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»Die Zuverlässigen sind immer da«

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Von: Burkhard Bräuning

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40 Jahre Austrägerin des Gießener Anzeigers in Großen-Buseck: Elisabeth Hahn freut sich über die Glückwünsche von Vertriebsinspektor Holger Lucius. Foto: bb © bb

Buseck. Ohne sie geht gar nichts. Genauer gesagt: Ohne sie kommt die Zeitung nicht zum Leser. Hunderte Austräger (und viele Spediteure) sind für den Gießener Anzeiger unterwegs - sechs Nächte in der Woche und fast 300 im Jahr. Nur in der Nacht zum Sonntag können sie (theoretisch) mal durchschlafen bis zum Morgen. Vielleicht ist ihnen aber nicht mal das vergönnt.

Denn es kann gut sein, dass auch dann die innere Uhr sie um 2 Uhr wecken wird. Besonders in diesem konkreten Fall: Bei Elisabeth Hahn und ihrem Ehemann Wilfried ist dieser Rhythmus schon seit 40 Jahren die Normalität. Frau Hahn (»Freunde und Verwandte dürfen mich Lisbeth nennen«) trägt seit vier Jahrzehnten in einem Bezirk in Großen-Buseck den Gießener Anzeiger. Und ihr Ehemann unterstützt sie dabei.

Die »Leute von der Zeitung«, Vertriebsinspektor Holger Lucius und Redakteur Burkhard Bräuning, sind zu Gast, wollen Frau Hahn gratulieren, Blumen und Geschenk überreichen. Es gibt leckeren und starken Kaffee - aber die Unterhaltung ist noch viel anregender. Die Hahns sind nicht mehr die Jüngsten, aber ans Aufhören denken sie nicht. Holger Lucius freut sich darüber: »Frau Hahn und ihr Mann sind die Zuverlässigkeit in Person. Auf sie kann man zählen.« Frau Hahn ergänzt selbstbewusst: »Ja, die Zuverlässigen sind immer da.« Und wendet sich mit einen Lächeln ihrem Mann zu: »Das 50-jährige Jubiläum schaffen wir auch noch - oder?« Und er mit stoischer Ruhe: »Das wird man sehen.«

Ja, die Hahns machen ihren Job, sie machen ihn gut und sie machen ihn gern, wissen um ihre Verantwortung. Sie sind das letzte Glied in einer langen Kette - und sie sind mindestens genauso wichtig wie alle anderen Glieder davor. An der Herstellung einer Zeitung sind viele Menschen beteiligt - in unterschiedlichen Berufen. Am Anfang steht die Nachricht - besser gesagt: stehen viele Nachrichten, Geschichten und Bilder - geschrieben und fotografiert von Redakteuren. Aber es braucht noch viel mehr: Eine Grafikabteilung, ein Korrektorat, IT-Mitarbeiter, Drucker, Mediengestalter und Kollegen in allerlei kaufmännischen und handwerklichen Berufen. Nicht zu vergessen die freien Mitarbeiter. Und das sind noch längst nicht alle.

Wenn die Arbeit im Verlag getan ist, dann sind die Fahrer und Austräger unterwegs - von Mitternacht bis zum frühen Morgen sind sie mit dem Auto oder zu Fuß auf Achse.

Zusteller sind hart im Nehmen und Kummer gewöhnt. Um 2 Uhr ziehen die Hahns los - bei Eis und Schnee, bei Regen und Sturm, in tropischen Sommer- und bitterkalten Winternächten. Am Anfang, also vor rund 40 Jahren, sei sie zweimal bei Glatteis gestürzt, sagt Elisabeth Hahn »Aber wir tragen schon lange Spikes, da kommt man gut voran.« »Tückisch sei das gefrorene Schmelzwasser, das sieht man nicht«, fügt Ehemann Wilfried hinzu. Er ist schon einige Jahre Rentner, hat zuvor bei Weiss in Reiskirchen gearbeitet. Elisabeth Hahn kümmerte sich um Tochter und Haushalt - und war eben vier Jahrzehnte Zustellerin des Gießener Anzeigers. Die Hahns haben viele Hobbys, mögen Tiere - Hunde, Katzen, Vögel und auch Meerschweinchen gehörten viele Jahre zum Haushalt dazu. Wilfried Hahn nannte ein 600-Liter-Becken für Zierfische sein eigen und hatte dazu ein 100 Liter fassendes Aquarium, in dem sich Piranhas tummelten. »Die Tiere sind alle gut miteinander ausgekommen«, sagt Hahn. Auch die Piranhas haben keinen Schaden angerichtet. Ein zweites Hobby war eine Modelleisenbahn. Eine richtige große Anlage, Spur H0. Heute steht sie im Keller. Was beide bedauern, aber der Platz in der Wohnung wird anderweitig gebraucht. Die Zahl der Hobbys ist kleiner, aber die Familie ist größer geworden: Die Tochter, der »brave Schwiegersohn« und der Enkel kommen häufig zu Besuch. Ein gemaltes Bild der Tochter hängt an der Wand. Mutter Elizabeth zeigt stolz darauf und sagt: »Schön sieht das aus.« Daneben ein weiteres Gemälde. Darauf ihr Mann, noch jung. »Das hat ein Straßenmaler in Paris gemacht - auf der Champs-Élysées«, sagt Wilfried Hahn.

Auch die zuverlässigsten Austräger müssen mal Urlaub machen, und den hat die Familie meist »auf Balkonien« verbracht, wie Frau Hahn mit verschmitztem Lächeln erzählt. Kein schlechter Ort, denn die Aussicht ist ganz wunderbar: Der Blick nach Westen reicht bis zur Burg Gleiberg. Schon bei Tageslicht etwas Besonderes, bei Sonnenuntergang sicher grandios.

Frau Hahn ist in Köln aufgewachsen - und das hört man auch. Der »kölsche« Zungenschlag ist geblieben. Eine richtige rheinische Frohnatur ist sie aber nicht. Sie schmunzelt eher, freut sich leise. Die Fassenacht hat sie hinter sich gelassen, aber Spaß am Leben hat sie trotzdem. Sie macht es sich nicht unnötig schwer. Was sie offenbar tief verinnerlicht hat, sind die ersten drei Artikel des Kölschen Grundgesetzes: »Et es wie et es« (es ist wie es ist). »Et kütt wie et kütt« (es kommt, wie es kommt). Und »Et hätt noch emmer joot jejange« (es ist noch immer gutgegangen).

Auf die Frage, ob sie sich nachts auch mal ängstigen, wenn sie auf Tour sind, antwortet Frau Hahn: »Vor was sollten wir denn Angst haben?« Und Ehemann Wilfried nickt bedächtig.

Einmal sei man allerdings auf eine kleine Gruppe junger Männer getroffen. »Sie hatten offenbar etwas zu verbergen und liefen in Richtung eines Supermarktes«, erzählt Herr Hahn. Dort sei dann in der Nacht eingebrochen worden. Aber sonst sei nie etwas Besonderes passiert.

»Manchmal haben wir Ärger, weil irgendwelche Leute Zeitungen aus Briefkästen ziehen und sie zerreißen«, sagt Hahn. Was dem Ehepaar aber die Arbeit als Zusteller richtig erschwere, sei das Ausschalten der Straßenbeleuchtung zwischen 1 Uhr nachts und 5 Uhr früh. Da sei es richtig finster im Ort. Aber man müsse die Dinge nun mal nehmen, wie sie sind.

In »ihrer« Zeitung liest Frau Hahn die Seiten mit den Nachrichten aus Buseck. »Und die Todesanzeigen«, sagte sie. Das Weltgeschehen nehme sie wahr. Sie wisse, was derzeit den Menschen das Leben schwer mache. Aber auch hier ist sie wieder ganz Kölnerin: »Wir lassen die Dinge auf uns zukommen.« Und wenn nun das Heizen und alles noch viel teurer werde? »Dann müssen wir eben noch mehr sparen.« Und obwohl sie lächelt, sieht man ihr an: Sie meint es ernst. Aber das Heizkörperthermostat stehe auf 5, wendet der Redakteur ein. »Das ist für Sie. Wenn wir hier wieder alleine sind, drehen wir auf 1 zurück. Das muss reichen«, sagt Frau Hahn und lächelt charmant.

Verlag und Redaktion danken auch diesen Jubilaren: Heinz-Günther Schmidt, Langgöns, 35 Jahre Zusteller, und Christian Brück, Rabenau, 30 Jahre Zusteller.

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