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Wahre Odyssee erlebt

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Hungen (twi). Russlands Krieg mit der Ukraine hat auch das Leben des 19-jährigen Deutsch-Russen Ivan Hampel komplett auf den Kopf gestellt. Seinen Namen beschreibt der junge Mann als »eine typisch deutsch-russische Kombination«. Im Hungener Schloss besuchte er nach einer wahren Odyssee seinen Großonkel, den Ehrenbürger Professor Dr. Adolf Hampel, und hat vieles zu berichten, denn obwohl gerade frisch gebackener Ehemann, war ein Besuch beim Bruder seines Großvaters eigentlich nicht vorgesehen.

Doch der Krieg änderte alles, stellte das Leben des Studenten auf den Kopf - und auch die Hochzeit konnte nicht wie geplant verlaufen.

Im Keim erstickt

Vater Deutscher, Mutter Russin, wuchs Ivan Hampel in Berlin zweisprachig auf und besuchte in der Hauptstadt bis zur neunten Klasse die Schule. Dann zog er mit seiner Mutter nach Moskau, wo er 2021 sein Abitur machte und an der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und Öffentlichen Dienst beim Präsidenten der Russischen Föderation (Ranepa) in Moskau sein Studium Internationale Beziehungen begann. Gerade im zweiten Semester, musste er sich mit Kriegsbeginn eingestehen, dass es für ihn keine Zukunft mehr in Russland gibt.

Den Wandel der russischen Gesellschaft hat er seit 2017 miterlebt und 2019 bei der Wahl zur Duma hatte er sich als 17-Jähriger erstmals politisch engagiert. Gab es seinerzeit noch große Proteste und einen Aufstand, weil viele Oppositionelle Kandidaten antraten, so wurden 2020 mit Corona auch die Schrauben für die Bürger durch die Machthaber angezogen. Dies alles erreichte dann im August 2020 mit dem Giftanschlag auf den russischen Oppositionspolitiker und Dissidenten Alexei Nawalny seinen traurigen Höhepunkt - vorerst.

Parallel wurden Zeitungen, Radiosender und Fernsehsender verboten. Der aufkommende Widerstand wurde so im Keim erstickt. »In diesem Jahr mussten wir dann mit ansehen, wie die restlichen unabhängigen Medien schließen und geschlossen wurden. Die Zivilgesellschaft ist absolut gelähmt«, schildert Hampel seine Eindrücke und verrät dabei auch, dass er 2019 einmal festgenommen wurde, als er demonstrierte.

Welche Auswirkungen dies hat, bekam er nun zu spüren, besuchte doch die Polizei nun seine Mutter, um sich nach ihm zu erkundigen. Ein ungewöhnlicher Vorgang, der aber nun im Krieg praktiziert wird, um unliebsame Landsleute in den Krieg und an die Front zu schicken.

In Russland besteht zwar eine allgemeine Wehrpflicht bis zum 27. Geburtstag. Doch schützt ein Studium und auch ein Auslandsjahr ebenso wie eine Erkrankung davor, eingezogen zu werden. Doch in Kriegszeiten sieht dies natürlich anders aus,. »Ein Anruf reicht da schon aus und du bist an der Hochschule exmatrikuliert«, so Hampel.

Moskau schildert er als eine sehr lebendige Stadt, in der er viele Freunde gefunden hat während einer »sehr aufregenden und tollen Zeit. Dies alles hat mir einen großen Motivationsschub gegeben. Weil alle versuchen, zu überleben und sich herauszuheben, hat mir dies auf die Sprünge geholfen im Leben«.

Am 3. März hat er Moskau verlassen, musste seine Mutter zurücklassen, die sich um die kranke Großmutter kümmert. »Man lässt Familie zurück und macht sich Sorgen«, so Hampel. Mit dem Nachtzug fuhr er von Moskau nach St. Petersburg und dann von dort mit dem Allegro Express, einem Hochgeschwindigkeitszug, weiter nach Helsinki.

Frau zurückgelassen

Ende März wurde diese Zugverbindung, die zahlreiche Flüchtlinge nutzten, vorerst eingestellt. Von Helsinki ging es dann mit dem Flugzeug nach Berlin, wo er bei seinem Vater vorerst unterkam. Weil er lediglich einen russischen Schulabschluss hat, nutzt er die Zeit, um Arbeit zu finden und dann weiter zu studieren. Allerdings ist dies für Russen aktuell weitaus schwieriger als für Flüchtlinge aus der Ukraine.

Ursprünglich sollte eigentlich in diesen Tagen seine Hochzeit stattfinden, doch diese wurde vorgezogen und fand nun in Tiflis/Georgien, einem Las Vegas in Sachen Heirat im Osten, statt. Hier werden lediglich Reisepässe oder Personalausweis verlangt, Geburtsurkunden und Ledigkeitsnachweise oder ein Ehefähigkeitszeugnis sind nicht erforderlich. Mit seiner Frau war er bereits vier Jahre zusammen und musste diese bei seiner Flucht zurücklassen. In Tiflis trafen sich nun beide. Während er über Istanbul flog, flog sie über Minsk nach Tiflis, weil es aktuell aus Russland keine Direktflüge nach Georgien gibt. Nun muss er warten. Bis er seine Frau wieder in die Arme nehmen kann, dauert es doch mit dem benötigten Visum für den Ehegattennachzug. »Natürlich wünscht man sich von Deutschland einfachere Lösungen. Wenn Du aus der Ukraine kommst, darfst du gleich arbeiten, das wünschen sich auch Russen, die flüchten und hierherkommen.«

In Hungen ist er mit Evgenii (20 Jahre/Maschinenbau) und Kseniia (19/Jura) zusammengetroffen. Das Studentenpaar aus der Ukraine ist in sechs Etappen mit Bus, Zug und Auto aus der Ukraine nach Gießen geflüchtet. Während Kseniia mit Schwester und Mutter in Villingen untergebracht ist, wurde Evgenii von Hampels in Hungen aufgenommen. Beide besuchen aktuell ein Studienkolleg, um die deutsche Sprache zu lernen und wollen ihr Studium fortsetzen.

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