1. Startseite
  2. Kreis Gießen
  3. Hungen

Am Grünzeug scheiden sich Geister

Erstellt:

gikrei_Gruenzeug_100922_4c
Wertvolle Bienenweide oder unansehnliches Ärgernis? Am Grünzeug auf Bürgersteigen scheiden sich - wie hier in Inheiden - derzeit auch in Hungen die Geister. Foto: privat © privat

Inheidener Pflanzenfreunde verärgert über Vorgehen des Hungener Ordnungsamtes.

Hungen (klk/red). Was für die einen eine bunte Bienenweide ist, sehen andere als unordentlichen Wildwuchs an. So prallen auch in Hungen unterschiedliche Ansichten über Grünbewuchs auf Gehwegen aufeinander. In Inheiden bekamen Hausbesitzer nun Post vom Hungener Ordnungsamt.

So etwa Iris Madera, die vor ihrem Haus Löwenmäulchen, Rittersporn, Schafgarbe und Ringelblumen als bunt blühenden Blickfang und Bienenweide hegt und pflegt.

Auch ihr Nachbar Sven Kunert hatte seinem begrünten Zaun mit weißblühenden Zaunwinden und einer rosa blühenden Eselsdistel auf amtliches Betreiben hin den Garaus machen müssen, da sich das Grün »erdreistete«, ein wenig auf den kahlen Bürgersteig zu wachsen.

Für Stephan Kannwischer, Vorstandssprecher des Nabu Horlofftal, ein Unding. »Wurden in Hungen unter dem Motto ›Hungen blüht auf‹ noch vor wenigen Jahren mit viel Aufwand und Geld Blühflächen im innerörtlichen Raum angelegt, um die Artenvielfalt und Blütenpracht zu fördern, so zeichnet sich offensichtlich nun eine Kehrtwende ab«, bilanziert Kannwischer. Menschen, die - beabsichtigt oder unbeabsichtigt - Siedlungsbereiche mit etwas mehr Grün bereichern, seien dem Ordnungsamt offensichtlich »ein Dorn im Auge«.

Mit dem Verweis auf eine 44 Jahre alte Straßenreinigungssatzung und das Hessische Straßengesetz versuche man, in amtlichen Schreiben mit dem Hinweis auf »herausragenden Bewuchs« und ein »ordentliches Stadtbild« Bürgern zu verdeutlichen, dass ihr Blütenflor und Pflanzenbewuchs dort unerwünscht seien.

Im Hinblick auf eine ökologisch ausgerichtete Stadtentwicklung und -begrünung seien diese Maßstäbe jedoch längst überholt, mahnt der Nabu-Sprecher. »Zweifellos sind Straßen nach dieser städtischen Satzung zu kehren, Abfälle und Abflusshindernisse zu beseitigen, um somit eine gewisse Grundordnung aufrechtzuerhalten«, doch das Ordnungsamt schieße eindeutig über das Ziel hinaus, so Kannwischer.

Blühende und an einem Trais-Horloffer Haus festgebundene bunte Stockrosen waren bereits vor Jahren für die Ordnungshüter ein Ärgernis, erinnert er sich.

Mitlerweile sei wissenschaftlich belegt, dass Grün in Dörfern und Städten die Lebensqualität für Menschen und Mitgeschöpfe wesentlich erhöhe.

Die vor vielen Jahren im Rahmen des städischen Agendaprozesses geforderte Begrünung von Gebäuden, Zäunen und Vorgärten habe sich glücklicherweise bis in die Programme einiger zur Kommunalwahl 2021 angetretener Hungener Parteien »hinüberretten« können. Daran solle man nun anknüpfen.

»Angesichts der besonders in Siedlungsbereichen schwindenen Lebensmöglichkeiten für Pflanzen und Tiere und der Monotonisierung auch öffentlicher Grünflächen ist das Vorgehen des Hungener Ordnungsamtes fachlich überholt«, sagt auch Bodo Fritz vom Nabu/VNULL Langd.

Im Gegenteil solle angesichts der Hitzewellen der vergangenen Jahre und der positiven kleinklimatischen Wirkung von Stadtgrün eine Initiative für mehr und dichtere Vegetation in Siedlungs- und Gewerbebereichen gestartet werden, pflichtet ihm sein Nabu-Kollege Stephan Kannwischer bei.

Als weiteren »Sargnagel« für die Artenvielfalt in den Dörfern und vor allem in der Kernstadt haben die beiden die Anlage sogenannter Schottergärten ausgemacht. Diese würden Siedlungsgebiete bei entsprechenden Wetterlagen zusätzlich aufheizen, statt wie Grünflächen zu kühlen, stellt Heinz Weiß vom NABU Nonnenroth heraus.

Auch die Umsetzung von satzungsmäßig festgelegten Grünflächen-Gestaltungsauflagen in Neubaugebieten und auf Gewerbeflächen ließe zu wünschen übrig.

»Schule machen« solle hingegen die Anlage von begrünten Funktionsflächen inklusive Zäunen statt Plastikzäunen, Schottergärten und ökologisch schädlicher Grundstücks-Sterilität, sind sich ehrenamtliche Naturschützer einig.

Auch interessant