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Trauriger Abverkauf

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Edith Richter hat Generationen von Beuernern in ihrem Lebensmittelladen begrüßt. Die 85-Jährige geht nach 72 Jahren im Geschäft in den Ruhestand. © Dreyer

Edith Richter kennt die Gewohnheiten ihrer Beuerner Kunden. Die 85-jährige Edeka-Betreiberin geht in den Ruhestand, allerdings auf Raten.

Buseck (jbd). »Findet ihr was? Soll ich euch helfen?« hört man sie den beiden Grundschulkindern zurufen, die gerade in den Laden gekommen sind. Es sind ihre letzten Tage in ihrem Geschäft in Beuern, das weiterbesteht. Das ist in einer Zeit wichtig, in der Tante-Emma-Läden bereits museumsreif erscheinen. Einer der wenigen ist auch weiterhin im kleinen Busecker Ortsteil Beuern zu finden, nur die 85-jähriges Inhaberin geht es seit dem 1. April geruhsamer an. Sie wickelt ihr Geschäft gerade ab. Immerhin seit 121 Jahren gibt es ein Lebensmittelgeschäft in Beuern.

Sobald ein Kunde eintritt, wird er von der rüstigen Senorin persönlich begrüßt und beraten. Für die seit Jahren alleinige Betreiberin des kleinen Edeka an der Hauptstraße wurde Realität, was sie seit Langem beschäftigt, das Aufhören.

72 Jahre im Laden gearbeitet

Nach 72 Jahren Arbeit im Geschäft, davon 66 als Verantwortliche, übergibt sie an einen Nachfolger. Ihr Laden wird nach einer Modernisierung der Gutkauf-Handelsgruppe angehören, die immer noch kleinere Dorfläden betreibt. Es gibt sie glücklicherweise noch, weil sich die Kundschaft hier besonders wohlfühlt und ein paar Groschen mehr auf den Tisch legt, weil wenige Meter zu Fuß - ganz ohne Auto - besonderen Komfort verheißen und die Umwelt schonen. Seit dem Benzinpreishöhenflug sind solche Geschäfte Gold in kleinen Orten.

Edith Richter kennte so gut wie alle Kunden, ihre Vorlieben und Essgewohnheiten. Mit den meisten war sie per Du. Wenn sie nicht gerade im Gespräch mit Kunden ist, räumt sie in ihren Regalen die Waren immer wieder nach ihren Vorstellungen um. »Ich bemühe mich, alles gut zu platzieren«, betont sie im Gespräch mit dem Anzeiger. »Das ist der Unterschied zum Supermarkt, dass man sich Mühe gibt«.

Das Bestreben, die individuellen Kundenbedürfnisse zu erfüllen, zeichnete Richter aus. In ihrem Laden gab es ein Sortiment von allem, was im Alltag benötigt wird, von frischen Backwaren an der Theke über Obst und Gemüse bis zu Schreibwaren, einer Postfiliale und diversen Kurzwaren. »Die gibt es nicht überall«, erklärt sie.

Viele ältere Dorfbewohner kaufen regelmäßig bei ihr ein, aber auch Jüngere, die gern ein persönliches Schwätzchen halten oder im Dorf einkaufen möchten. Einer Kundin erklärt »die Edith« nebenbei den Unterschied zwischen ausgehobenem und gewirktem Brot. Oder sie erinnert einen Stammkunden an früher, »wie wir im Winter mit den Pferdeschlitten nach Bersrod gefahren sind«.

Richter hatte bereits im Bäckereiladen der Großeltern, heute Wohnhaus, mitgeholfen, nachdem ihre Mutter starb, als sie zwölf Jahre alt war. »Die Schwester der Mutter war für mich verantwortlich«, erzählt sie. Von früh an ist sie gewohnt, selbstständig zu arbeiten und Verantwortung zu tragen. Die Bäckerei übernahm sie schon in jungen Jahren, nachdem sie die Handelsschule besucht und eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau in Gießen absolviert hatte.

Nachts stand sie in der Backstube und fuhr tagsüber Brot aus. Mit ihrem Ehemann hatte sie dann einen erfolgreichen Bäckermeister und Konditor an der Seite, dessen Kuchen sehr beliebt waren. Sie kümmerte sich um die gesamte Buchhaltung, er ums Handwerk, in dem er viele Lehrlinge ausbildete. Auch Edith Richter bildete zahlreiche junge Leute in ihrem Beruf aus.

Der Laden wurde in den 60er-Jahren umgebaut, »damals hochmodern«, ergänzt Richter und am jetzigen Ort eröffnet. Dort habe sie ständig mit mindestens drei Personen gearbeitet. Die vergangenen Jahre betrieb sie das Geschäft allein.

Wenn sie mittags für zwei Stunden schloss, war oft noch einiges im Verkaufsraum zu tun. Mittagessen, daran war erst später am Tag zu denken »Ich koche aber immer und backe mir jeden Sonntag einen Kuchen«, das entlaste sie, beschreibt Richter ihre Gewohnheiten.

Edith Richter hatte vier Kinder, zwei sind verstorben. Ihre Tochter, die zwei Kinder hat, wurde ebenfalls Einzelhandelskauffrau und backt leidenschaftlich gern. Die Mutter ihrer beiden weiteren Enkel half ihr manchmal montags im Laden. Der Ehemann erkrankte schwer und verstarb 2015.

Hobbies wie vor allem das Reiten blieben Mann, Kindern und Enkeln vorbehalten. Edith Richter sieht gerne zu und hat immer alle unterstützt, aber war nicht aktiv dabei. »Ich hatt‹ ja auch kei‹ Zeit dazu«, ergänzt sie schmunzelnd.

Der Sohn hat nun die Verträge mit dem Nachfolger, »eine nette türkischstämmige Familie«, so Richter, fertiggestellt. Die jetzige Einrichtung wurde bereits verkauft. Vor dem Umbau soll noch möglichst alles an Ware unter die Kundschaft gebracht werden, was einem Haltbarkeitsdatum unterliegt. Dafür möchte Richter noch länger öffnen. Um bis zu 50 Prozent hat sie die Preise teils reduziert.

Nach ihrem »Hilferuf« auf Facebook konnte sie an zwei Tagen den Ansturm von Kunden aus dem Umland kaum bewältigen. »Was da hier los war, das war echt eine Überforderung«, bemerkt sie, freut sich jedoch über weiteren Abverkauf.

Frische Lebensmittel wie Milch und Butter werden selbstverständlich auch jetzt noch nachbestellt. Um »den Kunden einen Gefallen zu tun« werden selbst Artikel wie ausgegangene Beileidskarten von ihr noch organisiert. Ein älterer Kunde meint anerkennend: »Mich wundert’s, was die Frau alles so reißt.«

Edith Richter will weitermachen

Für die Geschäftsfrau ist das Lebenswerk Dorfladen mit der Übergabe längst nicht abgeschlossen; sie möchte weiterhin mitarbeiten. »Sie müssen jeden Tag zu mir kommen«, habe der zukünftige Pächter sie gebeten, denn sie kenne ja die Kunden. Da sie dafür kein Geld bekommen möchte, habe der Sohn dem Nachfolger vorgeschlagen: »Geben Sie meiner Mutter die abgelaufenen Sachen«, berichtet sie augenzwinkernd. Denn Edith Richter versteht es, Übriggebliebenes, vor allem im Obst- und Gemüseregal, stets zu verwerten. »Da mache ich das beste Essen draus«. Und ein abgelaufenes Haltbarkeitsdatum ist für sie kein Grund zum Wegwerfen. Dieses Bewusstsein vermittelt sie auch ihren Kunden.

»Eine richtig tolle Frau«, so eine Kundin über Richter, die sicher etwas vermissen werde. Es sei »ein Laden mit Herz«. »Mir ist eigentlich keine Arbeit zu viel für den Kunden«, resümiert Edith Richter. So hat sie sich körperlich und geistig beweglich gehalten. In einem nachdenklichen Moment räumt die 85-Jährige ein, dass sie sich darüber, »mehr Ruhe zu haben«, vielleicht dann doch auch freuen könne. Es ist ihr zu wünschen! Eine weitere Verkäuferin für den »Neustart« wird derzeit noch gesucht.

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