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Bis zu 2000 Säcke pro Stunde

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Von: Frank-Oliver Docter

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Der hier von Roland Kraus präsentierte Container bietet eine Rundumausstattung zur Sandsackbefüllung. Foto: Docter © Docter

Die Feuerwehr Heuchelheim betreut eine speziell konstruierte Sandsackfüllmaschine, die im Notfall für alle Kommunen im Landkreis Gießen verfügbar ist.

Heuchelheim . Der Klimawandel führt dazu, dass immer häufiger mit Starkregen-Ereignissen zu rechnen ist. Die katastrophalen Überschwemmungen im Ahrtal Mitte 2021, als dort über 100 Todesopfer zu beklagen waren, haben uns diese Gefahr nur allzu deutlich vor Augen geführt. Wasser hat bekanntlich keine Balken, doch Sandsäcke können dabei helfen, Menschenleben zu retten. Wenn es darum geht, binnen kurzer Zeit Tausende dieser Säcke mit Sand zu befüllen, lässt sich das jedoch allein mit Schaufeln und Händen nicht bewerkstelligen. Dazu braucht es schon eine solch ausgeklügelte Technik wie die Sandsackfüllmaschine, die von der Freiwilligen Feuerwehr Heuchelheim betreut wird und auf dem Gelände des dortigen Bauhofs stationiert ist. Sie ist nur eine von zwei Vorrichtungen dieser Art im gesamten Landkreis, die zweite steht bei den Mittelhessischen Wasserbetrieben (MWB).

Vier Stationen und Nähmaschinen

Untergebracht ist die Heuchelheimer Sandsackfüllmaschine mit all ihren Komponenten in einem Container, der im schönsten Feuerwehr-Rot lackiert ist und als Maße sechs Meter Länge, 2,48 Meter Höhe und 2,50 Meter Breite aufweist. »Viel breiter dürfte sie auch nicht sein«, macht Gemeindebrandinspektor Roland Kraus im Gespräch mit dem Anzeiger auf entsprechende Vorgaben in der Straßenverkehrsordnung (StVO) aufmerksam. Die »Einzelanfertigung mit Rundumausstattung« hat insgesamt 110 000 Euro gekostet, bezahlt hat sie der Landkreis Gießen.

Die Wahl auf Heuchelheim als Standort fiel, »weil wir hier immer mal wieder Probleme mit Hochwasser haben und deshalb auch viel Erfahrung mit der Sandsackbefüllung«, erklärt Kraus. Zur Verfügung steht die Maschine aber allen 18 Kreis-Kommunen, je nachdem, wo sie gebraucht wird. Hierzu kann der längliche Container schnell auf einen Transporter gehievt werden.

»Im Vollbetrieb können bis zu 2000 Säcke pro Stunde mit Sand befüllt werden«, sagt der Gemeindebrandinspektor zur Leistungsfähigkeit. Trotz aller Technik ist diese Aufgabe aber noch immer von Menschen zu erledigen. Die Konstruktionsweise der Maschine hilft dabei allerdings erheblich. So wird zunächst der Sand über einen großen Trichter eingefüllt und dann auf vier im Container-Inneren liegende Abfüllstationen verteilt. Auf diese Weise können gleichzeitig vier Säcke, die heutzutage aus Plastik- statt Jutematerial bestehen, fertiggemacht werden.

Ist ein Sack voll, dreht sich der jeweilige Befüller um und benutzt eine der Nähmaschinen, um ihn in Sekundenschnelle zu verschließen, fährt Kraus mit seiner Erklärung fort. Von diesen speziell für ihre Aufgabe angefertigten Nähmaschinen sind immer einige zusätzliche als Reserve dabei, sollte eine davon eine technische Fehlfunktion haben. Die fertigen Sandsäcke, von denen jeder einzelne 15 Kilogramm wiegt, können dann auf einer Palette, mit Folie vor dem Verrutschen gesichert, per Radlader direkt zu ihrer Einsatzstelle gebracht werden. Auf eine Palette passen hierbei maximal 50 Säcke, macht also insgesamt 750 Kilogramm.

Neben ihrer Leistungsfähigkeit bietet die Konstruktionsweise dieser Sandsackfüllmaschine noch einen weiteren enormen Vorteil: »Der Container dient auch als Regenschutz«, erläutert der Feuerwehrmann. Für das Befüllen sei es nämlich »am idealsten, wenn der Sand möglichst trocken ist«. Um herauszufinden, wie viele Sandsäcke am jeweiligen Einsatzort überhaupt benötigt werden, nutzt man den »Sandsackrechner«, ein simples, aber effektives Computerprogramm. Liegt zum Beispiel eine Wasserhöhe von 30 Zentimeter vor, deren Eindämmung einen 100 Meter langen Damm erfordert, zeigt der Rechner nach Eingabe der Daten als Ergebnis 1200 Sandsäcke und 30 Kubikmeter Sand an.

Die Bedienung der Maschinen-Komponenten sei »von jedem schnell erlernbar«, betont Roland Kraus. »Vor allem ist es eine Frage des Teamworks. Ich habe bisher noch nie erlebt, dass es Probleme gab.« In den Container integriert sind ebenfalls eine kleine Werkstatt mit Werkzeugen verschiedenster Art, Geräte zur Strom- und Lichterzeugung sowie ein Materiallager, das neben anderem Platz für die 10 000 leeren Säcke bietet, »die bei uns immer gelagert sind. Das ermöglicht, fünf Stunden lang autark zu arbeiten, bevor ein Nachschub mit Säcken nötig wird«, erläutert Kraus. Zusätzlich sei auf dem Bauhofgelände »ausreichend Sand vorrätig«, um schon mal diese Anzahl füllen zu können. Außerdem liegen dort stets 2000 gefüllte Säcke bereit. Wobei die meisten Gemeinden je nach ihren örtlichen und geographischen Verhältnissen über einen gewissen Sandsack-Vorrat verfügen. Auch der Landkreis selbst hat hier vorgesorgt.

»Immer vor der Lage sein«

»Es gilt, immer vor der Lage zu sein«, nennt Roland Kraus die oberste Maxime für Feuerwehren und Katastrophenschutz. Dabei spielt auch Erfahrung eine wichtige Rolle. So ist der Feuerwehrmann bereits seit Mitte der 80er Jahre dabei und war unter anderem 2002 und 2013 mit Kollegen beim Oder-Hochwasser. »Wir waren eine Woche lang dort und halfen, einen Damm um ein bis zwei Meter zu erhöhen«, schildert Kraus einen der Einsätze. Im Laufe der Jahre habe er zudem »ein Gefühl« dafür entwickelt, wann aus Dauerregen Schlimmeres entstehen könnte. In solchen Fällen informierten sich er und andere Führungskräfte nicht nur über die Wetterprognose, sondern kommunizierten auch frühzeitig untereinander, um im Bedarfsfall die Sandsackfüllmaschine auf ihren Einsatz vorzubereiten. Was Starkregen-Ereignisse betrifft, komme es in Heuchelheim »drei bis vier Mal im Jahr vor, dass Keller deswegen gesichert werden müssen«, berichtet er.

Im Übrigen kann nicht nur Hochwasser den Einsatz von Sandsäcken erforderlich machen. Das könne auch bei einem starken Sturm der Fall sein, »wenn der Wind droht, Dachziegel wegzuwehen, oder wenn auf einem beschädigten Flachdach eine Plane gesichert werden muss«, nennt Kraus zwei Beispiele. Natürlich ist man auch für Bürger da, wenn sie die Feuerwehr »um ein paar Sandsäcke bitten«. Diese können bei Bedarf über die Gemeindeverwaltung angefordert werden oder werden »bei älteren Menschen auch schon mal von uns zu ihnen nach Hause gebracht«, so der Gemeindebrandinspektor.

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