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Dürfen ordentliche Jungs »brettern«?

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Von: Dagmar Hinterlang

Heuchelheim (hin). Die Zwillingsbrüder waren gerade 18 Jahre alt geworden. Jetzt sind beide 19 Jahre alt und stehen vor Gericht. Am 1. August 2021 feierten sie ihren Geburtstag. Sie nutzten ihn für eine Spritztour nach Gießen, und zwar mit zwei hochtourigen Fahrzeugen: einem Porsche mit mehr als 300 Pferdestärken (PS) und einem Mercedes mit 585 PS.

Wohl im Übermut testeten die Brüder, wer mehr aus seinem Fahrzeug herausholen konnte. Für das illegale Autorennen mussten sie sich nun verantworten. Jeder der beiden Fahrer hat jetzt eine Geldbuße von 1500 Euro zu zahlen.

Zur Sache äußerten sich die beiden Angeklagten vor dem Amtsgericht nicht. Die Beweisaufnahme stützte sich auf die Aussagen zweier Polizeibeamter. Gegen zwei Uhr morgens waren die Angeklagten nach deren Schilerung vom Neustädter Tor aus in Richtung Heuchelheim unterwegs. Durch den auffälligen Sound der Fahrzeuge und durch das Verhalten der Insassen aufmerksam geworden, folgten sie dem Mercedes und dem Porsche über die Lahnbrücke in der Rodheimer Straße. Dort ist Überholen nicht erlaubt.

Die jungen Männer setzten sich darüber hinweg, ebenso wie über die innerstädtische Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h. Die Polizeibeamten schilderten, dass sie mit ihrem zivilen VW kaum folgen konnten. Auf der zweispurigen L 3020 rollten der Porsche und der Mercedes nebeneinander auf eine rote Ampel zu.

Beim Wechsel auf Grün brausten sie mit Vollgas davon. Letztlich war es wohl das Abbremsen vor dem Blitzer in der Gießener Straße, der es den Beamten ermöglichte, die jungen Männer zu stellen.

Die Vertreterin der Staatsanwaltschaft hielt den Angeklagten zugute, dass keine sonstigen Verkehrsteilnehmer gefährdet worden seien. Sie sprach von einer Ausnahmesituation. Die beiden Verteidiger beantragten einen Freispruch. Sie befanden, dass die Voraussetzungen für ein illegales Autorennen nicht gegeben seien, die Polizisten hätten dies »subjektiv wahrgenommen«.

Die Vertreterin der Jugendgerichtshilfe empfahl die Anwendung von Jugendstrafrecht. Im Rahmen der Beweisaufnahme sollten vier Zeugen gehört werden. Nachdem der erste, ein 19-Jähriger Freund der Angeklagten, beteuerte, von keinem Überholvorgang und keiner Geschwindigkeitsübertretung zu wissen, verzichteten die Prozessbeteiligten auf die Befragung der weiteren Fahrzeuginsassen.

Richterin Maddalena Fouladfar überlegte, ob es nicht unverantwortlich sei, zwei Heranwachsenden, die zwei Stunden zuvor noch dem begleiteten Fahren unterlagen, so hochtourige Fahrzeuge zu überlassen. Der im Saal befindliche Vater fand das nicht. Seine Jungs seien ordentliche Jungs. Sie dürften jederzeit hochtourige Autos fahren, hieß es.

Gegen das Urteil kann beim Landgericht Berufung eingelegt werden.

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