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Von Heiratswunsch bis Brunnenstreit

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Von: Klaus Kächler

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Fünf Kilo schwer und randvoll mit Geschichte: Die Ratsprotokolle. Foto: Stadtarchiv Grünberg © Stadtarchiv Grünberg

Die historischen Grünberger Ratsprotokolle geben interessante Aspekte der Stadtgeschichte preis.

Grünberg (klk/red). »Actum Grünberg am IIten Aug[ust] 1702«. So beginnt das älteste im Grünberger Stadtarchiv verwahrte Ratsprotokoll. Der folgende Eintrag befasst sich mit dem Schneidergesellen Conrad Kalckbrenner aus Alten-Buseck, der in der Absicht, die Witwe des Johannes Wahl zu heiraten, um Aufnahme in die Grünberger Bürgerschaft bittet. Unter dem Verweis, dass er »zuvor seine Gebuhrts- und Lehrbrieff einbringen« solle, wird ihm eine entsprechende »Resolution« wohlwollend in Aussicht gestellt.

Was unter der mutmaßlich trockenen Bezeichnung »Ratsprotokolle« im Grünberger Stadtarchiv lagert, enthält durchaus spannende Geschichten und ist überdies eine profunde Quellensammlung für die Stadtgeschichte. Immerhin 320 Jahre, von 1702 bis in die Gegenwart, sind - wie in einem »Tagebuch der Gallusstadt« - abgebildet. Umso schöner, dass anlässlich des 800-jährigen Stadtjubiläums 2022 die ersten der beiden je rund fünf Kilo schweren Bände renoviert und damit der Nachwelt erhalten wurden.

Neben sozial- und familiengeschichtlich interessanten Einträgen erfährt der Leser auch kirchen- und baugeschichtlich Wissenswertes. Die Niederschrift vom 20. November 1702 berichtet etwa, dass »wie bekand« und »auch die Erfahrung eine lange Zeith her gebracht, die Orgeln hiesiger Stadtkirche sehr schad- und mangelhafft, auch in solchem Stand sich befindet, daß selbige fast nicht mehr zu repariren« ist. Der Rat sah sich »dahero hochgenöthiget, ein ander corpus anzuschaffen […]«, um das Orgelspiel für Grünberg zu erhalten. Auch im August 1726 war die Stadtkirche Thema. Im Jahr zuvor sind »durch das damalige Hagelwetter die hiesigen Kirchen-Fenster […] gantz zerschlagen« worden. Der Rat beschloss daraufhin, »lauter kleine scheibe[n], wie die vorige gewesen,« anzuschaffen und, »mit bley wohlversehen«, durch den Glaser Bernhard Kauffmann wiedereinsetzen zu lassen.

Am Ende des ersten, bis zum Jahr 1733 reichenden Ratsprotokollbandes findet sich ein für die Nutzung hilfreiches Namensregister, das teilweise auch sachthematische Begriffe aufführt. So wird man unter dem Stichwort »Ordnung, die Bierbrauer und Brunnenmeister […] betreffend« auf Seite 409 des Protokollbuchs verwiesen. Dort ist nachzulesen, dass am 18. November 1716 eine entsprechende Ordnung erlassen wurde, »nachdem zwischen den Bierbrauern insonderheit deß kleinen Brauhauses und […] denen Brunnenmeistern umb deß Brunnen wegen allerhand und vielfaltiger streit entstehet«. Der Rat bemühte sich daraufhin, den Konflikt über die Gewährleistung einer gerechten Wasserverteilung beizulegen.

Der zweite restaurierte Ratsprotokollband umfasst die Zeit von 1734 bis 1770. Am 17. Januar 1735 verhandelt der Grünberger Rat darin die Bewerbung des Sebastian Kreuder aus Grünberg um die Stelle des »Ober Hoffmeisters im Hospital allhier«. Kreuder begründet seine Bewerbung damit, »dass der bißherige Ober Hoffmeister […] hohen Alters und Baufälligkeit halber nicht mehr im Stand seye, seine Dienste ferner zu verrichten«. Er führt für sich sprechend an, »daß er jeder Zeit sich eines christlich stillen und unbescholtenen LebensWandels« befleißigt habe und sich somit »zu den Diensten eines Ober Hoffmeister, so die tagl[iche] Betstunde im Hospital zu halten hat, umb so mehr schicke«. Seiner Bewerbung wurde stattgegeben, jedoch nicht ohne ihn zu »treufleißiger Beobachtung seiner Dienste« zu ermahnen.

Ermahnt wurde gut dreieinhalb Jahre später auch der Häfner Johannes Bürger aus Grünberg, nachdem der Rat »gewahr worden«, dass dieser »ein Bäugen [Gebäude] nechst an die StadtMauer gesetzt« und dadurch »dem Fundament der Mauer zu nahe gekommen« war. Man befürchtete, »daß solches der StadtMauer dereinst Schaden bringen mögte«. Johannes Bürger musste dem gesamten Rat versichern, für etwaige künftige Schäden an der Stadtmauer aufzukommen und keine weiteren baulichen Veränderungen ohne vorherige Genehmigung des Stadtrates vorzunehmen.

Über zehn Kilogramm Stadtgeschichte auf rund 1650 Seiten schlummern mit den beiden nun wiederhergestellten Ratsprotokollbänden im Stadtarchiv. Eine sicherlich zeitintensive, aber lohnenswerte und spannende Reise in die Geschichte der Gallusstadt.

Das Grünberger Stadtarchiv lädt alle Interessierten auf diese Entdeckungsreise ein. Die wiederhergestellten wie auch die übrigen Ratsprotokolle sind für Nachforschungen öffentlich zugänglich.

Das Stadtarchiv im ersten Stock des Freibadgebäudes ist in der Regel donnerstags und freitags Vormittag nach Terminvereinbarung geöffnet (Telefon: 06401/804-116 oder 06401/2107717; E-Mail: m.soehngen@gruenberg.de).

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