1. Startseite
  2. Kreis Gießen
  3. Heuchelheim

Plötzlich acht Leute mehr

Erstellt:

giloka_3103_mamberger_eb_4c_5
Viktoriia Khliebnik (rechts) ist aus ihrer Heimat geflohen. Zusammen mit Anastasia, Sofia, Taniia Viiuk, Matwii (v.l.) und weiteren Landsleuten wohnt sie nun bei Freunden in Heuchelheim. © Mamberger

›Kommt zu mir. Hier könnt ihr euch sicher fühlen‹. - Mit diesen Worten hat eine Heuchelheimerin Freunde und Verwandte aus der Ukraine bei sich aufgenommen.

Heuchelheim . Seit dem 24. Februar ist im Leben von Swetlana Mamberger nichts mehr, wie es war. Seit Wladimir Putin seinen Angriffskrieg auf die Ukraine begonnen hat, schaut sie fast nonstop auf ihr Smartphone, stets in banger Erwartung weiterer schlechter Nachrichten aus der Ukraine. Mamberger wurde in Luzk geboren, einer Stadt mit rund 215 000 Einwohnern im Nordwesten des Landes. 2005 kam sie als Spätaussiedlerin nach Deutschland und lebt heute mit Mann und Kind in Heuchelheim. Doch aus dem Zuhause zu dritt wurde mit Putins Überfall auf das Nachbarland ein Leben zu elft. Denn Swetlana Mamberger und ihr Mann haben acht Freunde und Verwandte aus der Ukraine bei sich aufgenommen, darunter vier Kinder und eine 18-Jährige, die sich ohne ihre Eltern auf den Weg gemacht hat. »Ich habe gleich gesagt: ›Kommt zu mir. Hier könnt ihr euch sicher fühlen‹. Wir leben im Moment wie eine große Familie mit vielen Kindern.«

Eine, die nun bei Mambergers wohnt, ist ihre Freundin Viktoriia Khliebnik. Sie erinnert sich an den Tag, als Putin ihre Heimat angegriffen hat: »Ich bin um 4.30 Uhr wach geworden, weil ich viele Flugzeuge gehört habe. Das war ungewöhnlich.« Um kurz nach 5 Uhr habe sie dann die erste Rakete gehört. Im Fernsehen sieht sie zusammen mit ihrem Mann Putins Ansprache, in der er den Krieg als eine »militärische Sonderoperation« ankündigt. Luzk ist die westlichste Stadt, die er zu Kriegsbeginn bombardieren lässt.

»Angehörige haben uns angerufen und gesagt, dass die Stadt brennt. Sie hatten keine Ahnung, was passiert«, erzählt Swetlana Mamberger. Ihre Freundin ergänzt: »Wir haben nicht gedacht, dass Putin die ganze Ukraine angreift. Wir haben es gesehen, aber wir konnten es nicht glauben.« Was soll sie mit ihren Kindern machen? Wo sich in Sicherheit bringen? Eilig habe die Familie das Nötigste gegriffen, Wasser, Decken und Konserven in den Keller gebracht und dort ausgeharrt, während draußen die Welt unterzugehen schien. »Krieg in Europa. Das ist doch eigentlich unmöglich«, findet Viktoriia Khliebnik.

Den Angriff auf ihr Heimatland, den kann sie schon gar nicht verstehen: »Wir arbeiten dort, wir leben dort, wir machen nichts Schlimmes. Wir sind friedliche Menschen.« Putin wolle »die Sowjetunion zurück. Das ist verrückt«. Die beiden Frauen befürchten, dass es Russlands Präsident nicht nur auf sein Nachbarland abgesehen hat, sondern auch das Baltikum und Polen begehrt: »Wir müssen ihn in der Ukraine stoppen.«

Für sie ist klar: Die Ukraine gehört in die Europäische Union. Nachdem der Kreml-nahe Präsident Viktor Janukowitsch 2014 gestürzt wurde, sei die Ukraine demokratischer worden. Putins wiederholte Aussagen, wonach in der Ukraine Nazis regieren, die das Volk unterdrücken, seien absurd: »Wir sind ein demokratisches Land, über 70 Prozent haben Wolodymyr Selenskyj gewählt. Wir suchen uns unseren Präsidenten selber aus.« Russland habe das jedoch »nicht gepasst. Putin wollte eine Marionette, wie damals Janukowitsch«.

Viktoriia Khliebnik macht sich nach Kriegsbeginn zusammen mit ihrer Tochter auf den Weg Richtung Polen, wo sie von ihrer Freundin abgeholt wird. Am 27. Februar kommt sie in Heuchelheim an. Ihr Ehemann bleibt daheim in Luzk, denn Männer zwischen 18 und 60 Jahren dürfen das Land nicht mehr verlassen - denn sie sollen gegen die russischen Angreifer kämpfen. Und viele, sagt Swetlana Mamberger, wollen auch gar nicht gehen, wie etwa ihr Bruder. »Sie sind bereit, das Land zu beschützen. Das freut mich, aber es macht mir auch Angst.«

Und auch Viktoriia Khliebniks 16-jähriger Sohn will zunächst nicht gehen, sondern sein Heimatland verteidigen. Erst drei Wochen später kommt er nach und lebt nun zusammen mit seiner Mutter und der kleinen Schwester bei Familie Mamberger in Heuchelheim.

Seine Mutter ist dankbar für die Hilfe, die sie fern der Heimat erfährt. »Meine Tochter besucht die Intensivklasse an der Alexander-von-Humboldt-Schule, mein Sohn die Berufsschule. Für mich gibt es kostenlose Sprachkurse.« Den Kindern tue der Schulbesuch gut, es sei eine Ablenkung von den schlimmen Bildern aus der Ukraine. Ihr Sohn habe eigentlich Medizin studieren wollen, doch der Traum scheint derzeit zerbrochen.

Der Familie hilft, dass Viktoriia Khliebnik bereits in der Schule Deutsch gelernt hat. Mit ihrem Mann in Luzk telefoniert sie täglich, bei verschiedenen Telefonanbietern sind Anrufe in die Ukraine seit Kriegsbeginn kostenlos. »Ich bin froh, dass wir in Verbindung sein können. Das ist sehr beruhigend.«

Jeden Tag bekommen die beiden Freundinnen neue Fotos aus ihrem Geburtsland zugeschickt. »Das macht einen verrückt«, sagt Swetlana Mamberger. Städte, die sie in der Vergangenheit besucht hat, erkenne sie nicht mehr wieder - zu groß sei die Zerstörung, die die russischen Angriffe hinterlassen haben. Der Wiederaufbau werde lange dauern.

Die Heuchelheimerin erwartet, dass es mehrere Generationen brauchen wird, ehe sich die Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine von dem Angriff erholt haben werden. »Es gibt keine Entschuldigung dafür. Wir können das nicht verzeihen.«

Der Krieg zerstört derweil auch Freundschaften. Den Kontakt zu ihrer Patentante, die in Russland lebt, hat Mamberger abgebrochen. Denn diese habe sich nach Kriegsbeginn nicht bei ihr gemeldet, ihr stattdessen am 8. März zum Weltfrauentag - der sowohl in Russland als auch in der Ukraine ein Feiertag ist - gratuliert. Bedauern über den Krieg? Fehlanzeige.

»Sie ist wie hypnotisiert von der russischen Propaganda.« Diskussionen würde da nicht helfen und seien schlichtweg Zeitverschwendung, findet Swetlana Mamberger. Sie nutzt ihre Zeit lieber dafür, Spenden zu sammeln, ihre geflüchteten Freunde und Verwandten bei Behördengängen zu unterstützen und nach Wohnungen für sie Ausschau zu halten.

Auch interessant