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»Dort sitzen zwei Unmenschen«

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Einstige Freunde: Die beiden Angeklagten beschuldigen sich gegenseitig, »den Daniel« ermordet zu haben. Archivfoto: Mosel © Jasmin Mosel

Im Prozess um den Mord in Hungen hat die Mutter des Opfers ausgesagt. Sie flehte die Angeklagten an, endlich zu sagen, wo sich die sterblichen Überreste ihres Sohnes befinden.

Hungen (bcz). »Sagen Sie endlich, wo Daniel ist, damit wir ihn beerdigen können.« Unter Tränen und völlig außer sich ruft die Mutter des Mordopfers dies den beiden Angeklagten zu, die sich für den Mord an ihrem Sohn vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts verantworten müssen. Dem 44-jährigen Mathematik- und Physiklehrer aus Bruchköbel und einem vier Jahre jüngeren IT-Spezialisten - beide Freunde von Daniel H. - wird vorgeworfen, das spätere Opfer zu einer Hofreite in Hungen gelockt und ihn dort heimtückisch erschossen zu haben. Anschließend hat der jüngere Angeklagte die Leiche des Hanauers zerstückelt und beseitigt. Wo sich die Leichenteile befinden, ist bis heute ungeklärt.

Und genau diese Ungewissheit quält die Mutter seit jenen Tagen im November 2016. Am Mittwoch, 16. November, war das spätere Opfer bei seinen Eltern und hatte dem Vater dabei geholfen, die Garage aufzuräumen. Gegen 17.15 Uhr seien sie fertig gewesen und ihr Sohn habe sich mit den Worten »Papa, ich gehe jetzt« verabschiedet. »Das war das letzte Mal, dass wir etwas von ihm gehört haben«, sagt die 79-jährige Rentnerin, die sichtlich um Fassung ringt.

Normalerweise habe sich der Sohn täglich mindestens einmal bei ihr gemeldet. Als dies am nächsten Tag und auch an den darauffolgenden Tagen nicht geschah, wusste sie, dass etwas nicht stimmen konnte. Mehrmals täglich versuchte die Mutter seitdem, ihren Daniel auf seinem Handy zu erreichen. Über Jahre war das so, bis der ältere der beiden Angeklagten 2020 zur Polizei ging und die Tat meldete. Von da an hatten die Eltern die Gewissheit, dass ihr Sohn nicht mehr nach Hause kommen würde.

Die Tat als solches ist für die Rentner schwer erträglich, doch die Ungewissheit, wo sich die sterblichen Überreste ihres Sohnes wirklich befinden, steigert den psychischen Druck um ein Vielfaches. Entsprechend wohlwollend und mit sehr viel Geduld stellen die Vorsitzende Richterin Regine Enders-Kunze und der Oberstaatsanwalt Thomas Hauburger die Fragen an die 79-Jährige und lassen ihr Zeit, sie zu beantworten. Trotz dieser nervlichen Belastung zeichnet die Frau ein klares Bild ihres Sohnes. Sie beschreibt ihn als einen sparsamen Menschen, der nicht einmal ein Smartphone besessen habe, sondern nur ein einfaches Handy.

Merkwürdig verhalten

Der ältere Angeklagte sei abends zu ihnen nach Hause gekommen und habe den Schlüssel für Daniels Wohnung haben wollen. Da ihr Ehemann den Wohnungsschlüssel nicht einfach so habe übergeben wollen, sei er dem Lehrer im eigenen Auto hinterhergefahren. Darauf, dass er nicht mit dem Angeklagten mitfahren sollte, hatte die 79-Jährige gedrungen, denn dieser habe sich merkwürdig verhalten. Im Gegensatz zu anderen Freunden, die sich sofort Sorgen um ihren Sohn gemacht hätten, habe sie in den Gesichtszügen des Lehrers keinerlei Regung oder Sorge sehen können. »Er ist wie ein Pendel in unserem Wohnzimmer ständig hin- und her gelaufen. Er hatte kein Mitgefühl mit uns. Er ist von sich sehr überzeugt und kritiklos sich selbst gegenüber.«

In einer Verhandlungspause brechen die Trauer und die ohnmächtige Wut über dieses Verbrechen aus der 79-Jährigen heraus. Sie fleht die beiden Angeklagten an, endlich den Ort zu nennen, wo sich die Überreste ihres Sohnes befinden. Der Vater, der sich ebenfalls nur schwer beherrschen kann, fügt hinzu: »Dort sitzen zwei Unmenschen.«

Um die Mutter nicht zusätzlich zu belasten, entscheidet das Gericht, nach dieser Aussage keine weiteren Erklärungen der Verteidigung zuzulassen. Diese hatte auf Fragen an die Mutter verzichtet. Einschätzungen dazu können beim nächsten Termin, der in einer Woche stattfindet, vorgetragen werden.

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