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Sebastian Funk (r.) erläutert das Biodiversitäts-Projekt in Obbornhofen. Foto: Wißner

Biodiversitäts-Studie in Obbornhofen

»Konventionell versus öko« ist out

Das Hofgut Obbornhofen betreibt ein »Syngenta Versuchsfeld«. und das Forschungs- und Dialogprojekt »Natur-positive Agrarsysteme« Kompetent von der Aussaat bis zur Ernte

Hungen (twi). »Kompetent von der Aussaat bis zur Ernte«, heißt es auf einem Plakat am Hofgut Obbornhofen, das Passanten darüber informiert, dass hier ein »Syngenta Versuchsfeld Obbornhofen« betrieben wird. Wer noch einige Meter weitergeht und den Ortsrand in Richtung Feldgemarkung verlässt, dem fällt sofort eine Bienenweide mit Infotafel ins Auge, welche über das Forschungs- und Dialogprojekt »Natur-positive Agrarsysteme« (NaPA) informiert und das es sich hier um Feldforschung handelt. Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald als Stimme und Moderator des Projektes stellte dieses gemeinsam mit Annette Seifert-Ruwe vom Hof Obbornhofen vor. Seifert-Ruwe baut auf insgesamt 850 Hektar Betriebsfläche Weizen, Raps und Zuckerrüben sowie Acker- und Sojabohnen an. Wie wichtig ihr der Schutz der Umwelt ist, sticht vor allem im Sommer sofort durch große, bunte Flächen mit blühenden Blumen ins Auge. Auf insgesamt rund 23 000 Quadratmetern hat die Diplom-Agraringenieurin Platz für eine Vielzahl heimischer Pflanzen geschaffen - als Lebensraum für Insekten und damit als Beitrag zur lokalen Biodiversität.

»Wir legen mehrjährige Blühstreifen mitten in der Fläche an, so schaffen wir Lebensräume für Niederwild und Insekten«, erklärt die Landwirtin. »Blühstreifen an Wegrändern erfreuen zwar die Spaziergänger, bieten aber weniger Rückzugsmöglichkeiten für Wildtiere.« Als engagiertes Mitglied im Naturschutzverein, im Rahmen von Projekten und bei der Ausbildung von Nachwuchslandwirtinnen beteiligt sich Seifert-Ruwe seit Jahren aktiv am Klimaschutz-Dialog. Mit ihrer Teilnahme an NaPA will sie die Chance nutzen, ihr vielfältiges Wissen mit Berufskollegen aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz zu teilen - und gleichzeitig von den Erfahrungen anderer zu lernen.

Zur Projektvorstellung waren auch der Vorsitzende des Bauernverbandes Gießen/Wetzlar/Dill, Daniel Seipp (Muschenheim), der Vorsitzende des Jagdvereins Hubertus Gießen und Umgebung, Dieter Mackenrodt (Biebertal) und Nabu-Horlofftal-Vorstandssprecher Stephan Kannwischer gekommen.

Doch: Wie sieht eine Landwirtschaft aus, die den Spagat zwischen bezahlbaren Lebensmitteln von hoher Qualität bei einer Klima und Umwelt schonenden Produktion und die Existenz der Betriebe durch Erträge sichert? Diese Ziele in Einklang zu bringen, darum geht es bei diesem Pilotprojekt zur Biodiversität.

Wissenschaftliche Begleitung

Das Unternehmen Syngenta hat das NaPA-Projekt ins Leben gerufen und stellt sich als Plattform dafür bereit. Einer der mitwirkenden Betriebe ist die O.H.R. Ackergut GmbH & Co KG - eine Gemeinschaft aus fünf landwirtschaftlichen Betrieben mit Sitz in Hungen

So sollen auch mit Hilfe aus der Wetterau Wissenschaftler des Leibnitz Instituts zur Analyse des Biodiversitätswandels drei Jahre lang ganz konkret die Auswirkung von Blühstreifen auf die lokale Biodiversität erforschen. Über die dazu erforderlichen und auf den Feldern eingerichteten Messstationen mit speziellen Fallen berichteten Sebastian Funk und Seifert-Ruwe. So liegen zwischen den inmitten der Felder angelegten Blühstreifen 120 Meter. Feld- oder Straßenränder seien hier nicht zielführend und stellten zudem eine Gefahr für das Niederwild dar. »Sie sind fürs Auge interessant, für Biodiversität eher nicht«, so Seifert-Ruwe, weshalb sie keine solche Blühstreifen am Rand angelegt hat. Auch hören die Blühstreifen inmitten des Feldes auf, damit durch deren Frequentierung und Auslastung kein Einfluss erfolgt. Vom Institut ausgewertet wird, welche Insekten und andere Kleintiere in Luft und Boden gefangen wurden. Auch Bodenbeschaffenheit und Nährstoffkonzentrationen werden untersucht und in Beziehung zu Wetter, Temperaturentwicklung, den angebauten Feldfrüchten und weiteren Faktoren gesetzt.

Dabei kommen testweise auch neue Technologien und Analysemethoden zum Einsatz. Im Zeitverlauf ergibt sich so eine einzigartige Datensammlung und -qualität für Agrarflächen. Beim Dialogformat »Runder Tisch« teilen Seifert-Ruwe und die Vertreterinnen der anderen Pilotbetriebe zudem regelmäßig ihre Erfahrungen und diskutieren die Rahmenbedingungen, die nötig sind, um Klimaschutz, Bodengesundheit und Biodiversität in ein zukunftsfestes System zu integrieren. »Natur-positiv: Dieser Begriff beschreibt eine Landwirtschaft, die vor Ort Verantwortung übernimmt - sowohl für Natur und Klima als auch für jene, die sie ernährt«, erklärt der Agrarökologe und Umweltethiker Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald. »Die engagierten Teilnehmer des NaPA-Projektes haben den Anspruch, gemeinsam herauszufinden, welche praktischen Lösungen am besten auf das Ziel einer Natur-positiven, zukunftsfähigen Landwirtschaft einzahlen - und zwar jenseits festgetretener Pfade und ideologischer Debatten der Kategorie ›konventionell versus öko‹.« Das NaPA-Projekt soll zunächst bis 2024 laufen.

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