1. Startseite
  2. Kreis Gießen
  3. Fernwald

Fernwald: Bares ist Rares

Erstellt: Aktualisiert:

gikrei_2105_dge_Fernwald_4c
Einen Geldautomaten der Sparkasse sucht man in Annerod vergeblich. Symbolfoto: dpa © Red

Vertreter der Sparkasse haben in der Gemeindevertretung erklärt, warum Geldautomaten abgebaut werden.

Fernwald (rrs). Wer in Fernwald Bargeld benötigt, muss wohl oder übel in einen Nachbarort fahren, denn hier gibt es zurzeit von der Sparkasse Gießen weder eine Filiale noch Geldautomaten.

Zu dem Problem standen Vorstandsvorsitzender Peter Wolf und Vorstandsmitglied Ilona Roth Rede und Antwort. »Die früheren zwei Sparkassen-Standorte in Fernwald sind Geschichte. Wegen zu geringer Nutzung wurde die SB-Filiale in der Erlenstraße in Annerod Ende September 2019 geschlossen. Die Steinbacher Filiale am Rathausplatz wurde Ende November durch eine Sprengung verwüstet und ist bis auf Weiteres nicht nutzbar«, schilderte Wolf die Lage.

In Absprache mit dem damaligen Bürgermeister Stefan Bechthold war ein neuer Geldautomat an der Großen-Busecker Straße geplant, sobald die Fertigstellung des Nahversorgungszentrums in greifbarer Nähe wäre.

Bargeldlos

»Wir überprüfen alle Standorte regelmäßig im Hinblick auf die Kundennutzung. Heute läuft fast alles über das Handy und alltägliche Bankangelegenheiten werden online erledigt. Die bargeldlosen Zahlungen haben seit 2019 die Barzahlungen deutlich überholt und das mit steigender Tendenz - unser Bargeldgeschäft nimmt komplett ab. Außerdem kann man sich zusätzliches Bargeld auch bei einer Kartenzahlung im Supermarkt über das Cashback-Verfahren auszahlen lassen«, resümierte Wolf und erklärte: »Es wird keinen neuen Geldautomaten in Annerod geben. Automaten zu betreiben, ist mit Befüllung, Versicherung, Wartung und Miete teuer und lohnt nur bei viel Publikumsverkehr wie an Bahnhöfen oder Einkaufsmeilen. Die Filiale in Steinbach wird Ende August wieder eröffnet, ein neuer Automat dort ist für Ende Juli geplant. Für die Sparkasse ist eine SB-Station über einer Fläche mit jeweils fünf Kilometer Entfernung für die Kunden durchaus zumutbar.«

Gesprengt

Nicht zu vergessen: Ende vergangenen Jahres ereilte die Sparkasse der Supergau. Innerhalb von drei Wochen wurden im Landkreis Gießen an drei Standorten, nämlich Steinbach, Langgöns und Hungen, Automaten gesprengt und das mit zunehmender Brutalität. Die Gangster setzen heute kein Gas mehr ein, sondern machen mit Festsprengstoff alles dem Erdboden gleich und verursachen so Schäden in Millionenhöhe.

Die Sparkasse hat nun ihre Automaten mit Farbpatronen aufgerüstet, die die Geldscheine einfärben und damit unbrauchbar machen. Außerdem lässt sie einige gefährdete Standorte sogar bewachen, was einige Sicherheitsunternehmen wegen der drohenden Lebensgefahr schon abgelehnt haben. »Diese Investition lohnt sich allerdings nur bei stark frequentierten Automaten, denn eine Aufrüstung schlägt mit rund 50 000 Euro zu Buche. Als Ersatz für abgebaute Automaten bieten wir für mobil eingeschränkte Personen aber einen Hol- und Bring-Service für Geld und Überweisungen an. Ein Anruf genügt«, entschuldigt Wolf die Ausdünnung von Filialen und Geldautomaten landesweit.

Es folgte eine hitzige Diskussion. Rainer Müller (Grüne) befürchtete, dass alte, kranke, wenig motorisierte sowie körperlich oder geistig beeinträchtigte Menschen ausgegrenzt würden. Gerade Ältere würden sich schwer tun mit Handy und PC, da müssten dann Kinder und Enkel helfend einspringen. »Hier wälzt die Sparkasse Verantwortung auf die Angehörigen ab.«

Daseinsvorsorge

Für Stefan Becker (FW) gehört ein SB-Banking-Terminal zur örtlichen Daseinsvorsorge. Die Sparkasse sei keine Privatbank, für sie stehe das Gemeingut an erster Stelle, was dem Automatenabbau strikt widerspreche. »Der gesellschaftliche Trend geht weg vom Bargeld und wenn benötigt, wird es einfach und schnell im Supermarkt an der Kasse geholt«, konterte Wolf.

Gerd Espanion (SPD) regte an, den alten Automaten in der Erlenstraße in Annerod wiederzubeleben. Bei Investitionskosten von rund 120 000 Euro sei das keine Option, betonte Wolf und bedauerte, dass Rewe keinen Automaten auf dem eigenen Parkplatz akzeptiert hätte.

Peter Steil (FDP) gab der Volksbank den Vorzug, da würde alles besser klappen. Behzad Borhani (Grüne) fragte nach Zahlen, die Wolf lieferte: »Im Landkreis Gießen gibt es 40 Geldautomaten, aber nur die Hälfte ist für uns wirklich rentabel, da stark frequentiert.«

Auch interessant