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Wahres Schatzkästchen

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Von: Rose-Rita Schäfer

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Werner H. Strack hat seine Bände gut strukturiert. Foto: Schäfer © Schäfer

Wenn der im thüringischen Sömmerda nahe Erfurt wohnende 70-jährige Werner Strack seine alte Heimat Laubach und Villingen besucht, reist meist ein kleiner silberner Metall-Aktenkoffer mit.

Hungen . Wenn der im thüringischen Sömmerda nahe Erfurt wohnende 70-jährige Werner Strack seine alte Heimat Laubach und Villingen besucht, reist meist ein kleiner silberner Metall-Aktenkoffer mit. Darin verborgen seine Schätze, die Früchte seiner Recherche-Arbeiten aus den vergangenen 35 Jahren. Für geschichtlich Interessierte öffnet er gerne das Köfferchen - heraus kommen vier wunderschöne dicke Heimat-Fotobücher von Villingen wie es früher einmal war.

Da gibt es viel zu bestaunen, Klassenfotos von den Einschulungen in die Villinger Volksschule ab 1893, soweit bekannt mit Namen, Geschichten einer Lehrerin aus den Zeiten des Zweiten Weltkrieges, die im Krieg gefallenen Soldaten aus Villingen inklusive einer Landkarte mit ihren Todesorten, Informationen aus Kirchenbüchern über Hochzeiten aus längst entschwundenen Tagen, beginnend im Jahr 1653 und nicht zuletzt unzählige Fotos von Villingen, wie es in der Vergangenheit einmal aussah, wie sich die Häuser über die Jahrhunderte verändert haben. Für Heimatkundler tut sich hier ein wahres Schatzkästchen mit wertvollsten Details auf.

Band 1 »Erinnerungen an die Schulzeit von 1893-1950« zeigt die jährlichen Einschulungsfotos, dazu ein Schemenbild mit durchnummerierten Personen und gleich daneben die zu den Nummern gehörenden Namen, soweit sie herauszufinden waren. Dazwischen eingestreut kleine Geschichten aus der damaligen Zeit, wo vor allem die ehemalige, längst verstorbene Lehrerin Kammer aus den Wirren des Zweiten Weltkrieges erzählt.

Register erleichtert gezielte Suche

Ein alphabetisches Register, geordnet nach Namen und Geburtsdatum, erleichtert das Auffinden von gesuchten Personen. »Es gibt viele Menschen, die haben genau den gleichen Namen, sind manchmal sogar im gleichen Jahr und Monat geboren, identifizieren kann man die nur über das genaue Geburtsdatum«, erzählt Strack. Der Fortsetzungsband über die Jahre 1951-2000 wird bald folgen.

Band 2 »Erinnerungen an die Konfirmation von 1921-2000« ist nach dem gleichen Prinzip aufgebaut, nur eben mit Konfirmationsbildern. Band 3 »Copulationsprotokolle der evangelischen Kirche von 1653-1779« enthält Auszüge aus Kirchenbüchern zu Hochzeiten, übersetzt dabei im Nebentext das ehemalige Sütterlin in unsere heutige Schrift. Band 4 »Villingen wie es früher einmal war« wandert die Straßen entlang durch den Ort, präsentiert die bisher aufgespürten Fotos der einzelnen Häuser aus vergangenen Zeiten, aber auch gleich daneben zum Vergleich ein aktuelles Foto. Dazwischen immer wieder Fotos vom Alltag der Menschen - ein Pferdegespann, die Hausschlachtung, Futter suchende Hühner mitten auf der Straße oder die kleine Bank vor dem Haus zum Ausruhen und Klönen. Das enthaltene alphabetische Register ist nach Straßen und Hausnummern sortiert.

Für 2025 steht noch der Band »Gedenken an das Kriegsende vor 80 Jahren« zur Veröffentlichung an. Hier gibt es Fotos der Villinger Gefallenen, während eine große Weltkarte durch farbige Punkte die genauen Orte des grausamen Hinscheidens markiert. Ergänzend erzählen einige der damals zu Hause verbliebenen Dörfler, wie sie den Krieg erlebt haben, was genau alles in dieser düsteren Zeit in Villingen passiert ist.

Große Detailfülle

Die Schwarz-weiß Bildbände brechen mit ihrer Detailfülle den Rahmen jeglicher Vorstellungskraft. Was nur hat Strack zu einem solch aufwendigen, arbeitsintensiven Werk getrieben? Aufgewachsen ist er in Laubach, zum Studium der Chemie zog es ihn dann an die TH Darmstadt und nach der Wende arbeitete er als Berufsschullehrer für Chemie und Sport im thüringischen Erfurt. So weit, so normal. Sein Vater, ein gebürtiger Villinger, hatte für jedes seiner Kinder, wie damals üblich, ein großes Fotoalbum mit allen wichtigen Lebensereignissen zusammengestellt. »Das war die Initialzündung für alles Weitere, denn ich wunderte mich, dass die Fotos schon bei den Großeltern endeten«, blickt Strack lächelnd zurück. »Von noch früheren Vorfahren gibt es nix mehr«, beharrte sein Vater. Aber Strack blieb am Ball, fragte in Villingen bei Onkeln, Tanten, Kusinen nach und wurde fündig. Er durchsuchte antike Kirchenbücher, begeisterte sich für die alten Fachwerkbauten, er hatte Blut geleckt und recherchierte überall im ganzen Ort, sammelte alle alten Unterlagen und Fotos, deren er habhaft wurde. Vor allem die ganz Alten, 80 oder über 90 Jahre alt, teilweise schon dement, aber mit noch gutem Langzeitgedächtnis, erinnerten sich sehr genau an die Geschehnisse aus längst vergangenen Tagen. Sie erzählten von Festen, wer wen geheiratet hatte, von der Hausschlachtung und der guten »Wurschtsupp«, die an die Nachbarn verteilt wurde. Ohne Fernsehen und Telefon war seinerzeit die Bank vor dem Haus sozusagen die Dorfzeitung, hier wurden alle Neuigkeiten ausgiebig bequatscht. »Die sozialen Beziehungen waren damals im Dorf sehr eng, nicht mit heute zu vergleichen«, weiß Strack. Die eine oder andere antike Kostbarkeit kam auch aus der Truhe auf dem Dachboden oder aus der alten Blechdose in Oma’s Schrank wieder ans Tageslicht. »Das Zusammentragen der Fotos und Dokumente war schon eine echte Sisyphusarbeit«, gibt Strack stolz zu, aber nachdem sich sein Gehör bis zur Taubheit verschlechtert habe und das Hören mit dem Implantat auch Einschränkungen mit sich brachte, seien die Recherchearbeiten ein Halt für ihn gewesen, hätten ihm die Lebensfreude zurückgegeben.

Unter strack.w@web.de steht Werner H. Strack für Fragen oder den käuflichen Erwerb der Bücher zur Verfügung.

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Einschulung 1902 in Villingen aus dem Fotobuch von Werner H. Strack. Foto: Schäfer © Schäfer

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