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Eindrucksvolle Aufarbeitung

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Von: Rose-Rita Schäfer

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Die Schülerinnen Philomena Wolf und Lea Höhle stellen zusammen mit ihrem Lehrer Marcus Seipp szenisch die Pogromnacht dar. Foto: Schäfer © Schäfer

In kurze Szenen gegliedert, wurde die Pogromnacht anhand von schriftlichen Augenzeugenberichten während der Gedenkfeier von Schülern der Gesamtschule aufgearbeitet..

Hungen (rrs). Etwa 40 Menschen waren der Einladung der Hungener Arbeitsgruppe (AG) »Spurensuche« zur Gedenkstunde an das Judenpogrom gefolgt. Schweigend, mit brennenden Kerzen in der Hand, standen die Menschen im Dunklen um das Denkmal auf dem jüdischen Friedhof, während der »Projektchor 10. November« mit einem jüdischen Lied auf das Kommende einstimmte.

Christel Lauterbach erinnerte an die Ereignisse 1938 in Hungen. Nazi-Horden zerstörten damals systematisch das Innere der Synagoge, plünderten und verwüsteten Geschäfte von Juden und jüdische Bürger wurden überfallen, angegriffen, verletzt und gequält. Bereits nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 war es in Hungen zum Boykott jüdischer Läden, zu Übergriffen, Beschädigungen und Misshandlungen gekommen. Es gab Verhaftungen mit Verhören. So wurde der Hungener Jude Ernst Katz schon 1933 ins KZ Osthofen gebracht und wanderte 1934 nach Palästina aus. Obwohl sein Vater in der Pogromnacht misshandelt, verhaftet und im Gefängnis in der Kaiserstraße festgesetzt wurde, gelang es Sohn Ernst, seine Eltern 1939 nachzuholen. Doch Ernst Katz konnte Hungen nie vergessen und fasste ein Mahnmal zur Erinnerung ins Auge. 1988 setzte sich die AG »Spurensuche« auf Anregung von ihm für ein Denkmal mit den Namen aller bekannten jüdischen Bürger der Großgemeinde Hungen ein, das schließlich 1990 nach seinem Entwurf und einer Spende von ihm auf dem jüdischen Friedhof errichtet wurde.

Wie die frühere Präsidentin des »Zentralrats der Juden in Deutschland« Charlotte Knoblauch als Sechsjährige die Pogromnacht erlebte, ließ Lauterbach anschließend Revue passieren, bevor sie anmerkte: »Antisemitismus und Fremdenhass gehören in unserem Land wieder zum Alltag - leider. Rechtsextreme Gruppen werden salonfähig. Früher hieß es da ›Wehret den Anfängen‹«. Sie wies auf Bundespräsident Steinmeier hin, der 2020 gar befürchtete, dass wir die Vergangenheit besser verstehen als die Gegenwart und fragte: »Haben wir wirklich aus der Geschichte gelernt, wenn sich Hass und Hetze immer weiter ausbreiten?«

Bürgermeister Wengorsch mahnte: »Es ist geschehen und es kann wieder geschehen. Man kann sich die feindliche Ablehnung mit Zerstörung, Entzug der Existenzgrundlagen, Deportation und Massenvernichtung kaum vorstellen, aber das konnten die Menschen damals auch nicht. Wir müssen rechtzeitig einschreiten und deshalb die Erinnerung an die Opfer wach halten.«

Auch Pfarrer Marcus Kleinert fand eindringliche Worte: »Jesus war Jude, wir erkennen in ihm die Güte Gottes und beten wie die Juden zum gleichen Gott. Wir müssen den gesellschaftlichen Klimawandel, der sich in unserem Land langsam mit Rassismus, Sexismus und Antisemitismus vollzieht, aufhalten, ihm Verständnis für Menschen aus anderen Kulturen und Nächstenliebe entgegen setzen.« Anschließend zeigten die beiden ganz in schwarz gekleideten Schülerinnen Philomena Wolf und Lea Höhle aus dem Kurs »Darstellendes Spiel« der Klasse 13 der Gesamtschule Hungen zusammen mit ihrem Lehrer Marcus Seipp eine in kurze Szenen gegliederte Aufarbeitung der Pogromnacht anhand von schriftlichen Augenzeugenberichten. Über allem standen die Fragen »Woher kam der Hass, wie können wir uns daran erinnern«. Zu Beginn wurden Schilder mit judenfeindlichen Aussagen wie »Deutsche wehrt euch! Kauft nicht bei Juden!« oder »Juden Eintritt verboten« herum getragen, gefolgt von einer Szene, wo ein Geschäftsmann sich weigerte, einer Jüdin Lebensmittel zu verkaufen und sie brutal aus dem Laden drängte. Laut gerufene Schlagworte wie niedergebrannt, ausgeraubt und überfallen leiteten über zu den durch Tritte und Schläge dargestellten tätlichen Angriffen auf Juden. Anschließend erzählten die Schülerinnen von den Gräueltaten gegen Juden, einem kleinen Kind wurde der Kiefer gebrochen, eine Frau erlitte diverse Armbrüche. Dann aber als die Synagoge brannte, hieß es »Werft die Juden ins Feuer« - und die umstehende Menge schwieg. Mit dem Lied »Donna, Donna« von Joan Baez endete das Spiel.

Mit einem weiteren jüdischen Lied verabschiedete sich der Projektchor, bevor die Besucher ihre Kerzen abstellten.

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