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Riesenzoff im Kartverein

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Rainer Dörr Interimsvorsitzender © Thomas Wißner

Einmal mehr gab es eine Mitgliederversammlung des Kartvereins Oppenrod, der in einer Krise steckt. Der Vorstand wurde nicht entlastet, ein neuer Vorsitzender jetzt gewählt.

Buseck . Es wurde diskutiert, heftig gestritten, gebrüllt, die Tür zugeknallt und nachdem das Damoklesschwert eines Zwangsverwalters kurze Zeit über dem am 1965 gegründeten Kartverein (KV) Oppenrod schwebte, doch noch ein neuer (Not-)Vorstand gewählt.

Zuvor war am Dienstagabend dem scheidenden Vorstand um Andreas Gränz die Entlastung verweigert worden.

Den KV plagen arge Sorgen. Ein Rückbau eines für 250 000 Euro errichteten baurechtlich illegalen Fahrerlagers steht an, aber auch Ärger mit Burkhardsfeldenern, die sich massiv vom Lärm der Flitzer gestört fühlen. Behörden sind eingeschaltet. Zudem wird ein von einem Vorstandsmitglied zur Verfügung gestellter hoher Kredit kritisiert. Genug Zündstoff für die Hauptversammlung gab es damit.

In der Mitgliederversammlung in der Rahberghalle kochten dann auch drei Stunden lang die Emotionen hoch. Die fünfzig anwesenden Mitglieder des 260-köpfigen Vereins beruhigten sich erst, als eine Kompromisslösung für eine Übergangszeit gefunden worden war. Rainer Dörr wurde mit 30 Ja- und zwei Gegenstimmen zum neuen Vorsitzenden sowie Heiko Ollarius zu seinem Stellvertreter bestimmt.

Erstaunlich bei der Wahl des sechsköpfigen Übergangs-Vorstands war das Wahlergebnis für Schatzmeister Tobias Dippel, der ohne Gegenstimme mit 35 Ja-Stimmen das beste Ergebnis aller Kandidaten erzielte, nachdem diesem zuvor bei seiner Kandidatur zum Vorsitzenden noch die notwendige Zustimmung verweigert wurde. Als Technischer Leiter fungiert Sven Trosheim und als Sportlicher Leiter Lorenz Küster. Als Schriftführer gehört wie bisher Carsten Loubal dem Vorstand an.

Ollarius hatte nach einer Beratung bereits in einer Mitgliederversammlung Ende Oktober des Vorjahres einer fünfköpfigen Kommission die Kandidaten vorgestellt. Allerdings fehlten zwei der fünf Kommissionsmitglieder an dem Abend. Bei Dörr wurde umgehend Kritik laut, ob dieser überhaupt KV-Mitglied sei, was Ollarius mit dem Hinweis abwehrte, dass dies der Fall sei.

Die Kommission war gewählt worden, um die Schieflage des Vereins (der Anzeiger berichtete) aufzuarbeiten, konnte jedoch in der außerordentlichen Mitgliederversammlung zu Beginn des Jahres wie auch am Dienstagabend keine Stellungnahme abgeben, weil eine Aufarbeitung nicht möglich war. Diese soll nun in den nächsten drei Monaten erfolgen und dann eine außerordentlichen Mitgliederversammlung einberufen werden. Bis dahin soll der Interimsvorstand die Angelegenheit aufarbeiten.

Wahlleiter Reinhard Tropp war bewusst, auf was er sich nach seiner Wahl einließ. »Neu ist, dass der komplette Vorstand gewählt werden muss. Jetzt stehen wir vor der schwierigen Situation, das ein kompletter Umbruch im Verein stattfindet«.

Zwangsverwaltung abgewendet

Es zeichnete sich eine Mehrheit ab, die Wahl abzusetzen und sich in die Zwangsverwaltung zu begeben, um die Vorgänge abzuarbeiten. Doch der scheidende stellvertretende Vorsitzende Harald Gans wendete das Vorgehen ab. »Ihr könnt ja nicht erwarten, dass der Vorstand, den ihr nicht mehr wollt, sich selbst verklagt. Ihr gebt es aus der Hand. Ich verstehe nicht, wie ihr so viel Energie dafür verwendet, den Vorstand zu diskreditieren und dann nicht die Verantwortung übernehmen wollt.«

Begonnen hatte alles mit dem Bericht des Vorsitzenden Andreas Gränz. »Aufgrund von mehreren Beschwerden hatte uns das Regierungspräsidium (RP) aufgefordert die »Gestattung« einzuhalten und nahe gelegt, die Gestattungen so zu ändern, dass sie in die heutige Zeit passen.« Das sei Anfang Februar gewesen. Eine Immissionsprognose habe es gegeben. Gemessen wurde dabei an der Stelle der Beschwerdeführerin.

Dies alles sei am 17. März zur Voransicht beim zuständigen Regierungspräsidium in Gießen eingereicht worden. Hier werde jetzt entschieden, wie es weitergehe, erklärte Gränz.

Ein nicht anwesendes Mitglied hatte einen Fragenkatalog vorgelegt, der von Pressewart Christian Küster verlesen wurde. Hier ging es um den Bau des Fahrerlagers für 250 000 Euro und einem angenommenen »massiven Schaden«, beziffert zwischen 200 000 und 330 000 Euro.

Es habe weder eine Baugenehmigung noch eine Finanzierung vorgelegen. Zudem sei mit dem bisherigen Schatzmeister Ulrich Würtele ein Kreditvertrag mit einem Zinssatz von sechs Prozent über 240 000 Euro geschlossen worden.

Unterstellt wurde Gränz, dass dieser einem Vorstandsmitglied 1000 Euro für das Ausscheiden geboten habe. Auch dessen Organisation des Leihkartbetrieb wurde kritisiert. »In der Mitgliederversammlung 2019 sei der bisherige Vorstand noch vollumfänglich entlastet worden«, führte Chronist Andreas Michalski aus. »Die Mitglieder, die die Kassenprüfung mit einem fünfseitigen Bericht vorgenommen hatten, waren zwei langjährige Mitglieder und diese stellten damals den Antrag, den Vorstand nicht zu entlasten.« Im Gegensatz dazu habe die Mehrheit der Mitgliederversammlung den Vorstand dennoch entlastet. Allerdings werde jetzt von Mitgliedern beanstandet, dass einer der Kassenprüfer kein Mitglied war.«

Gränz betonte, dass er sich im November 2019 an den Vorstand gewandt habe, weil der Leihkartbetrieb so nicht mehr weiterzuführen sei und ihn überfordere. Er habe den Vorstand aufgefordert, für den Leihkartbetrieb eine Lösung zu finden, sei doch der Leihkartbetrieb die Haupteinnahmequelle des Vereins. »Im Januar 2020 gab es noch keine Lösung.« Deshalb habe er den Vorschlag gemacht, den Betrieb von der Kartbahn zu übernehmen, im Namen des Vereins und dafür habe er eine monatliche Miete von 5000 Euro angeboten. »Das ist richtig«. Dies sei aber auch schon in vorausgegangenen Versammlungen Thema gewesen.

Ein Mitglied fühlte sich vom Vorstand schlecht informiert »Fakt ist, dass die Leute im Juni 2021 schon gesagt haben, dass das Fahrerlager zurückgebaut werden muss. Uns als Mitgliedern wurde nur die Hälfte erzählt.« Im Januar wurde gesagt: »Wir bekommen das alles geregelt«. Es sei den Mitgliedern vermittelt worden, dass die Finanzierung und die Baugenehmigung steht. »Gelogen, Gelogen!«, empörte sich das Mitglied und warf dem Vorstand vor, »600 000 Euro auf der grünen Wiese versenkt« zu haben. Wer hafte nun dafür, der Verein? Oder diejenigen, die damals im Vorstand waren? Dem hielt ein anderes Mitglied entgegen, dass keiner verantwortlich gemacht werden müsse, da der Verein den Schaden auch tragen könne.

Auf die Frage, was denn der Rechtsbeistand zu allem sage, verwies Gränz darauf, dass vom RP Gießen noch keine Rückbauanordnung gekommen sei. »Bis diese nicht vorliegt, kann mir kein Anwalt helfen.« Von der Oberen und Unteren Naturschutzbehörde bekomme man gesagt, was genau macht werden müsse.

»Hier wird Geld verbrannt«

»Hier wird Geld verbrannt, das ist fast wie am Berliner Flughafen«, monierte ein Mitglied, während ein anderes vom Vorstand wissen wollte »Wie wollt ihr uns aus dem Sch... holen?«

Dazu verwies Gränz auf den Leihkartbetrieb, nur aus diesem könnten die finanziellen Mittel generiert werden. «Deshalb ist ein vernünftiges Leihkartkonzept notwendig, ob mit Angestellten oder Freiwilligen sei dahingestellt. Deshalb brauchen wir als allererstes einen vernünftigen Vorstand.«

Ausschlaggebend für den weiteren Betrieb der Kartbahn sei die Änderungsgenehmigung. »Durchgehen wird sie mit Sicherheit, die Frage ist nur wie? Ein kurzes Verfahren dauert zwei Monate und bei einem längeren Verfahren würden Stellungnahmen eingeholt.«

Das Thema Bau weiterer nicht genehmigter Gebäude wie Garagen werde in einem anderen Verfahren behandelt als die Betriebsgenehmigung.

Der bisherige Schatzmeisters Ulrich Würtele sprach von einem Jahresverlust von 44 000 Euro. Er meinte allerdings, dass Coronahilfen ausstehen würden, die den Betrag abdeckten. Die Einnahmen der Kartbahn beliefen sich auf 65 700 Euro nach 193 900 Euro im Jahr 2020. Die Einnahmen insgesamt auf 77 000 Euro nach 229 500 Euro.

Neben dem Rückgang bei den Kartbahneinnahmen sind auch die Mitgliedereinnahmen um 35 Prozent rückläufig. Spenden hatte der Verein 2021 keine erhalten.

Obwohl Kassenprüfer Thomas Dippel sich für die Entlastung aussprach, wurde diese aus formalen Gründen abgelehnt.

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Hoch her ging es auf der Mitgliederversammlung des Kartvereins Oppenrod. Andreas Gränz (stehend) musste sich unangenehmen Fragen stellen. © Wißner

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