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Klavierkunst von einem anderen Stern

Erstellt:

Von: Rose-Rita Schäfer

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Leon Wenzel ließ seine Zuhörer erstarren und staunen. Foto: Schäfer © Schäfer

Leon Wenzel entlockte dem Flügel unglaubliche Klangwunder, seine faszinierenden Interpretationen von Beethoven, Chopin, Schumann, Schubert und Liszt zeugten von brillanter Technik

Hungen (rrs). Atemberaubende Klavierkunst von einem anderen Stern ließ am Samstagabend die Zuhörer beim Klavierkonzert von Leon Wenzel im Blauen Saal des Hungener Schlosses staunen. Stilles Zuhören war angesagt, um das großartige Musikerlebnis voller Dankbarkeit zu genießen. Der 25-jährige Wenzel entlockte dem Flügel unglaubliche Klangwunder, seine faszinierenden Interpretationen von Beethoven, Chopin, Schumann, Schubert und Liszt zeugten von brillanter Technik gepaart mit einer intelligenten, mitreißenden, aber immer gefühlvollen Umsetzung.

Stücke aus letzten Lebensjahren

»Mein heutiges Programm ist ein Abenteuer. Alle vier Stücke stammen aus den letzten Lebensjahren ihrer Schöpfer, sind in Todesnähe geschrieben und doch verströmen sie eine ungeheure Lebenskraft und Lebenslust, ja sogar Heiterkeit. Beethoven war komplett taub, als er seine drei letzten Klaviersonaten schrieb, darunter die Sonate op. 109 in E-Dur«, kündigte Wenzel sein erstes Stück an.

Mit dieser Sonate von 1820 ging Beethoven neue Wege, sie klingt wie modernste Musik. Intoniert werden innerer Frieden unterbrochen von heftigen Wutausbrüchen. Der erste Satz beginnt mit einem lyrisch-bewegten Dur-Abschnitt, dem nach nur acht Takten ein fantasievolles, von gebrochenen Akkorden geprägtes dramatisches Adagio in lautem Moll gegenübergestellt wird.

Rausch der Töne

Das stürmische, äußerst schnelle E-Moll des zweiten Satzes fordert extreme Virtuosität, Wenzels Finger flogen so schnell über die Tasten, dass man ihnen mit dem Auge kaum folgen konnte. Der Schlusssatz - er ist der Schwerpunkt der Sonate und länger als die beiden ersten Sätze zusammen - beginnt mit einem zarten Choral, gesangvoll, mit innigster Empfindung steht über diesem Satz. Diese ruhige, friedliche Liedmelodie umkreist Beethoven kunstvoll in sechs, teilweise recht umfangreichen Variationen, erhöht sukzessive die innere Spannung, umarmt, erhitzt, ruht aus und wütet, bis zum Schluss dann wieder das schlichte, innig-verklärte Choralthema erklingt. Wenzel realisierte die verschiedenen aufflammenden Facetten mit hoher künstlerischer Reife.

Die Umrahmung des folgenden Scherzo in E-Dur op. 54 von Frederic Chopin ist erfüllt von Ausgelassenheit, verfolgt etwas Flüchtiges, das im tonalen Raum auftaucht, verschwindet und wieder erscheint so wie Gas - ein Rausch der Töne. Der Mittelteil erfüllt mit leidenschaftlicher sanglicher Musik ist durchdrungen von Emotionen, getupfte Akkorde konkurrieren mit perlenden Läufen.

Schumanns »Geistervariationen« (1854) waren sein letztes Werk vor seiner Einweisung in die Nervenklinik. Den Namen verdankt der vierteilige Zyklus seiner Entstehungsgeschichte. Schumann, an der Schwelle zum Wahnsinn, fühlte sich von Geistern umgeben, die ihn emporhoben, aber auch in die Hölle zwangen. Mitten in der Arbeit stürzte sich Schumann in den Rhein, wurde aber gerettet und konnte sein Werk beenden.

Frenetischer Beifall

Wenzels variantenreiches Spiel klang unheimlich, schmerzvoll, dann wieder wie kindliche Weisen, Mal düster-laut mit Obertönen, mal ganz leise in hellsten Farben leuchtend. Schubert war im Spätstadium seiner Syphilis schon bettlägerig, dennoch schrieb er in seinen letzten Wochen die 40 Minuten lange Sonate D 960 in B-Dur, ein virtuoses Werk zwischen Traum und Wirklichkeit unterbrochen von gewollten Spielstillständen. Das erste Thema ist eine einfache lyrische Melodie die sich aus dem Urgrund tiefer Basstriller erhebt. Wie eine Schlucht in der Musik schrecken diese geheimnisvollen Triller immer wieder den friedlichen Lauf. Im zweiten Satz hebt Schubert das Zeitempfinden auf, treibt die Verlangsamung des harmonischen Rhythmus auf die Spitze. Der dritte Satz steht dagegen im Kontrast zu den betont ruhigen Vorgängern, zeigt eindringlich und zugleich anrührend die zerrissene Innenwelt des Komponisten in wunderschöner Klangfülle.

Zum Schluss brauste frenetischer Beifall auf und Wenzel kam um eine Zugabe nicht herum. Die dargebotene temperamentvolle Ungarische Rhapsodie des jungen Franz Liszt setzte allem die Krone auf. Was Wenzel da auf die Tasten zauberte grenzte an Magie.

Schon mit sechs Jahren nahm Wenzel Klavierunterricht, absolvierte von 2011 bis 2017 ein Früh- und Jugendstudium an der Musikhochschule Hannover und erhielt 2022 seinen Bachelor an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin, wo er mit Prof. Konrad Engel zusammenarbeitete. Seine Leistungen brachten ihm zahlreichen Preise bei Wettbewerben ein, er wurde durch ein dreifaches Deutschlandstipendium gefördert und erfährt heute Unterstützung von der Deutschen Stiftung Musikleben. Zurzeit lebt er in Brüssel, wo er gerade sein Masterstudium begonnen hat. Zu seinen Beweggründen sagt er: »Ich möchte am Klavier Musik mit anderen Menschen teilen und gemeinsam erleben.«

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