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Ein Leben zwischen den Welten

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Hartmut Miethe Foto: Schütte © Schütte

Im traditionellen Vortrag im Barfüßerkloster zum 20. Juli 1944 ging Pfarrer i. R. Hartmut Miethe auf die Schicksale einiger Künstlerinnen und Künstler im Dritten Reich ein.

Grünberg (hgt). Im traditionellen Vortrag im Barfüßerkloster zum 20. Juli 1944 ging Pfarrer i. R. Hartmut Miethe auf die Schicksale einiger Künstlerinnen und Künstler im Dritten Reich ein. Die Veranstaltung fand im Rahmen des Jahresprogramms des Barfüßer-Förderkreises Kultur statt.

Nachdem man sich im Gedenken an den Tag des Deutschen Widerstandes zu einer Gedenkminute von den Plätzen erhoben hatte, nahm Miethe für sein Referat Bezug auf den Ausstellungskatalog »Kunst Für Keinen« (1933-1944). Die in diesem Jahr in der Schirn Kunsthalle Frankfurt präsentierte Ausstellung hat das Interesse vieler Besucher auf ein sehr brisantes Thema gelenkt: Wer bestimmt, was Kunst ist?

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten brachen für viele Kunstschaffende harte und gefährliche Zeiten an. Der Begriff der entarteten Kunst machte sehr schnell die Runde und führte zu Berufsverboten, Ausstellungsverboten bis hin zu Existenzverboten. Nicht nur jüdische Künstler gerieten ins Visier der nationalsozialistischen Kunstkritik, sondern überhaupt Männer und Frauen, die sich nicht den ästhetischen Maßstäben des Nationalsozialismus beugten.

Bereits durch die Verbrennung von Büchern im Mai 1933 in Berlin unter den Linden wurde für alle Kulturschaffenden deutlich, dass eine düstere Zeit begann. Dies war bereits für viele Schriftsteller Grund genug, sich ins Exil zu begeben. Andere versuchten sich zunächst durch Wohlverhalten und Stillhalten zu sichern. Besonders Schauspieler nutzten ihre guten Kontakte zu nationalsozialistischen Größen, um weiter im Geschäft zu bleiben. Ein Beispiel ist der später in der Bundesrepublik vergötterte Schauspieler Heinz Rühmann.

Künstlerische Spagatversuche

Die Ausstellung »Kunst Für Keinen« zeigte auf, wie Künstler immer wieder neue Spagate versuchten zwischen privater, abgeschirmter Existenz und einer gewissen Präsentation trotz Gefahr in der Öffentlichkeit. Die Münchner Ausstellung »Entartete Kunst« am 19. Juli 1937 war ein zweiter bedeutsamer Schritt der Zensur innerhalb des Dritten Reiches. Wer in dieser Ausstellung präsentiert wurde, war nicht nur als Kunstschaffender ruiniert, sondern in seiner ganzen Existenz bedroht. Still und leise sammelten aber einige Nazigrößen genau von diesen verurteilten Künstlern Werke, um sie aus finanziellen Gründen als Kapitalanlage zurückzulegen.

Ein Beispiel für ein Leben zwischen den Welten stellte die berühmte Künstlerin Käthe Kollwitz dar, die zwar auch sehr kritisch beobachtet wurde, andererseits aber auch Gönner fand, die sie beschützt haben. Ernst Barlach und Emil Nolde versuchten auch, sich durch das schwere Gewässer zwischen Verbot und Berufserlaubnis hindurch zu kämpfen. In den letzten Jahren ist gerade Nolde in den Verdacht geraten, sich stärker mit dem System arrangiert zu haben, als er es in seinen biografischen Zeugnissen zugegeben hat.

Biografien und Werkbeispiele

Wie für alle Menschen, die in Diktaturen leben, gilt das Unvermögen der Nachgeborenen bei der Betrachtung ihrer Werke. Hätten sie sich ihrer Kunst verweigern sollen oder Widerstand leisten müssen? Unzählige Fragen, die bis heute immer wieder herausfordern und vor erneute philosophische und kunsthistorische Wertungen führen. Miethe zeigte an Biografien und Werkbeispielen von Willi Baumeister, Otto Dix, Hans Grundig, Lea Grundig, Werner Heldt, Hannah Höch und Marta Hoepffner die von ihm beschriebenen Spannungsfelder auf.

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