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Wissenswertes und Vergessenes

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Dr. Andrea Pühringer und Prof. Dr. Holger Gräfe bei der Präsentation des Grünberger Stadtlexikons. © Schütte

Grünberg (hgt). Im Rahmen des Festaktes zur 800-Jahr-Feier Grünbergs beschäftigten sich Pfarrer Alexander Röhr (evangelische Kirchengemeinde), Pfarrer Ciprian Tiba (katholischen Kirchengemeinde) und Pfarrer Björn Zymna (Evangelische Stadtmission Grünberg) in einer gemeinsamen Andacht nicht nur mit dem Krieg in der Ukraine, sondern auch mit der wechselvollen Stadtgeschichte.

Kirche als ältester Verein Grünbergs

Tiba war dankbar, dass die Vertreter der Kirchen diesen Festakt mitgestalten konnten. Als Predigtext hatten sie sich aus dem Buch Jeremia Kapitel 29, Vers 7 ausgesucht: »Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Herrn; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl.« Röhr merkte in seinem Predigttext an, dass seit der ersten urkundlichen Erwähnung im Jahr 1222 die Kirche in Grünberg der älteste Verein sei. In der Stadt existierten einst mit einem Antoniter-, einem Franziskaner/Barfüßer- und einem Augustinerinnen-Kloster drei Klöster, die im Zuge der Reformation aufgelöst wurden, wobei das Augustinerinnen-Kloster 1537 offiziell geschlossen wurde, die Nonnen darin bis ins 19. Jahrhundert ein Hospital unterhielten, das später als Altenheim der Stadt genutzt wurde.

Die Kirche habe im Laufe der Jahrhunderte bis heute unterschiedlichen Strömungen unterlegen und wurde immer wieder vor neue Herausforderungen gestellt. Die im Mittelalter erbaute Marienkirche stürzte 1812 ein, ihr folgte der Kirchturm im Jahr 1816. Der Neubau einer Kirche wurde nach einigen Verzögerungen am 28. August 1853 eingeweiht. Zyma betonte, dass der Glaube an Gott immer eine wichtige Rolle im Christentum gespielt habe und mit einem Gebet schloss Tiba die gemeinsame Andacht.

Lockere Gesprächsrunde

Mit Bürgermeister Marcel Schlosser, Dr. Werner Faust, Bettina Henß vom familienfreundlichen Bürgerteam und dem angehenden Abiturient Ben Pieler von der Theo-Koch-Schule formierte sich eine lockere Gesprächsrunde, die Vorstellungen und Zielsetzungen für die Zukunft der Stadt formulierte. Dabei wies Schlosser darauf hin, dass sich viele Vereine mit Veranstaltungen noch in das Jubiläumsjahr einbringen. Faust, über viele Jahre Bürstmeister beim Gallusmarkt, brachte seine Verbundenheit mit der Stadt in einem Gedicht zum Ausdruck. Den Besuchern müsse man die Stadt näherbringen, doch leider sehen einige Fachwerhäuser nicht mehr stabil aus und bedürften eine Sanierung.

Henß betonte, dass sie mit ihrem Team noch viele Ideen verwirklichen will und verwies auf das geplante Familienfest mit dem TSV Grünberg. Pieler, der aus München stammt, will sich ebenfalls für Grünberg einsetzen. Verkehrstechnisch sei Grünberg noch ausbaufähig und auch er freue sich, wenn der Gallusmarkt wieder stattfinden kann.

Stadtlexikon erstellt

Ex-Bürgermeister Frank Ide berichtete über die Entstehung des Stadtlexikons. Bei den Vorbereitungen habe man die Erstellung einer Chronik für solche Anlässe bald verworfen und sei dem Vorschlag des Historikerehepaars Prof. Dr. Holger Gräf und Dr. Andrea Pühringer zur Erstellung eines Stadtlexikons gefolgt und sich seit 2017 in einem gebildeten Arbeitskreis an die Arbeit gemacht. An der Erstellung des Buchs wurde die Bevölkerung durch die Presse zur Mitarbeit aufgerufen und etwa 60 namentlich genannte Autoren haben daran mitgewirkt.

Anschließend stellten die Pateneltern des Stadtlexikons, wie Ide das Historikerehepaar nannte, das Werk vor. Gut 370 Stichwörter und mehr als 460 Abbildungen auf gut 250 Seiten lieferten sachliche Informationen zu Ereignissen, Gebäuden, Institutionen, Personen und Sachbegriffe von Abwasserbeseitigung bis Zwischenkriegszeit. Längst verschwundene Gebäude wurden behandelt, Personen in den Blick genommen, die oft zu Unrecht in Vergessenheit gerieten oder zu denen man bislang nur wenige oder falsche Informationen hatte.

Dank wurde an dieser Stelle allen Unterstützern ausgesprochen, denn nach dem Ausbruch der Pandemie war man auf die rasche und zuverlässige Hilfe vieler Einzelpersonen und Institutionen angewiesen, um das Buch noch rechtzeitig zum Jubiläumsjahr fertigstellen zu können. Anhand von zehn Beispielen wurden unterschiedliche Artikel vorgestellt. Angemerkt wurde, dass diese mehr oder minder erfreuliche Themen behandeln, man wolle nicht die Stimmung des Festaktes trüben.

Selbstverständlich fanden im Lexikon Themen wie Antisemitismus, die vielen Kriege, die auch Grünberg in Mitleidenschhaft zogen, der Nationalsozialismus oder die Epidemien von der Pest bis Corona Eingang. Begonnen wurde mit der Altstadtsanierung, die von Altbürgermeister Siegbert Damascke behandelt wurde. Erst 1972 wurde der Erhaltung der historischen Stadtstruktur durch Projektsanierung der Vorrang eingeräumt und die Umsetzung dauerte bis Juli 2007. Am Beispiel von Beltershain wurde die Lage des Ortes zur Stadt, seine Geschichte, kirchliche und territoriale Zugehörigkeit, die Entwicklung der Einwohnerzahl unter der Berücksichtigung der Aus- und Einwanderung, des Schulwesens ebenso wie das Kultur- und Vereinsleben sowie die infrastruktuelle Einbindung in das Verkehrswesen und die wirtschaftliche Entwicklung behandelt.

Als Beispiel für eine heute völlig vergessene Familie wurde die Apotheker-, Ärzte- und Amtsträgerfamilie Golze genannt. Die noch bis 1827 bestehende Grünberger Apotheke wurde an den Apotheker Georg Stammler von einer Erbengemeinschaft verkauft. Ein weiteres Personenbeispiel stellt die Fotografin Marie Kinkel dar, die in ihren Fotografien die gesamte Bandbreite ihres gesellschaftlichen Umfelds zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeigte. Ebenso wurde der Journalist und Schriftsteller Ernst Nebhut genannt, der seit den 1920er Jahren beim Frankfurter Rundfunk tätig war und in den 1950er bis Mitte der 1960er Jahre als Autor beziehungsweise Co-Autor an rund 30 Operetten-, Kino- und Fernsehfilmproduktionen beteiligt war.

Auch berücksichtigte man das Leben von Hermann Rüdiger, der 1586/87 das heutige Rathaus erbauen ließ. Ebenso fand die Geschichte des Stadtsiegels Berücksichtigung, wobei in dem zweitältesten Siegel von 1244 erstmals der heutige sogenannte Grünberger Reiter auftaucht. Abschließend wurde noch auf Grünberger Straßennamen und das Tränenweibchen eingegangen, bei dem es sich um ein Grabdenkmal für den 1761 im Gefecht von Atzenhain tödlich verwundeten General Ernst Friedrich von Reden handelt. Es stammt vom Kasseler Bildhauer Johann Samuel Nahl, gehört zu den herausragenden Skulpturen des frühen Klassizismus in Hessen. Um die Skulptur vor der Verwitterung zu schützen, wurde sie 1990 ins Franziskanerkloster verbracht und eine rekonstruierte Kopie an der Stadttkirche aufgestellt. Das Stadtlexikon kann im Rathaus oder bei der Buchhandlung Reinhard für 35 Euro erworben werden.

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