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Papier muss erneut untersucht werden

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Hungen (bcz). Der Indizienprozess um den Mordfall in einer Hofreite in Hungen geht mühsam voran. Seit April 2021 versucht die fünfte Strafkammer des Landgerichts unter dem Vorsitz der Richterin Regina Enders-Kunze Licht in die Geschehnisse um den 16. November 2016 zu bringen. Zwei Männer sind angeklagt, ihren gemeinsamen Freund unter einem Vorwand nach Hungen gelockt zu haben.

Das Opfer galt bis 2020 als vermisst. Dann ging der Ältere der beiden zur Polizei und zeigte den Vorfall an. Wer die Tat begangen hat, ist ungeklärt, denn beide Angeklagten beschuldigen sich gegenseitig. Da die Leiche bis heute nicht gefunden worden ist, stützt sich die Anklage nur auf Indizien.

Der ältere Angeklagte, ein Mathematiklehrer aus Bruchköbel, beruft sich auf Dokumente, welcher er 2014 verfasst haben will. Darin beschreibt er, dass sein Mitangeklagter eine Entführung samt Mord plane. Zudem hätte dieser eines Abends vor einem Schnellimbissrestaurant versucht, ihn zu entführen. Dieser Versuch sei jedoch gescheitert. Diese Vorfälle habe er aufgeschrieben, um sich gegenüber seinem Mitangeklagten abzusichern, falls ihm etwas zustoßen würde. Daher hatte er das Dokument einer unbeteiligten Person zu Aufbewahrung übergeben.

Dieser Zeuge wurde bereits vom Gericht vernommen. Er konnte jedoch nicht mehr sagen, zu welchem Zeitpunkt er das Dokument erhalten hat. Deshalb ließ das Gericht das Alter des Papiers prüfen. Mit diesem Beweisantrag möchte der Mathematiklehrer seine eigene Glaubwürdigkeit untermauern und zugleich die kriminelle Energie seines Mitangeklagten, eines IT-Spezialisten, verdeutlichen.

Das Gericht ging nun der Frage nach, ob das Datum, mit dem der Brief versehen wurde, mit dem Alter des Papiers übereinstimmt, und beauftragte ein entsprechendes Gutachten. Gutachter Dr. Enrico Pigorsch von der Papiertechnischen Stiftung aus Heidenau hatte die Aufgabe, dieses Schreiben zu analysieren. Auf diesem Schreiben ist das Datum 19. Januar 2014 notiert. Allerdings brachte die Untersuchung kein klares Ergebnis. Die Altersbestimmung von Papier basiere vor allem aus der Untersuchung der im Papier vorhandenen Stärke und den Papierfasern. »Nur wenn beide Werte zueinander passen, dann können wir eine gesicherte Aussage zum Produktionszeitraum treffen«, erklärte der Experte vor Gericht. Demnach deutet der Wert der Stärkekonzentration auf ein Herstellungsjahr zwischen 2010 bis 2013 hin. Jedoch spricht der Wert, der sich aus der Untersuchung der Papierfasern ergibt, für eine Produktion um das Jahr 2018.

Der größte Widerspruch besteht für Pigorsch allerdings darin, dass der Wert der Papierfasern unter dem Wert der Stärke liegt. Aufgrund von Referenzwerten und seinen bisherigen Erfahrungen im Bereich der Papierbestimmung verwunderte ihn dies zutiefst und war für ihn nicht erklärbar. »Dieses Ergebnis widerspricht allen bisherigen Erfahrungen. Wir müssen das Papier daher erneut untersuchen, um diesen Widerspruch aufzulösen.« Die Probe erneut und komplett zu begutachten, wird einen Zeitraum von weiteren zwei Monaten beanspruchen.

Daher konnte der Sachverständige die Datierung des Schriftstücks weder bestätigen noch verneinen. Auch auf hartnäckiges und detailreiches Nachfragen seitens des Gerichts und der Verteidiger blieb der Sachverständige bei diesem Ergebnis.

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