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Lebendiges Lebensbild

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Gabriele Gareis-Stammler, Carmen Lange und Chris Sima (v.l.) mit einem Foto der Dichterin. © Schütte

Die jüdische Dichterin Mascha Kaléko stand im Mittelpunkt einer Lesung im Museum im Spital in Grünberg.

Grünberg (hgt). In einer eindrucksvollen und ausdrucksstarken Lesung im Museum im Spital in Anwesenheit von rund 30 Zuhörerinnen und Zuhörern vermochten die drei Protagonistinnen, Gabriele Gareis-Stammler, Carmen Lange und Chris Sima, ehemalige Lehrerinnen an der Theo-Koch-Schule, von der jüdischen Dichterin Mascha Kaléko (1907-1975) unter Zuhilfenahme von Zitaten und Texten ein lebendiges Lebensbild zu zeichnen. Mit leisen, subtil vorgetragenen Tönen orientierte sich die Lesung an den Lebensstationen der jüdischen Dichterin. Kaléko wurde am 7. Juni 1907 in Chrzanów in Galizien geboren und starb am 21. Januar 1975 in Zürich, wo sich auch ihr Grab auf dem jüdischen Friedhof Oberer Friesenberg befindet. Sie war eine deutschsprachige, der Neuen Sachlichkeit zugerechnete Dichterin. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges übersiedelte zunächst die Mutter mit den Töchtern Mascha und Lea nach Deutschland, um Pogromen zu entgehen. Die Volksschule besuchte Kaléko in Frankfurt am Main und 1916 zog die Familie nach Marburg, anschließend 1918 nach Berlin ins Scheunenviertel der Spandauer Vorstadt. Hier verbrachte Kaléko als gute Schülerin ihre Schul- und Studienzeit. Als sie nach dem Krieg Berlin besuchte, wurde ihr der Einlass in die frühere noch bestehende Wohnung verwehrt. Beim Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands begann sie eine Bürolehre und nebenher besuchte sie Abendkurse in Philosophie und Psychologie. 1928 heiratete sie den knapp zehn Jahre älteren Hebräischlehrer Saul Aaron Kaléko, den sie seit 1926 kannte. Ende der 1920er Jahre kam sie mit der künstlerischen Avantgarde Berlins im Romanischen Café in Kontakt und lernte unter anderem Else Lasker-Schüler und Joachim Ringelnatz kennen. Ihre ersten Kabarett-Gedichte wurden 1929 veröffentlicht. Sie spiegelten die Lebenswelt der kleinen Leute und die Atmosphäre im Berlin ihrer Zeit wider. Ab 1930 wirkte sie beim Rundfunk und im Künstlerkabarett (Küka) mit. Die Texte wurden von Edmund Nick und Günter Neumann vertont und unter anderem von Rosa Valetti und Claire Walldorf vorgetragen. Das »Lyrische Stenogrammheft«, über das der Philosoph Martin Heidegger 1959 an sie schrieb: »Ihr Stenogrammheft sagt, dass Sie alles wissen, was Sterblichen zu wissen gegeben,« publizierte sie 1933. Von der Bücherverbrennung im Mai 1933 war sie nicht betroffen, da die Nationalsozialisten noch nicht ihre jüdische Herkunft kannten. Doch bald wurden ihre Bücher als »schädliche und unerwünschte Schriften« von den Nationalsozialisten verboten und sie 1935 aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen. Auch jede weitere schriftstellerische Tätigkeit in Deutschland war ihr untersagt. Im Dezember 1936 kam ihr Sohn zur Welt und nach der Scheidung von ihrem ersten Mann 1938 heiratete sie sechs Tage später den Vater ihres Sohnes, den Dirigenten und Musikwissenschaftler Chemjo Vinaver. Den Namen Kaléko behielt sie als Künstlernamen bei.

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