1. Startseite
  2. Kreis Gießen
  3. Hungen

»Mehr als bescheidenes Autojahr 2022«

Erstellt: Aktualisiert:

gikrei_wwKfzInnungOberhe_4c
Kfz-Innungsobermeister Carsten Müller überreicht Harald Kaufmann die Ehrenurkunde. Foto: Ewert © Ewert

Hungen (wf). Im 102. Jahr ihres Bestehens tagte die Innung des Kfz-Gewerbes Oberhessen - sie ist die älteste westdeutsche Kfz-Innung überhaupt und zählt deutlich über 300 Mitgliedsbetriebe - erstmals wieder in Präsenz. Obermeister Carsten Müller (Lich) zog auf Hof Grasss nahe Hungen eine negative Bilanz.

»Wer hätte gedacht, dass es nach zwei Jahren Corona-Pandemie noch schlimmer kommen könnte«, stellte Müller fest. »Die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine und die damit einhergehenden Preissteigerungen schlagen sich in einem deutlich verschlechterten Konsumklima nieder.« Hinzu kommen laut Müller durch die Störung der Lieferketten Probleme in der Fahrzeugproduktion. »Und nun hängt auch noch das Damoklesschwert exorbitant steigender Energiekosten über uns.«

Junge Gebrauchte kaum zu bekommen

Die Folge: Ein mehr als bescheidenes Autojahr 2022. Der Autohandel leide massiv unter den weiterhin extrem niedrigen Neuzulassungen. Die Rückgänge, 9,8 Prozent weniger im Vergleich zum ohnehin schon schwachen Vorjahr, vertieften die Sorgenfalten bei den Händlern. Auch das Geschäft mit Gebrauchtwagen zeigt laut Obermeister »inzwischen starke Bremsspuren«, da der Zufluss an »jungen Gebrauchten« massiv gestört sei.

Klarer Trend zum Reparieren

Beim Werkstattgeschäft sind die Betriebe laut Müller, bezogen auf die Quote der durchschnittlichen Werkstattauslastung, wieder auf dem Vorkrisen-Niveau angekommen. Der Trend, immer älter werdende Fahrzeuge umfangreich reparieren zu lassen, setzte sich fort.

Der Obermeister erläuterte, weshalb die Abgasuntersuchung (AU) seit über drei Jahrzehnten insbesondere auch im Blick auf den Umweltschutz wichtig seien. So wurden bundesweit im Jahr 2021 in den anerkannten AU-Werkstätten über zehn Millionen Abgasuntersuchungen statistisch erfasst. Dabei seien bei 565 000 Fahrzeugen rund 1,04 Millionen abgasrelevante Mängel erfasst worden. 275 000 Fahrzeuge, also knapp die Hälfte, hätten wieder auf das zulässige Emissionsniveau zurückgeführt werden können.

Schließlich ordnete der Obermeister der Kfz-Innung Oberhessen die Bedeutung der Branche anhand einiger Zahlen in das gesamtwirtschaftliche Gefüge der Republik ein. 37 000 Kfz-Betriebe erwirtschafteten einen Gesamtumsatz von 180 Milliarden Euro Umsatz. Und dies mit 435 000 Beschäftigten. Hinzu kommen 90 000 junge Menschen, die in der Kfz-Branche ausgebildet werden. »Das ist eine Macht«, stellte Müller klar. Keine andere Branche bilde mehr aus. Keine andere Branche tue mehr für die Sicherheit im Straßenverkehr - und sorge zugleich für den Erhalt der individuellen Mobilität der Menschen im gesamten Land.

Rechtsanwalt Joachim Otting aus dem niederrheinischen Hünxe, ausgewiesener Experte und Publizist, war zum Thema »neues Autokaufrecht« eingeladen worden. Seit 1. Januar 2022 gibt es neue Vorgaben, allerdings noch keine Grundsatzentscheidungen dazu.

Mehr Rechte für Autokäufer

Sein Fazit: Autoverkäufer seid wachsam. Das neue Verkaufsrecht gestalte den Fahrzeugkauf verbraucherfreundlicher. Die Händler hätten zum Beispiel erweiterte (Dokumentations-)Pflichten zur Aufklärung und sind mit veränderten Verjährungsfristen und der Beweislastumkehr bei Mängelansprüchen konfrontiert. Die Veränderungen betreffen zudem den Bereich der Schadensersatzansprüche oder den erleichterten Rücktritt vom Autokauf.

Otting, der einst auch in Grünberg ansässig war, riet den heimischen Kfz-Händlern zur strikten Einhaltung und Anwendung der neuen Vorschriften und warnte vor Laxheit beim Fahrzeugverkauf, denn viele Kunden würden, so seine Vorhersage, mit Hilfe von Anwälten gegen rechtliche Nachlässigkeiten beim Kauf und Verkauf von Fahrzeugen vorgehen. Und das zu Lasten der Händler. Dass dies in den ersten zehn Monaten des Jahres 2022 - vermutlich auch wegen Corona und anderer krisenhafter Entwicklungen - noch nicht geschehen sei, dürfe nicht zu einer Laissez-Faire-Haltung seitens der Autohäuser und ihres Verkaufspersonals führen. Das käme mit Sicherheit teuer zu stehen.

Im Rahmen der Innungsversammlung dankte Obermeister Carsten Müller dem nun aus dem Gremium ausgeschiedenen langjährigen Vorstands- und Gesellenprüfungsausschussmitglied - insgesamt jeweils 29 Jahre - Harald Kaufmann und überreichte dem Kfz-Meister eine Ehrenurkunde für sein Engagement in und für die Innung.

Auch interessant