziehung rechtskräftig verurteilt worden war. Mit dem Strafbefehl war Lopez aber nicht vorbestraft.

Innerparteilich geriet sie daraufhin unter Druck, wollte zunächst nicht zurücktreten, tat dies Anfang 2009 aber doch. Nach dem Ausscheiden aus dem Bundestag zog sich Helga Lopez weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück und lebte Teile des Jahres in Spanien.

Bürgermeisterin Patricia Ortmann (parteilos) würdigte Lopez als jemand, der sich immer für Schwache eingesetzt habe. Der Erste Beigeordnete Peter Kleiner (CDU) zeigte sich von dem Tod der »guten Freundin« schwer getroffen. Erst vor kurzem habe er eine E-Mail von Lopez bekommen, die vorschlug, nach einem Jahr wieder ein Treffen der Ehepaare zu planen. Die politische Zusammenarbeit sei immer sehr gut gewesen. Mit der Übernahme des Gail`schen Parks habe sie sich ein »bleibendes Denkmal« gesetzt.

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