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»Wir haben nichts mehr«

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Die Gruppe startete vom Schulhof der Gesamtschule. © Gesamtschule Hungen

Mit vier Transportern und Spendengeldern machte sich eine Gruppe Hungener auf den Weg nach Breslau. Sie hatten Spendengelder und Lebensmittel für ukrainische Flüchtlinge dabei..

Hungen (red). Fast sechs Wochen ist es her, dass der Überfall Russlands auf die Ukraine begann. Fast vier Wochen lang haben die Schulgemeinde und der Förderverein der Gesamt- schule Spenden für geflüchtete Ukrainer gesammelt. Unterstützt wurden sie von Vereinen, Kindergärten, Gewerbetreibenden und Einwohnern der Stadt Hungen. Mit vier Transportern und Spendengeldern machten sich drei ehemalige Schüler, drei Lehrer, einer der beiden Hausmeister und ein vor kurzem aus der Ukraine geflüchteter Vater auf den Weg nach Breslau. Ziel ist die polnische Hilfsorganisation »Tratwa« (übersetzt »Floß«), die in einer ehemaligen Halle für Straßenbahnen täglich an die 3000 Menschen mit dem Nötigsten - vor allem mit Lebensmitteln - versorgt. Staatliche Unterstützung erhält die Organisation nicht. Alles basiert auf Spenden und ehrenamtlichen Helfern.

Schon am Tor des Fabrikgeländes wird man von jungen Mädchen in Pfadfinderuniformen empfangen, die im besten Englisch die Zufahrt erklären. Als das erste Fahrzeug rückwärts vor das Entladetor vorfährt, strömen ehrenamtliche Helfer in gelben Westen aus der Halle, vor der bereits rund 400 Menschen warten. Ein älterer Mann stellt die entscheidende Frage: »Habt ihr auch Lebensmittel dabei?« Eine Lehrerin spricht etwas Polnisch und bejaht. Dann passiert etwas, das unter Corona kaum vorstellbar ist. Dieser fremde Mensch umarmt sie und flüstert mit feuchten Augen »Danke. Wir haben nichts mehr, was wir an die Menschen verteilen könnten.« Alle Umstehenden haben einen Kloß im Hals. Erst nachdem alles ausgeladen ist und die Hungener mit den Spendengeldern noch mal Lebensmittel eingekauft haben, wird deutlich, dass diese das kostbarste Gut sind.

Die in den umliegenden ehemaligen Studentenheimen lebenden Frauen und Kinder haben nichts. Kein Geld, keinen Anknüpfungspunkt, keine Möglichkeit, sich und ihre Kinder zu versorgen. Sie sind auf Tratwa und die Spenden angewiesen. Doch die Spendenbereitschaft nimmt immer mehr ab. Nicht, weil die Menschen nichts geben wollen, sondern vielmehr, da die ortsansässigen regelmäßigen Spender Geflüchtete aufgenommen haben und nichts mehr abgeben können. Auf die Frage, wie es weitergehen soll, reagiert der Leiter der Organisation mit einem Schulterzucken. »Cudy?« (Wunder?) Er führt die neun Hungener in eine zweite Halle. Hier ist medizinisches Material eingelagert. Verbandszeug, Krücken, Medikamente, Rollstühle, die gespendet wurden und auf einen mutigen Fahrer warten, der sich traut, in die Ukraine zu fahren, um dort die Krankenhäuser zu versorgen.

In einem Zelt hinter den Hallen wird gerade eine Art provisorisches medizinisches Zentrum aufgebaut. Drei Stunden nach der Ankunft sind alle mitgebrachten Lebensmittel, Windeln und Kindernahrung verteilt.

Man verlässt das Gelände Richtung Deutschland, doch die Bilder des Aufenthaltes fahren mit: Hochschwangere Frauen, die sich durch Kartons mit Babykleidung wühlen, und sich so auf die Geburt ihrer Kinder vorbereiten. Kinder, die in dem hinteren Teil der Halle, in einer Art Spielecke, still und in sich gekehrt Bilder von Einhörnern und Superhelden ausmalen. Erschöpfte Gesichter und leere Blicke.

Ohne dass viel gesprochen wird, ist allen klar: Wir können jetzt nicht aufhören! Wir müssen weiter Spenden sammeln, um in absehbarer Zeit wieder helfen zu können. Am 6. Mai soll der nächste Transport mit Spenden starten.

Jede finanzielle Spende ist willkommen und kann auf das Konto des Fördervereins überwiesen oder eingezahlt werden (Förderverein der Gesamtschule Hungen, IBAN: DE39 5139 0000 0094 3147 04). Auch Lebensmittel werden gerne angenommen. Hierzu bitte Kontakt über 06402/51963-0 oder issleib@gesahu.de aufnehmen.

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In der ehemaligen Halle für Straßenbahnen werden in Breslau täglich an die 3000 Menschen mit dem Nötigsten versorgt. © privat

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