1. Startseite
  2. Kreis Gießen
  3. Grünberg

Letzter Zeitzeuge verstorben

Erstellt:

gikrei1811aPaulGerhardKu_4c
Paul Gerhard Kusserow © Red

Paul Gerhard Kusserow, letzter Zeitzeuge aus der NS-Opferfamilie, ist im Alter von 91 Jahren in Grünberg verstorben.

Grünberg (red). Paul Gerhard Kusserow, letzter Zeitzeuge aus der NS-Opferfamilie, ist im Alter von 91 Jahren in Grünberg verstorben. Das teilten die Zeugen Jehovas in einer Pressemitteilung mit.

Paul Gerhard war das elfte und damit letzte Kind von Franz und Hilda Kusserow und machte so mit seiner Geburt 1931 das Familienglück komplett.

Die Kusserows sind Zeugen Jehovas und in der Familie wird daher oft und gern über den Glauben gesprochen. Besonders die Bibel spielt eine zentrale Rolle. Auch bei den Nachbarn ist die Familie beliebt. Doch der aufkeimende NS-Terror wird dem Familienidyll bald ein jähes Ende setzten.

Kurz nachdem Adolf Hitler 1933 zum Reichskanzler ernannt wird, verbot die NSDAP Jehovas Zeugen. Die Kusserows machten jedoch deutlich, dass sie sich als Christen »politisch neutral« verhalten wollten. In der Schule verweigerten die Kinder, darunter auch Paul Gerhard, beispielsweise den »Hitler-Gruß« und das Singen des »Deutschlandliedes«. Jahrelang wird das Haus der Kusserows von der Gestapo beschattet. Es erfolgen zahlreiche Durchsuchungen, bei denen alles verwüstet wird. Der Vater wird aus dem Postdienst entlassen mit der Begründung, ein »die Öffentlichkeit bedrohender Gewohnheitsverbrecher« zu sein, nur weil er die Bibel las. Doch das war erst der Anfang.

Bald werden die älteren Geschwister sowie der Vater wegen Wehrdienstverweigerung zu mehrjährigen Haftstrafen in verschiedenen Zuchthäusern und Konzentrationslagern, darunter die berüchtigten Lager Ravensbrück, Sachsenhausen und Dachau, verurteilt. Eines Tages steht die Gestapo wieder vor der Tür der Kusserows. Dieses Mal, um den siebenjährigen Paul Gerhard zusammen mit seinen Geschwistern Elisabeth und Hans Werner abzuholen. Das Letzte, was versucht wurde: sie sollten ›Heil Hitler‹ sagen, und das haben sie nicht getan. Lange Zeit wusste keiner in der Familie, wohin die Kinder gebracht worden waren.

1942 kommt Paul Gerhard schließlich nach Siddinghausen zu einer fremden Pflegefamilie, die als »reichstreu« gilt. Auf deren Bauernhof muss der inzwischen Elfjährige jeden Tag nach der Schule schwer arbeiten. Auch wenn er dort, wie er sagte, »freundlich behandelt« wurde, so vermisste er natürlich seine Familie. 1944, als er einmal die Erlaubnis der Pflegemutter bekam, einen Ausflug zu machen, besuchte er heimlich eine Familie in Soest, die auch Zeugen Jehovas waren. Dort bekannte er sich offiziell zu seinem Glauben und ließ sich in einer Badewanne taufen.

Kurz nach der Befreiung durch die Alliierten hält 1945 plötzlich ein Auto vor dem Bauernhof von Paul Gerhards Pflegefamilie. Ein ehemaliger Häftling aus dem KZ Wewelsburg in gestreiftem Haftanzug steigt aus und ruft zu einem Jungen, der gerade Holz hackt: »Hallo, sag mal, wohnt hier ein kleiner Junge, der in der Bibel liest und in der Schule kein ›Heil Hitler‹ sagen wollte?« Da sagte Paul Gerhard: »Das muss ich wohl sein!« »Du bist frei, pack deine Sachen, du kommst mit.« Schließlich wurde er von Freunden der Familie wieder zu seinem Elternhaus nach Bad Lippspringe gebracht. Doch wie der 14-Jährige bereits erfahren musste, werden nicht alle seine Geschwister heimkehren. Seine älteren Brüder Wilhelm und Wolfgang wurden wegen Wehrdienstverweigerung 1940 und 1942 im Alter von 20 und 25 Jahren hingerichtet. Die überlebenden Familienmitglieder kehren völlig geschwächt und krank aus den Konzentrationslagern zurück.

Auch Paul Gerhard Kusserows weiteres Leben verlief nicht ohne Rückschläge - seine erste Frau Ilse und seine Tochter Brigitte verstarben früh. Er blieb ein lebensbejahender und hoffnungsvoller Mensch. Er besuchte als Zeitzeuge oft zusammen mit seinen Schwestern internationale Gedenkveranstaltungen, um über die Geschichte von Jehovas Zeugen zur NS-Zeit zu informieren - seine Geschichte. Die letzten Jahre lebte er zusammen mit seiner zweiten Ehefrau Claudia in Queckborn.

Außerdem kämpfte er bis zu seinem Tod für die Herausgabe des historisch wertvollen Archivs seiner Schwester Annemarie - eine Sammlung an Fotos, Briefen und Dokumenten der Familie aus der NS-Zeit - welche das Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden mittlerweile sein Eigen nennt. An das Leid der Familie erinnern 13 Stolpersteine vor dem ehemaligen Familienhaus in Bad Lippspringe.

Foto: Zeugen Jehovas

Auch interessant