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Stadtwald als »Schatzkästchen«

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Ein Teil des Hungener Stadtwaldes könnte in den Wildnis-Fonds integriert werden. Symbolfoto: dpa © Red

Die Hungener Bürgerversammlung beleuchtet das Für und Wider. des Wald-Wildnis-Projektes. Ab sofort können sich Bürger auch online einbringen.

Hungen (klk). Sollen 176 Hektar des Hungener Stadtwaldes zukünftig Teil eines Wald-Wildnis-Projektes werden?

Zu diesem Thema hatte die Stadt Hungen eine Bürger-Informationsveranstaltung organisiert. Etwa 120 Hungener waren der Einladung gefolgt. Auch rund 35 städtische Funktionsträger hatten den Weg in die Schäferstadt-Halle gefunden.

Konkret geht es um die mögliche Integration eines Teils- des Stadtwalds zwischen Langd, Villingen und Hungen in den Wildnis-Fonds der Bundesregierung. Bürgermeister Wengorsch verwies zu Beginn auf die verschiedenen Möglichkeiten der zukünftigen Waldentwicklung. Eine davon sei, die Integration eines Stadtwald-Teil-Areals in das bereits bestehende »Wald-Wildnis-Gebiet Westlicher Vogelsberg« mit rund 800 Hektar Flächen des hessischen Staatsforstes und 224 Hektar Gräflich Solms-Laubach’scher Waldungen. Zusammenhängend würden mit diesen Wäldern 1100 Hektar als Wildnisgebiet entstehen.

Einen Überblick über die »Nationale Strategie zur Biologischen Vielfalt« der Bundesregierung gab der Geschäftsführer der gemeinnützigen bundeseigenen Zukunft-Umwelt-Gesellschaft (ZUG), Dr. Oliver Stock (Berlin). Nach seinen Worten sollen bundesweit zwei Prozent der Landesfläche aus Gründen des Arten- und Biotopschutzes als Wildnisgebiete entwickelt werden und weitgehend frei von menschlichem Einfluss bleiben. Die ZUG sei hierbei Projektentwickler, Finanzier und staatlicher Gewährsträger. Mit der praktischen Durchführung und dauerhaften Unterhaltung wird im Umsetzungsfalle die Nabu-Stiftung »Nationales Naturerbe« beauftragt und ermächtigt, alle notwendigen Maßnahmen zur Sicherstellung der ökologischen Ziele als Vertragspartner der Stadt Hungen durchzuführen. Deren Vorsitzender, Dipl.-Ing. Landschaftsplanung Christian Unselt war ebenfalls extra aus Berlin angereist. Er erläuterte den technischen Ablauf einer möglichen Teilnahme anhand von Beispielen. Der Waldökologe und Zoologe Dr. Markus Dietz (Gonterskirchen) klärte die Anwesenden über den hohen ökologischen Wert, des in Rede stehenden Wald-Areals auf und sprach dabei von einem »Schatzkästchen« der Artenvielfalt. Aufgrund der Lage inmitten des bereits bestehenden, großflächigen Wald-Wildnisgebietes und der ökologischen Wertigkeit der Stadtwaldfläche, sei die Teilnahmemöglichkeit am Bundes-Wildnis-Fonds im Grunde ein einmaliger Glücksfall für die Stadt Hungen - sowohl ökologisch als auch ökonomisch. Außerdem sei zu bedenken, dass das Jagd- und Wegerecht für die Stadt hierbei weitgehend erhalten bleibe, so Dietz.

Der Forst-Ökonom und Waldgutachter Dr. Robert Reißig (FBR-Consulting, Starnberg) präsentierte die notwendigen Zahlen für die ökonomische Bewertung. Auf Grundlage der Waldinventur des Stadtwaldes aus 2015 und eigenen aktuellen Feld-Untersuchungen der Bewertungsfläche mit einem Buchenanteil von etwa 55 Prozent und einem Bestockungswert von 0,6, errechnete Reißig den Wert der Waldfläche. Dieser setzt sich aus dem Substanzwert und dem aktuellen Ertragswert mit rund 230 Ernte-Festmetern Holzvorrat je Hektar zusammen und beträgt aufsummiert 4,447 Millionen Euro für den dauerhaften Holznutzungsverzicht auf 176 Hektar Fläche, wovon rund sieben Hektar Wege und Gräben sind. Diese umfassen knapp 15 Prozent der gesamten Stadtwaldfläche Hungens mit über 1200 Hektar in zehn Ortsgemarkungen.

Diplom-Forstwirt Frank Zabel vom städtischen Walddienstleister Taunus-Forstservice, erläuterte die Grundzüge der naturnahen Waldbewirtschaftung und präsentierte ein Für-und-Wider der beiden vorgestellten Konzepte.

Er plädierte aber angesichts, der sich verändernden Klima- und Wassersituation auf jeden Fall für die Bildung einer Waldrücklage, um den klimaresilienten Umbau des Stadtwaldes auf den Weg zu bringen, und ihn damit auch langfristig ertragsfähig zu erhalten.

Stadtrat Alexander Velten (CDU) sowie die Stadtverordneten Holger Frutig und Ingo Schmalz (FW) thematisierten in mehreren Wortbeiträgen aus ihrer Sicht ungeklärte Fragen und potenzielle Gefahren, während die Nabu-Vertreter Bodo Fritz, Harald Fritzges und Stephan Kannwischer die Verbesserung der vielfältigen natürlichen Waldwohlfahrtswirkungen sowie das hohe touristische Potenzial in den Fokus rückten.

Eine Online-Bürger-Befragung zum »Wildnis-Fonds« auf hungen.de soll weiteren Aufschluss liefern.

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