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Ohne Liebesheirat zur Erfolgsgeschichte

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Immer wieder ein besonderer Anblick: 2013 ist der Solarpark auf dem früheren Gelände der Erddeponie in Albach eröffnet worden. © Friese

Heute Abend wird das 50-jährige Bestehen der Gemeinde Fernwald nachgefeiert. Der Weg des Zusammenschlusses war eher steinig und kompliziert.

Fernwald. (vb). Begeisterung über das, was gerade unterzeichnet wurde, klingt anders. Man wolle versuchen, das Beste daraus zu machen. Dringend notwendig sei das gegenseitige Vertrauen, um diesen Vertrag mit dem Leben zu erfüllen, das die Bürger erwarteten. Mit diesen Worten zitierte der Gießener Anzeiger am 13. November 1971 den damaligen Steinbacher Bürgermeister Erich Haas. Dieser hatte bei einem gemeinsamen Termin mit seinen Kollegen Karl Huber aus Annerod und Richard Koch aus Albach sowie Landrat Ernst Türk den Grenzänderungsvertrag unterzeichnet. Damit schlossen sich die drei Orte zusammen. Dass die neue Gemeinde »Fernwald« heißen würde, stand zu dem Zeitpunkt noch nicht fest. Am 31. Dezember 1971 wurde das Bündnis offiziell. Heute Abend wird der 50. Geburtstag mit geladenen Gästen nachgefeiert.

Wer es freiwillig tat, sollte finanziell belohnt werden. Über einen Zeitraum von neun Jahren wollte das Land jenen Kommunen, die sich Anfang der 70er Jahre im Zuge der Gebietsreform zusammenschlossen, jeweils mindestens 115 000 Mark zusätzlich zahlen. Doch das Geld allein lockte nicht, vielerorts war der Weg zu größeren Kommunen ein steiniger und komplizierter.

Auch in Fernwald lief nicht alles glatt. Annerod wäre gerne zur Stadt Gießen gegangen, Steinbach hatte neben Gießen und Albach auch Lich und Pohlheim als potenzielle Partner im Blick. »Der Dreierbund wurde jetzt perfekt« lautete die Überschrift über dem bereits erwähnten Anzeiger-Bericht vom 13. November 1971. »Landrat Ernst Türk dankte den Gemeindevertretungen, dass sie sich doch noch aufgrund ihres Mutes zur Entscheidung im Interesse der Bürgerschaft zusammengefunden haben«, hieß es in dem Artikel.

Bürgermeisterei beschmiert

Offenkundig waren aber nicht alle Bürger mit dem Schritt einverstanden. Denn drei Tage später erfuhren die Leser, dass die Steinbacher Bürgermeisterei in rosaroter Farbe mit Hakenkreuzen und dem Spruch »Drei Diktatoren haben ihr Ziel erreicht« beschmiert worden war.

Von »Fernwald« war im Anzeiger erstmals am 15. Dezember 1971 die Rede im Bericht über eine Parlamentssitzung in Steinbach. Der Namensvorschlag kam vom Hessischen Staatsarchiv. Der Fernewald gehörte damals noch zu Gießen, dies änderte sich erst mit dem Abschlussgesetz zur Gebietsreform. Doch der Wald war ein verbindendes Element zwischen den Gemarkungen Annerod und Steinbach. Im Anzeiger hieß es, dass der neue Name »Schmunzeln auf den Gesichtern der Parlamentarier« hervorrief.

Annerod hatte sich Anfang 1971 für Verhandlungen über einen Zusammenschluss ausgesprochen. Doch im Laufe des Jahres kamen Bedenken auf, die neue Gemeinde sei wegen zu weniger Einwohner nicht existenzfähig. Ein Anschluss an Gießen sei in fernerer Zukunft unumgänglich, schrieb der langjährige Kommunalpolitiker Adolf Wallbott in einem historischen Rückblick. In einer nicht-öffentlichen Sitzung im September sprachen sich alle Gemeindevertreter gegen einen Zusammenschluss mit Albach und Steinbach aus.

Einige Wochen später änderte die SPD ihre Meinung. Wie der Anzeiger berichtete, war den Mandatsträgern klargemacht worden, dass es im Falle eines von der Landesregierung per Gesetz verordneten Zusammenschlusses keine höheren Schlüsselzuweisungen geben werde.

FWG Annerod für Zusammenschluss mit Gießen

Am 8. November stimmten fünf SPD-Gemeindevertreter für den Zusammenschluss, drei Vertreter der FWG und einer der SPD dagegen. Ein FWG-Antrag auf Zusammenschluss mit Gießen wurde abgelehnt, ebenso eine Bürgerversammlung. Wie Zeitungsberichte zeigen, verliefen die Abstimmungen in Steinbach und Albach weniger kontrovers.

Doch das erste Jahr der neuen Gemeinde war von Querelen und Ärgernissen geprägt. So hieß es in einem Zeitungstext: »Zwei Wochen nach Bildung der neuen Großgemeinde fühlen sich die Steinbacher von Annerod betrogen.« Die kommissarische Gemeindevertretung bestand aus den ehemaligen Parlamenten der drei Orte. Wallbott nannte als ein Beispiel, dass die Steinbacher Gemeindevertreter dem Haushalt die Zustimmung verweigerten, weil die anderen Parlamentarier sich nicht dazu entschließen konnten, eine Erweiterung des Steinbacher Rathauses - Sitz der Gemeindeverwaltung - in Angriff zu nehmen und dafür die aus heutiger Sicht lächerliche Summe von 15 000 Mark bereitzustellen.

Die Dienstgeschäfte leitete damals kommissarisch der frühere Anneröder Bürgermeister Huber. Der bisherige Steinbacher Bürgermeister Haas war hauptamtlicher Beigeordneter. Der Albacher Bürgermeister Koch wurde Bediensteter der Gemeinde.

Das politische Klima beruhigte sich erst nach der Kommunalwahl im Oktober 1972, zu der neben SPD und FWG erstmals die CDU antrat, sowie nach der Bürgermeisterwahl am 15. Januar 1973. Der parteilose Dieter Howe aus Alsfeld erhielt 15 Stimmen, sieben Gemeindevertreter stimmten für Karl-Otto Huber. Howe prägte in den folgenden 31 Jahren die Entwicklung der Gemeinde. 2004 zog er sich zurück. Matthias Klose (CDU) wurde zum Bürgermeister gewählt, musste sich aber bereits nach einer Wahlperiode Stefan Bechthold (SPD) geschlagen geben. Dieser entschied sich nach zwei Amtsperioden, nicht erneut anzutreten. Sein Nachfolger ist seit 1. Januar Manuel Rosenke (parteilos).

Der Grenzänderungsvertrag sah vor, dass bei Investitionen »wertgleiche Bedingungen für die Bürger aller Ortsteile geschaffen beziehungsweise erhalten werden«. In diesem Sinne machten sich die Parlamentarier an die Arbeit: Baugebiete wurden auf den Weg gebracht, die Fernwaldhalle und die Turnhalle in Annerod gebaut, in Albach die Schule umgebaut und das Feuerwehrgerätehaus erneuert. Später folgten unter anderem ein neues Gerätehaus für Steinbach, ein neuer Kindergarten in Albach, ein Bürgerhaus für Annerod, das eigene TV-Kabelnetz und das Seniorenheim in Annerod. In den späten 2000er Jahren steckte die Gemeinde viel Geld in den Ausbau des Lärmschutzes an der A 5.

Heute über 3000 Einwohner mehr

In 50 Jahren hat sich die Zahl der Einwohner kräftig erhöht. 1971 waren es rund 4200 Bürger, Ende 2021 dann 7424. Zur Entwicklung haben in den vergangenen Jahrzehnten auch Baugebiete wie »Senser II« in Albach oder die diversen Abschnitte des Gebiets »Jägersplatt« in Annerod beigetragen. In Steinbach entstanden auf dem früheren Festplatz die »Steinbacher Gärten«. Eine wichtige Errungenschaft war 2013 die Eröffnung des Solarparks in Albach. Das Gelände war zuerst eine Raketenstation. Seit den 1990er Jahren betrieb die Gemeinde dort eine Erddeponie, die all die Jahre kräftig Einnahmen in die Kasse gespült hatte.

Albach stand auch im Mittelpunkt eines erbitterten Streits, der 2017/18 die Berichterstattung über die Gemeinde prägte: das Aus der Einsatzabteilung der Freiwilligen Feuerwehr. Und auch das politische Klima war lange nicht gut. In der Gemeindevertretung kam es bei allen möglichen Themen zu Streitereien. Akteneinsichtsausschüsse wurden eingesetzt. Tiefpunkt war eine Strafanzeige, die unter anderem Bürgermeister Bechthold betraf.

Aber es haben sich auch in den vergangenen Jahren viele Dinge entwickelt. Nach langen Planungen steht nun fest, dass Annerod einen neuen Kindergarten bekommt. Direkt daneben entsteht ein Discounter. Außerdem wird die örtliche Grundschule erweitert. In Steinbach steht die Sanierung von Rathaus und Fernwaldhalle an. Die Fernwalder können stolz auf das sein, was in den 50 Jahren in ihrer Gemeinde passiert ist, auch wenn die Erfolgsgeschichte nicht mit einer Liebesheirat begann.

Die Veranstaltung heute Abend bietet auch Gelegenheit, den Amtswechsel im festlichen Rahmen zu vollziehen. Pandemie-bedingt hatten der Abschied von Stefan Bechthold und die Ernennung von Manuel Rosenke bei einer Parlamentssitzung stattgefunden.

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Bis zum Neubau von Rathaus und Fernwaldhalle saßen die Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung in diesem Haus in Steinbach - heute eine Filiale der Sparkasse Gießen. © Friese
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Ein Schmuckstück: In diesem sanierten Fachwerkhaus in Annerod befindet sich das Heimatmuseum. © Friese

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