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Saal wird zur Bühne

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Von: Rose-Rita Schäfer

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Influencer Jeffries beobachtet mit seiner Schwester Lisa und seiner Pflegerin die vermutete Mörderin. Foto: Schäfer © Schäfer

Es heißt wieder »Bühne frei«: Das Hinterhoftheater zeigt sein neuestes Stück, einen raffinierten Mordfall frei nach dem Hitchcock-Klassiker von 1954 »Das Fenster zum Hof«.

Hungen (rrs). Das Warten ist vorbei, endlich heißt es für das Hinterhoftheater Hungen wieder »Bühne Frei«. Es zeigt sein neuestes Stück, einen raffinierten Mordfall frei nach dem Hitchcock-Klassiker von 1954 »Das Fenster zum Hof«. Im proppenvollen Dorfgemeinschaftshaus Langd stieg die Weltpremiere, bevor es ab November zur großen Tour durch Hessen gehen wird.

Seit genau zehn Jahren begeistert nun schon das H2T große und kleine Theaterfans; jetzt zum Jubiläum hat sich das Ensemble mit der Hommage an Hitchcock einen langgehegten Wunsch erfüllt. Aber es wäre kein echtes H2T- Stück aus der Feder von Regisseur Flo Röhrich, wenn da nicht alles in bisschen anders laufen würde. Der perfekte Mord etwa geht nicht auf Hitchcock zurück, sondern entsprang allein Röhrichs »verderbt-tödlichen« Gedanken.

Mitten im Saal, auf einer freigelassenen langen Schneise stehend, begrüßte Röhrich das Publikum. »Stellen Sie sich einen New Yorker Hinterhof vor, umgeben von roten Backsteinwänden hoch bis in den fünften Stock, jede Wohnung mit Balkon ausgestattet, von wo aus die Mieter alles Geschehen beobachten. Hier am Hofrand ein großes Blumenbeet und da hinten kommt gerade die Sonne raus«.

Das Stück spielte nicht nur auf der Bühne, sondern im ganzen Saal. An den Wänden entlang waren Balkone oder Fenster aufgebaut und der Hausmeister ging lautstark mit dem Laubbläser über den Hof, will heißen durch den Saal. Das Stück spielte zwischen den Zeiten, optisch mit Kleidung, Wählscheibentelefon und Cocktailsesseln nebst Nostalgielampe auf der Bühne in den Fünfzigern angesiedelt, aber gleichzeitig mit Smartphone, Internet und aktuellen Themen auch in der heutigen Zeit beheimatet.

Influencer

Was aber passiert in dem Krimi? Früher tourte Fotoreporter L.B. Jeffries, kurz »Jeff« genannt, munter durch die Welt, nun aber sitzt er nach einem Unfall in der sächsischen Schweiz schwer lädiert mit einem Gipsbein und etlichen anderen gebrochenen Knochen im Rollstuhl. Aus Langeweile betätigt er sich als Influencer, checkt im TV alle Kult-Krimiserien und berichtet darüber. Mit seiner ältlichen Pflegerin, die immer nur acht Minuten für jeden Patienten zugestanden bekommt, thematisiert Röhrich den Pflegenotstand. Selbst für Jeffs Toilettengang hat sie nicht genug Zeit und so passiert das Unglück. »Es ist so erniedrigend, die ganze Nacht in seinen Exkrementen zu sitzen und zu warten. Da will ich lieber sterben, wenn ich mal zum Pflegefall werden sollte«, klagt Jeff seiner Schwester Lisa, einer forschen KarriereFrau. Als er dann eines Tages in der Nachbarschaft seltsame Vorgänge beobachtet, glaubt er an einen Mord, denn sein Nachbar Thorwald ist plötzlich verschwunden und dessen Frau behauptet scheinheilig sie habe ihn wegen dauerndem Fremdgehen rausgeworfen. Keiner will Jeff so recht glauben - weder die Polizei noch seine häusliche Pflegekraft und schon gar nicht seine Schwester. Schließlich hat er sich gerade erst hunderte Folgen von Krimis reingezogen, dabei kaum geschlafen und sich in der Einsamkeit seiner Wohnung mit Junkfood und Alkohol getröstet.

Einige Wirren

Mit einem Fernglas beobachten nun Jeff, Pflegerin Stella und seine Schwester Lisa penibel die Geschehnisse in den anderen Wohnungen oder genauer gesagt an den verteilten Stationen im Saal. Die neugierige Nachbarin, die vergessene alte Frau, das frisch verheiratete Pärchen, das einsame Mauerblümchen mit ihrem kleinen Hund und der männerverschlingende Vamp, alle habe sie ihre zum Teil traurige Geschichte, die selten so ist, wie sie scheint. Und dann kommt langsam aber sicher Licht in Jeffs Ermittlungen: der kleine Hund wird ermordet, Lisa steigt über den Balkon in Thorwalds Wohnung ein, sucht nach Beweisen für den Mord, wird von Thorwalds Ehefrau erwischt und mit einer Pistole bedroht. Nur durch die plötzlich auftauchende Polizei überlebt Lisa. Nach einigen Wirren wird die mörderische Ehefrau verhaftet und der Vorhang fällt.

Aber nein - mit reißerischer Musik und zwei Nummerngirls wurde das Publikum völlig überraschend mitten in eine Talkshow versetzt, Gäste waren das Ehepaar Thornwald und der Polizist Doyle. Jetzt erst wurde der mysteriöse Mord endgültig bis ins letzte Detail aufgeklärt - was wir hier aber der Spannung geschuldet nicht tun werden.

An diesem Abend glänzten die Laienschauspieler durch eine beeindruckende schauspielerische Leistung, um Welten besser als in allen Jahren zuvor. Ein durchaus professionelles Bühnenbild, ausgeklügelte Beleuchtungstechnik, eine beeindruckende Soundanlage sowie Getränke und kleine Snacks an der »Bar« ließen echtes Theaterfeeling aufkommen. Die in den vergangenen Monaten geleistete anstrengende und intensive Probenarbeit führte zu einer rundum gelungenen Inszenierung mit vielen spektakulären Wendungen und wurde durch viele Lacher in den komischen Passagen sowie frenetischem Beifall am Ende belohnt.

Informationen und Termine gibt es unter www.hzweit.de Termine.

Die geplante Hessentour führt nach Gießen ( 5.11.), Laubach (19.11.), Nidda (26.11.), Wetzlar (3.12.), Frankfurt (10.12.), Hungen (7.1.2023) und Wölfersheim-Melbach (14.1.2023).

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