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»Ohne Kompromisse geht es nicht«

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Östlich der Bundesstraße 489 Richtung Trais-Horloffer See, liegt das Gewerbegebiet »Hungen Süd«. Repro: Schäfer © Rose-Rita Schäfer

Kontrovers ging es bei der Infoveranstaltung zum neuen Gewerbegebiet »Hungen Süd« zu. Rund 150 äußerst interessierte Bürger waren in die Schäferstadt-Halle gekommen.

Hungen (rrs). Das geplante Gewerbe-Gebiet »Hungen-Süd«, zwischen Trais-Horloff, Inheiden und dem Seegebiet direkt an der B 489 nahe dem Solarpark gelegen, soll möglichst bald Realität werden. Schon seit 2001 ist die vorgesehene etwa 22 Hektar große Fläche im Regionalplan Mittelhessen für Industrie und Gewerbe ausgewiesen und im Juli 2021 stimmten die Hungener Stadtverordneten dem Entwurf des Bebauungsplans zu. In diesen waren zuvor die zwischen Mai und Juni 2020 eingegangenen Stellungnahmen und Anregungen der Öffentlichkeit mit eingearbeitet worden.

Der Gewerbepark »Hungen-Süd« wird im Westen und Norden das Industriegebiet »An der Halde«, das 2017 erschlossen und mittlerweile bereits vermarktet ist, fortsetzen.

Die Verkehrsanbindung wird über den Kreisverkehr an der Bundesstraße und die Haldenumgehung erfolgen. Um sich ein genaues Bild machen zu können, hatten sich rund 150 äußerst interessierte Bürger am Donnerstagabend zur Bürgerinformationsveranstaltung in die Schäferstadt-Halle aufgemacht.

Dr. Heiko Sawitzky vom Planungsbüro Regiokonzept aus Wölfersheim stellte den Entwurf des Bebauungsplans in allen Details vor und konstatierte: »Wegen vieler Gewerbeanfragen und Schaffung neuer Arbeitsplätze sind weitere Gewerbeflächen dringend erforderlich.«

Laut Bebauungsplan soll die derzeit landwirtschaftlich genutzte Fläche in Industrie- und Gewerbegebiet ergänzt durch das Sondergebiet »Einzelhandel« umgewandelt werden, damit zum Beispiel ein innerörtlicher Fachmarkt umziehen kann.

35 Stellungnahmen der Bevölkerung seien mit eingearbeitet sowie etliche Gutachten zu Verkehr, Tierschutz, Entwässerung, Schall und Lautstärke sowie Naturschutz eingeholt worden.

Ergänzende Beschlüsse hätten die maximale Gebäudehöhe inklusive Photovoltaik auf 15 Meter eingeschränkt. In den äußeren Bereichen seien es sogar nur zwölf Meter.

Die Rand-Grünstreifen im Westen und Norden sind im Plan von zehn auf 20 Meter verbreitert worden und ab 10 000 Quadratmetern Dachfläche ist zwingend eine Photovoltaik-Anlage vorgeschrieben.

Zugelassen sind Gewerbebetriebe aller Art, Tankstellen allerdings nur, wenn sie ausschließlich erneuerbare Energien anbieten. Im »Einzelhandel«-Bereich sind nur Verkaufsflächen bis zu 1975 Quadratmetern erlaubt.

Die Grundstücksflächenzahl, also der erlaubte bebaubare Flächenanteil eines Grundstücks, von 0,8 sichert eine dichte Bebauung und geringe Landverschwendung.

Verkehrstechnisch sollen die Wirtschaftswege weitgehend im aktuellen Zustand verbleiben, dagegen wird die Hahnstraße auf zehn Meter und die Stichstraße sogar auf zwölf Meter verbreitert und es wird zwei Wendeplätze, groß genug für Lkw, geben. Transformatorstationen für die Elektrizität und Löschwasserzisternen sind im westlichen und südlichen Plangebiet vorgesehen. Zwei Regenrückhaltebecken mit Sedimentierung, eins in der Gemarkung Inheiden, das andere in Trais-Horloff nehmen das Regenwasser auf, während das Schmutzwasser zur Kläranlage fließt.

Bei der Errichtung von Glasfassaden sind Vorkehrungen zum Schutz der Vögel zu treffen und Habitatverluste sind durch Anlage von Blühstreifen auszugleichen. Das benachbarte Vogelschutzgebiet aber wird laut Gutachten nicht erheblich beeinträchtigt.

Dipl.Ing. Jens Gelzenleuchter von BEST Ingenieure in Lahnau widmete sich anschließend dem Kanalsystem, einem Trennsystem zwischen Schmutz- und Regenwasser mit 2000 Metern Länge für Schmutzwasser und 1500 Metern für Regenwasser. Die Straßenfläche sei mit 1500 Quadratmetern und einer Ausbaulänge von 1150 Metern vorgesehen, was zu Baukosten von 7 700 000 Euro führe. Bei kleinparzelligerer Aufteilung steigen die Kosten um 4000 Euro pro laufendem Meter Straße mit einer Breite von zehn Metern.

Die Besucher machten sich hauptsächlich Sorgen um Lärmentwicklung, Lkw-Verkehr und Lichtemissionen, die vor allem die Anwohner zu beeinträchtigen drohen. Auch die Sorge, dass Giftstoffe in den nahen Inheidener See gelangen könnten oder Unwetterereignisse nicht genug berücksichtigt wurden, ging um. Da das Gelände ein Gefälle von 9,5 Metern aufweist, wurden die auf eben ausgelegten Fotomontagen als unrealistisch kritisiert und befürchtet, dass man vom See aus sämtliche Gewerbegebäude als Panorama vor Augen hätte. Für ein Naherholungsgebiet und den Tourismus ein echtes no go.

»Der Entwurf des Bebauungsplans wird im Juni offengelegt, dann kann jeder Bürger seine Einwände und Vorschläge vorbringen«, tröstete Bürgermeister Wengorsch zum Abschluss und merkte an; »Wir bewegen uns mit dem Gewerbegebiet im Spannungsfeld von konkurrierenden Interessen. Ohne einvernehmliche Kompromisse wird es wohl nicht gehen.«

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