1. Startseite
  2. Kreis Gießen
  3. Buseck

»Kalif Storch« gibt sich die Ehre

Erstellt:

gikrei_wwPapiertheater2__4c
Wollen anderen eine Auszeit mit ihrem Puppentheater verschaffen. Das Busecker Ehepaar Susanne und Stefan Schweig steht kurz vor dem Start erster Aufführungen. © Dreyer

Aus der Nische ins Rampenlicht: Das Ehepaar Schweig aus Buseck hat das Papiertheater wiederentdeckt

Buseck (jbd). Einst fehlte es in keinem Wohnzimmer des Bildungsbürgertums, das sich sonntags damit gerne phantasievoll die Zeit vertrieb. Heute ist es fast in Vergessenheit geraten, wenn da nicht Enthusiasten wären.

Stefan Schweig aus Großen-Buseck haben das Papiertheater wiederentdeckt. Um 1810 entstanden die faszinierenden Miniaturbühnen in Deutschland und England, die Höhergestellten als Zeitvertreib diente. Aus diesem Grunde nennt die Großen-Busecker Ehepaar ihr Miniaturbühne auch die »Kleine Auszeit«. Sie sind dabei, dass erste Stück für öffentliche Auftritte zu proben. Das ist ein Erzähltheater mit Miniatur-Bühne, Kulissen und Figuren aus Papier (und Pappe), verbunden mit viel handwerklicher Kleinarbeit. Dazu kommen die Geschichte begleitende Musik und Sounds. Die beiden sprechen viele Rollen selbst, haben aber für ihre ersten Projekte auch prominente Gastsprecher dazugewonnen.

Wie entstand die Leidenschaft zu einem vergessenen Genre, dem die Schweigs seit geraumer Zeit nahezu ihre gesamte freie Zeit widmen? Als Unterhaltungsprogramm wurden in den bürgerlichen Wohnzimmern Märchen oder Opern von Erwachsenen nachgespielt, weiß Susanne Schweig. Sie sah 2019 in einem Spielzeugmuseum im Schwarzwald solch ein Papiertheater und fragte sich sofort: »Warum gibt es das nicht mehr?« Die Mutter von drei Kindern verliebte sich in die Miniaturbühnen, da sie auch ihrem Naturell entsprachen.

Vorliebe für Märchen

Schon früh auf Wanderungen hatte sie ihren Kindern Märchen erzählt, unterhielt später andere Kinder auf Mittelalter- und Weihnachtsmärkten. Als Erzieherin in einem Kindergarten ist Schweig das Theaterspiel nicht fremd, Feen, Königinnen und Zauberer gibt es dort zuhauf. Sie selbst schreibt gerne Märchen und entdeckte für sich das Kamishibai, ein aus Japan stammendes Papiertheater mit Bildkarten.

Als sie und ihr Ehemann Stefan 2020 ihre Hochzeit planten, entstand die Idee, die Freundes- und Familienkreise einander mittels eines selbst geschriebenen Märchens vorzustellen, damit sie sich besser kennenlernen. Sechs Wochen später war ein selbstgebautes Papiertheater aus Rahmen, Bodenplatte und Erzählschienen fertiggestellt, in dem die Figuren mit 3D-Effekt in den Kulissen geführt werden.

Hit auf der Hochzeit

Die Resonanz der Gäste auf das Mitmachtheater zur Hochzeit im vergangenen Sommer war so positiv, dass die beiden nun richtig loslegten und weiter an ihrem Konzept feilten. Bald darauf konnten sie ein richtiges Papiertheater mit Zubehör in Schwalmstadt günstig erwerben, eine gedruckte Reproduktion eines alten Theaters mit Kulissen zum Ausschneiden, wie die meisten aus der Zeit zwischen 1890 und 1960.

Früher gab es dazu auch Textbücher. Mit dem Aufkommen des Films geriet das Wohnzimmertheater aus dem Fokus der Gesellschaft, Kinder beschäfigten sich noch damit, bevor nur noch ein Nischendasein betritt.

Die Aktivitäten zur Erhaltung der Theaterform koordiniert und unterstützt heute der Verein »Forum Papiertheater Schloss Philippsruhe« mit Sitz in Hanau. Er unterhält auch ein Papiertheater-Museum. Deutschlandweit gibt es zehn bis zwölf Bühnen; Liebhaber der Tradition treffen sich auch bei speziellen Festivals.

Drei Stücke hat das kreative Paar in Arbeit und dafür einiges an Geld und Freizeit investiert. Stefan Schweig, der im Erwerbsberuf im ambulanten Dienst für die Begleitung psychisch kranker Menschen tätig ist, ist wie seine Frau Feuer und Flamme. Er schneidet die filigrane Formen mit dem Papierskalpell aus und klebt sie präzise auf stabile Architektenpappe, um sie zu fixieren.

Prominenz im Boot

Das Märchen »Kalif Storch« ist schon aufführungsreif. Für stimmliche Abwechslung bei den verschiedenen Protagonisten der Geschichte hatte Stefan Schweig hessische Prominente angefragt. Der erste, der zusagte, war Tobias Kämmerer von »Tobis Städtetrips« im HR-Fernsehen. Er war gleich bereit noch eine Rolle im nächsten Stück einzusprechen. Als Zweiter sagte Henni Nachtsheim vom Komiker-Duo Badesalz zu, der gleich betonte: »Für so was bin ich immer zu haben«. Stefan Schweig fügt gleich begeistert hinzu: Der »Man erkennt ihn sofort«. Nachtsheim hat sogar zugesagt, sich eine Aufführung ansehen zu wollen.

Für das Märchenstück wurden - neben Musik und Geräuschen - auch die Sprechrollen im Tonstudio aufgenommen, damit sich die beiden Aufführenden voll auf das Führen der Figuren konzentrieren können. Zunächst schien es unmöglich, in Großen-Buseck an eine geeignete, bezahlbare Räumlichkeit zu kommen, wo um die zwanzig Zuschauer vor der kleinen Bühne Platz finden.

Beim Spaziergang kamen sie mit einem anderen Hundehalter ins Gespräch, der sich als Sohn der Besitzer des schon länger geschlossenen Café Alberts in der Bismarckstraße herausstellte. Er ließ sie wissen, er hätte da wohl etwas für sie. »Mein Elternhaus«. Der ehemalige Gastraum dient jetzt als Aufführungsstätte.

Nachdem alle Genehmigungen erteilt sind, soll Mitte bis Ende Februar gestartet werden, doch vorerst nur für Freunde und Bekannte. Schweigs können sich vorstellen, samstags jeweils zwei Vorstellungstermine (16 Uhr und 19 Uhr) zu etablieren und damit einen neuen Akzent im Busecker Kulturleben zu setzen.

Für den Besuch einer 30- bis 45-minütigen »kleinen Auszeit« ist ein Eintrittspreis von fünf bis acht Euro geplant.

Mit Holz, Papier, Metall und Gummiband wird für die geplante Eigenproduktion »Falsche Töne in Musikalien«, das zweite Stück, noch intensiv gewerkelt. Vorlage für das dritte Projekt in Vorbereitung ist der Bilderbuch-Klassiker »Kennt ihr Blauland?«

Mit dem Papiertheater könne das erzählerische Kulturgut Märchen auf besondere Weise weitergetragen werden, meint Susanne Schweig. Ihr Anliegen ist es, »Kinder und Erwachsene dafür zu begeistern, um den positiven Geist von Geschichten wiederzuentdecken, in denen Schwierigkeiten, die das Leben mit sich bringt, überwunden werden«.

Viele Ideen, die umgesetzt werden sollen, haben die Schweigs. Musikalische Geschichten wie den »Nussknacker« oder etwa ein Konzeptalbum einer Rockband könnte auf der Minibühne umgesetzt werden.

Außerdem schweben dem »Auszeit«-Duo mobile Aufführungen in Schulen und Kindergärten sowie Vorstellungen in ihren Herkunftsregionen, der Pfalz und dem Saarland, vor. Weitere Infos gibt es im Internet unter www.papiertheater kleineauszeit.de oder auch per E-Mail an kleine.auszeit@email.de.

Auch interessant