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Wo es rattert, zischt und raucht

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Von: Frank-Oliver Docter

In einer Sonderausstellung im Heuchelheimer Heimatmuseum sind zurzeit allerlei Spielsachen aus früheren Jahrzehnten zu bestaunen. Da haben die großen und kleinen Besucher einiges zu erzählen.

Heuchelheim . Kurz nachdem Gerhard Kreiling ein wenig destilliertes Wasser in den Tank der Miniatur-Dampfmaschine gefüllt hat, rattert das Ding auch schon los. Und macht dabei mehr Lärm, als man eigentlich bei dieser Größe erwartet hätte. Die erzeugte Energie reicht dennoch aus, um unter anderem auch eine Windmühle, zwei Karussells und eine Scherenschleifmaschine - natürlich alles ebenfalls nur in Spielzeuggröße - anzutreiben.

Neugierig und zugleich fasziniert schauen die Umstehenden dabei zu, wie sich alles bewegt und Rauch aufsteigt. Destilliertes Wasser verwendet Kreiling übrigens deshalb, »damit es keine Kalkrückstände gibt«, erklärt er im Gespräch mit dem Anzeiger. Auf dem Nachbartisch zieht derweil ein elektrischer Schienenbus aus den 60er Jahren seine Runden um eine Winterlandschaft aus Schnee aus Watte sowie Miniaturhäusern, -bäumen und -tieren. Das alles und noch viel mehr zu sehen gibt es derzeit im Heimatmuseum Heuchelheim, wo in einem Raum des ehemaligen Kinzenbacher Bahnhofs unzählige Spielsachen aus früheren Jahrzehnten zusammengetragen wurden. Diese sehenswerte Sonderausstellung des Heimat- und Geschichtsvereins Heuchelheim-Kinzenbach wird bis Mitte Januar dauern.

Besucher der Ausstellung wissen zunächst gar nicht, wo sie nach Betreten des Raums zuerst hinschauen sollen. Neben Dampfmaschine und Eisenbahn gibt es ebenso im Mini-Format auch einen Kinder-Einkaufsladen mit Kasse und Waage, ein Puppenhaus, eine Puppenküche, ein Kasperletheater mit Handfiguren sowie Vitrinen und Regale voller Spielzeugautos. Einen kompletten Bauernhof mit Traktoren und Tieren, mit Lego- und Playmobil-Sets, Puppen in verschiedenen Größen und Dutzende von Nussknackern vervollständigen das historische Geschenkewunderland.

Die mit all den verbundenen Miniaturelementen auf einer Platte stehende Dampfmaschine aus dem Jahr 1930 hat es auch dem Vereinsvorsitzenden Gerhard Kreiling und Stellvertreter Hans-Jürgen Weiser angetan. »Sowas konnten sich damals nicht viele leisten«, sagt Weiser. Er selbst habe in seiner Kindheit einmal von seinen Eltern eine Fleischmann-Eisenbahn mit Lokomotive und Waggons geschenkt bekommen. »Die wurde aber immer nur an Weihnachten aufgebaut und lag sonst verpackt auf dem Speicher.« Schließlich sollte sie möglichst lange halten und nicht kaputtgehen.

Am Nachbartisch beobachtet währenddessen der zweijährige Till auf dem Schoß von Papa Johannes Götz, wie der Märklin-Schienenbus über die Gleise rast. Gewünscht habe sich sein kleiner Sohn zu Weihnachten jedoch einen Kinder-Schubkarren und dazugehöriges Werkzeug wie Säge und Hammer, erzählt der Vater. Die elfjährige Lina begeistert sich dafür mehr für das Kasperletheater, zumal man sich damit »immer wieder neue Geschichten ausdenken kann«. Ihr Großvater Hans-Joachim Götz weiß zu berichten, dass er als Kind zu den wenigen gehörte, die eine Dampfmaschine besaßen. Aber auch er »durfte nur an Weihnachten damit spielen«.

Werden Spielsachen sorgsam behandelt, können gleich mehrere Generationen etwas davon haben, ohne teuer Neues kaufen zu müssen.

Diese Erfahrung hat auch Otto Martin gemacht. Seine Enkelkinder spielen jetzt mit der Playmobil-Eisenbahn, »die ich damals meinen Kindern geschenkt hatte«, erzählt er. In seiner eigenen Kindheit habe er selbst gerne mit Modellautos gespielt, fährt Martin fort und kann sich noch gut an die eine oder andere Auseinandersetzung mit seinen Eltern erinnern, wenn er weitere Autos haben wollte.

Als Otto Martin kurz danach in einer Vitrine des Museums eine hölzerne Zwille mit Gummiband entdeckt, fällt ihm noch eine weitere Anekdote ein: Als Kind habe er sich zusammen mit seinem Freund ebenfalls eine solche gebastelt. Beim Schleudern von kleinen Steinchen ging einmal jedoch etwas schief. »Eines davon durchschlug die Fensterscheibe vor dem Elternschlafzimmer«, schildert er. In der Hoffnung, dass dies niemand bemerkt hat, hätten sie den gesamten Fensterflügel ausgebaut und zum Schreiner gebracht. Obwohl die beiden Jungs diesem «nur 50 Pfennig« bezahlen konnten, ersetzte der Handwerker die Scheibe mit einer neuen. »Meine Oma hat es dann aber mitbekommen und uns die Zwille abgenommen«, blickt Martin zurück, heute kann er darüber lachen.

Bei den Gesprächen mit den Älteren wird aber vor allem eines deutlich: In der damaligen Zeit spielten Kinder eher seltener im Zimmer, erst recht, wenn sie außerhalb der Stadt und auf dem Land aufwuchsen.

»Ich habe zwar auch mit Puppen gespielt, meistens aber waren wir draußen in der Natur«, erzählt etwa Ursula Schmidt, die ebenfalls im Museum mitarbeitet. Eltern hätten gerade in der Nachkriegszeit kaum Geld für den Kauf von Spielsachen übrig gehabt. »Da waren andere Dinge wichtiger«, betont sie. Hans-Jürgen Weiser kann sich an viele tolle Wintertage auf der Rodelbahn erinnern. »Früher hatten wir aber auch häufiger Schnee als heute«, ergänzt er.

Der Nachschub an altem Spielzeug dürfte dem Heimatmuseum wohl so schnell nicht ausgehen. »Immer wenn irgendwo ein Haushalt aufgelöst wird, melden sich die Leute bei uns«, berichtet Museumsleiter Gerhard Kreiling. Und weiß wie seine Mitstreiter um all die Schätze, die noch auf Dachböden und in Kellern auf ihre Entdeckung warten.

Das Heimatmuseum Heuchelheim im ehemaligen Kinzenbacher Bahnhof in der Bahnhofstraße 30 hat mittwochs von 15 bis 17 Uhr und sonntags von 10 bis 12 Uhr geöffnet. Gruppenbesuche nach Vereinbarung.

Weitere Informationen gibt es im Internet unter heimat museum-heuchelheim.de.

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gikrei_2412_heuchelheim__4c_4 © Frank-Oliver Docter

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