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Hippiewelt mit Rissen

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Helmut Ziel berichtete in Hungen von seiner Hippiezeit. © Czernek

Hungen . Der Schauspieler Helmut Zierl hat das Image eines Sonnyboys. Dem Publikum ist er bekannt durch Auftritte in den Sendungen wie »Das Traumschiff«, »Tatort« oder in einigen Rosamunde Pilcher-Verfilmungen. Da passte sein vor eineinhalb Jahren erschienenes Buch « Follow the Sun - der Sommer meines Lebens«, so gar nicht dazu, denn in diesem Buch schildert er drei dramatische Monate seines Lebens im Sommer 1971.

Das Buch stellte er im Rahmen von »Leseland Oberhessen« am Samstag in der Stadthalle in Hungen vor.

Heute ist Zierl ein gefragter Theater- und Fernsehschauspieler, das hätte er sich 1971, als er als 16-Jähriger von der Schule flog, nicht vorstellen können. Er, der Sohn eines Polizisten aus Meldorf im Kreis Dithmarschen, hatte auf dem Schulhof mit Haschisch gehandelt und wurde verpfiffen. Daraufhin flog er nicht nur von der Schule, sondern auch von zu Hause heraus und stand auf einmal mit einem Seesack und einem Schlafsack auf der Straße.

Drei Monate auf der Straße gelebt

Nun, jetzt war er frei, auch wenn er nicht so recht wusste, was das war und was er damit anfangen sollte. Mit viel Naivität stürzte er sich in das Abenteuer »Freiheit«. Diese führte ihn zunächst nach Brüssel und schließlich in ein Hippie-Eldorado in Amsterdam. »Ich lebte drei Monate auf der Straße«, berichtete der Schauspieler.

Diese Erlebnisse beschäftigten und prägten ihn nachhaltig, so dass er bereits vor rund zehn Jahren beschloss, sie aufzuschreiben. »An eine Veröffentlichung habe ich zunächst gar nicht gedacht«, erzählte er dem Publikum. Es sei ihm für sich selbst wichtig gewesen. So habe er immer wieder an der Geschichte gearbeitet, sie manchmal über Jahre wieder weggelegt, um sie dann wieder hervorzuholen.

Auf der letzten Station seines Selbsterfahrungstrips landete er schließlich in einer Drogen-WG in Amsterdam, in der sich jeder Heroin spritzte. Er selbst sei auch sehr nahe dran gewesen, die Droge auszuprobieren, habe es aber im letzten Moment noch gestoppt. Allerdings habe er damals jeden Tag Drogen konsumiert. »Ich war keinem Tag nüchtern in Amsterdam«, räumte Zierl ein. Nachdem eine Bewohnerin der WG an einer Überdosis starb, sei für ihn dieses Leben vorbeigewesen. Als Tramper machte er sich auf den Rückweg nach Hause. »Da hatte die Hippiewelt gewaltige Risse bekommen.«

Zierl nahm das Publikum geschickt mit in diese nahe Vergangenheit, an die sich die meisten der Anwesenden durchaus noch erinnern konnten. Mit dieser Zeit verbunden ist untrennbar auch die Musik von Janis Joplin, Led Zeppelin oder Simon and Garfunkel und den vielen anderen, auf die weitere Generationen von Musikern aufbauten. Nicht zuletzt hatte Zierl bewusst »Follow the Sun« als Titel seines Buches ausgesucht. Denn der gleichnamige Song von Paul McCartney sage alles darüber aus.

Allerdings hören sich die Lieder aus der Jugend in der digitalen Version einfach anders an, als auf einem alten Kassettenrekorder, den damals jeder hatte. Und genau ein solches Gerät hatte Zierl mitgebracht. Die Songs, mit denen er die Emotionen dieser Zeit wieder wach rüttelte, spielte er mit dem unverkennbar kratzigen und etwas blechernen Sound dieses Gerät ab.

Helmut Zierl: »Follow the sun- der Sommer meines Lebens«, Lübbe: 2020, 392 Seiten.

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