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Wenn Roboter träumen

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Bild generiert zum Thema »A Sun Goddess«. Foto: Schäfer © Schäfer

Der Frankfurter Nicolai Richter präsentiert im Hungener Schloss von Computer-algorithmen erschaffene Bilder und sorgt damit für erstaunte ungläubige Blicke.

Hungen (rrs). In der besonderen Atmosphäre des Pferdestalls im Hungener Schloss trafen am Samstagnachmittag reale und digitale Welten aufeinander. Zum einen erinnerte das alte liebevoll restaurierte Gebäude an längst vergangene Zeiten, während an den Wänden 20 nicht von Menschenhand, sondern von Computer-algorithmen erschaffene Bilder die erstaunten ungläubigen Blicke der Besucher auf sich zogen. Der 51-jährige Computer-Künstler Nicolai Richter aus Frankfurt ließ in seiner Vernissage zur Ausstellung »Wenn Roboter träumen - Blicke in das digitale Unterbewusstsein« die Frage wach werden: »Können Computer so schön malen wie ein Mensch?« Algorithmen und KI beantworten heute viele Fragen, können Finderabdrücke erkennen oder Gesichter zuordnen, aber die schönen Künste gehören doch nach wie vor den Menschen und nicht den Rechenformeln - denken zumindest die meisten Menschen. Aber Richter zeigt das Gegenteil. Eine in lila getauchte Frau betet die untergehende Sonne an, ein verwunschenes Märchenschloss betört in grüner Weite, ein Engelwesen schwebt auf bläulichen Flügeln von dannen und viele skurrile Wesen in traumhaften oder auch surrealen Welten heischen nach Aufmerksamkeit. Kann das wirklich ein Computer erschaffen? Ja, unter geschickter Führung kann er, denn Richter ist einer von einer Handvoll Künstlern weltweit, die mit KI-Programmen den Computern die Kunst eröffnen und Kreativität ermöglichen.

»Einen Pinsel habe ich noch nie in der Hand gehabt. Schon in der Schule fehlte mir einfach die Begabung dazu«, gibt Richter unumwunden zu.

Während seines Psychologiestudiums in Gießen lernte er, mit Computern inklusive deren Programmierung umzugehen, und tauchte tief in die Statistik ein. Als Psychologe hat er nie gearbeitet, stattdessen blieb er im Risikomanagement einer Bank den Zahlen und PCs treu. Doch so nebenbei entwickelte er sich erstaunlicherweise doch noch zum Künstler. Angefangen hat alles vor etwa elf Jahren, als er begann, mit Hilfe von KI Gedichte zu schreiben, was aber in abstrusen Reimen endete. »Das Medium Text hat mich schon früh im meiner Kindheit gereizt und Bilder sind dargestellter Text. Da lag die Idee, den Computer aus einem Text das dazu passende Bild generieren zu lassen, nahe«, erklärt Richter.

Schon seit einigen Jahren werden KI-Programme mit lernfähigen Algorithmen dafür genutzt, zum Beispiel im Internet rechtswidrige Inhalte zu entdecken und zu blockieren. Vorher darauf trainiert, kann die KI etwa erkennen, ob auf Fotos nackte Personen sind. Sie sucht dabei von Schlagworten ausgehend die passenden Bilder heraus. Richter wendet dieses Prinzip nun umgekehrt an, was erst seit einigen Jahren möglich ist. Er gibt der KI einen kurzen englischen Text vor und lässt in vielen Rechenschritten daraus ein Bild entstehen, was erst einmal viel Vorarbeit voraussetzt.

Dazu hat er sich aus dem Internet einen Strauß frei verfügbare KI zusammen gesucht, die eine kann besser Porträts, die andere besser Landschaften und die dritte vielleicht exzellent Blumen malen. Zusammengestrickt mit der Programmiersprache »Python« steuert der PC anhand des eingegebenen Textes die optimale KI an. Zuerst aber gilt es, die KI mit tausenden Bildern und den dazugehörigen schriftlichen Beschreibungen aus dem Internet zu füttern. Wird das Bildgenerierungs-Programm dann gestartet, sitzt die KI zunächst bei einem verrauschten Pixel-Bild, bekannt etwa von alten Fernsehern. Bekommt sie das Thema »Blume der Furcht«, weiß sie, dass Blumen bunt sind und fängt mit farbigen Klecksen an. Das Ergebnis wird mit Blumenbildern verglichen und wenn es zu wenig Übereinstimmung zeigt, weiter verbessert. Die KI rechnet und probiert so lange, bis sie mit dem Ergebnis zufrieden ist. »Mindestens zehn Minuten bis zu drei Stunden braucht ein Werk und von 50 Versuchen kann ich 49 in die Tonne klopfen«, beschreibt Richter den Prozess. Daher gibt er dem Programm Massenaufträge und lässt es über Nacht rechnen. Die Ergebnisse sind wenig vorhersehbar, aber oft überraschend genial.

Das Thema »Risikomanagement Bank« produzierte etwa ein Bild mit vielen Männern in Anzügen an einem großen runden Tisch, während im Hintergrund ein Haus abbrannte. Eine treffende Umsetzung, findet Richter und plaudert aus dem Nähkästchen. »Für gute Bilder muss man die KI genau kennen und die richtigen Schlagworte auswählen. Genaue detaillierte Beschreibungen sind kontraproduktiv, widersprüchliche oder emotional aufgeladene Begriffe dagegen Erfolg-versprechend. Viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl sind hier gefragt - das ist die ›Kunst‹ an meiner Arbeit.« Zusätzlich kann auch der Kunststil oder die Farbpalette vorgegeben werden.

Die einzigartige Ausstellung ist bis zum 3. Juli jeden Samstag und Sonntag von 15 bis 17 Uhr geöffnet und lohnt den Besuch auf jeden Fall.

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Nicolai Richter Foto: privat © privat

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