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130 Arbeitsplätze futsch?

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Am Standort Lollar sollen Stellen abgebaut werden. © Wisker

Bosch Thermotechnik hat für das Werk in Lollar einen Personalabbau von 130 Stellen bis Ende 2026 geplant.

Kreis Gießen (dge). Rund 130 Stellen will Bosch Thermotechnik bis Ende 2026 in Lollar abbauen. Das Unternehmen beschäftigt in Lollar nach eigenen Angaben insgesamt rund 1000 Mitarbeiter

»Erst einmal sacken lassen«, kommentierte Alexander Junker, Betriebsrat Bosch Thermotechnik in Lollar, die Hiobsbotschaft auf Nachfrage des Anzeigers. Junker will zunächst eine Sondersitzung mit dem Betriebsrat abhalten, auch mit der IG Metall werden kurzfristig Gespräche geführt.

Angekündigt

In einer Pressemitteilung kündigte die Unternehmensleitung den Abbau der rund 130 Stellen bis Ende 2026 an. Das Werk in Lollar verzeichne gegenwärtig noch eine gute Auftragslage. Beispielsweise steige die Nachfrage nach Gaskesseln infolge des Klimapakets in Deutschland, da derzeit Hausbesitzer attraktive Förderungen für die Heizungsmodernisierung nutzten, heißt es in der Mitteilung, um jedoch sogleich einzuschränken: »Allerdings wird im Werk Lollar die Auslastung mittelfristig in drei Produktionsbereichen zurückgehen.«

In der Regelgerätefertigung seien die Kosten nicht wettbewerbsfähig. Der Bereich habe deswegen nur unzureichend Aufträge für neue Produktgenerationen gewinnen können. Um zukünftig Regelgeräte zu wettbewerbsfähigen Kosten anbieten zu können, plane Bosch Thermotechnik, Regelgeräte an kostengünstigeren Standorten im Fertigungsverbund zu produzieren oder extern zu beziehen. Hinzu kämen eine rückläufige Nachfrage nach Öl-Kesseln und eine stärkere Automatisierung der Blechbearbeitung.

»Aufgrund der rückläufigen Nachfrage und Auslastung wird der Beschäftigungsbedarf im Werk Lollar in den kommenden Jahren sinken. Aus der aktuellen Position der guten Auslastung heraus will Bosch Thermotechnik das Werk in Lollar bereits jetzt zukunftssicher aufstellen«, sagt Frank Gerischer, Leiter des Werks Lollar. Zu diesem Zweck wolle das Werk mit den Arbeitnehmervertretern sozialverträgliche Maßnahmen zum Abbau von rund 130 Stellen bis Ende 2026 vereinbaren.

»Unser Ziel ist, für die zukünftige Beschäftigung auch die existierenden Chancen bei Bosch Thermotechnik in Mittelhessen zu nutzen. Es bestehen Wachstumsmöglichkeiten in der Produktion von Speichern und Inneneinheiten für Wärmepumpen am Standort Eibelshausen. Die Beschäftigten sollen deshalb ein alternatives Beschäftigungsangebot in Eibelshausen erhalten«, stellt Gerischer in Aussicht. Zusätzlich sollen den Mitarbeitenden freiwillige Austrittsvereinbarungen und Altersteilzeit-Vereinbarungen angeboten werden, befristete Verträge sollen auslaufen.

Interessenausgleich

Man habe die Arbeitnehmervertreter und Mitarbeiter über die Situation und die geplanten Schritte informiert. Verhandlungen zu einem Interessensausgleich seien für das zweite Quartal 2022 geplant.

Am Standort besteht eine Beschäftigungssicherung bis Ende 2023. Die wurde 2015 auf Betreiben von Gewerkschaft und Betriebsrat geschlossen. »Wir haben die nicht geschlossen, damit Bosch dann im weitern Verlauf die Bude platt macht«, Stefan Sachs, Erster. Bevollmächtigter, Geschäftsführer und Kassierer der IG Metall Mittelhessen, findet klare Worte. »Wir werden um jeden Arbeitsplatz kämpfen.« Es werde Verhandlungen geben, es gehe auch generell um die Frage, wie es mit dem Standort Lollar weitergehe. Wenn die Unternehmensführung von »sozialverträglichem Abbau« spreche, sei dies keinesfalls seine Wortwahl. »Das ist kein sozialgerechter Abbau.«

Sicher, formal halte sich Bosch Thermotechnik an die Beschäftigungssicherung, man werde sich dennoch nicht mit dem nun angekündigten geplanten Personalabbau abfinden. »Wir wollen alle Arbeitsplätze erhalten, auch diese 130.« Ein Arbeitsrechtler stehe ohnehin zur Seite, nun erwäge man noch, auch externe Berater für die betriebswirtschaftlichen Aspekte hinzuzuziehen. »Es geht nicht um Aktionismus. Wir werden aus dem gewerkschaftlichen Werkzeugkasten alles nutzen, was geht, wenn es klug ist. Wir schauen uns jetzt die Details an und entscheiden dann, mit welchen gewerkschaftlichen Mitteln wir agieren«, so Sachs. Erst im Sommer vergangenen Jahres hatte das Unternehmen angekündigt, die Sparte Gießerei an den Standorten Lollar, Breidenbach und Ludwigshütte zu veräußern. Rund 40 Millionen Euro hatte die Bosch-Gruppe in die Erweiterung der Gießerei in Lollar erst wenige Jahre zuvor, nämlich 2017, investiert.

Gießerei

Seitens der Unternehmensleitung hieß es im Juli 2021, dass am Standort Lollar »lediglich die Gießerei, die dem Produktbereich Brake Components zugeordnet ist, von dem möglichen Verkauf betroffen ist. Alle anderen Aktivitäten der Bosch-Gruppe in Lollar sind nicht betroffen«. Soweit er informiert sei, gebe es für Lollar Käufer, erklärte Stefan Sachs. Auch im Blick darauf werde man schauen, wie es insgesamt mit dem Standort Lollar weitergehen wird.

Kurz zur Unternehmenshistorie: 1731 hatte Johann Wilhelm Buderus das Unternehmen mit der Friedrichshütte bei Laubach gegründet. Unter dessen Söhnen entwickelte sich Buderus zu einem prosperierenden Unternehmensverbund mit zahlreichen Standorten in Mittelhessen, so auch in Lollar. 1895 begann hier der Guss von Gliederkesseln, 1898 die Herstellung gusseiserner Radiatoren. »Buderus« wird im Laufe der Zeit zu einem festen Begriff in Sachen Heizungstechnik. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird in das Werk Lollar investiert, 1952 wird eine moderne Form- und Gießfließanlage für Radiatoren errichtet. »Die Hütt« wird zu einem großen Arbeitgeber in der Region, gibt Lollar den Beinamen »Buderusstadt«. 1998 feierte man 100 Jahre Gussheizkesselpatent und fünf Millionen Heizkessel aus dem Werk Lollar, mit dessen Modernisierung man Anfang der 1990er begonnen hatte. Zu Beginn der 2000er Jahre stieg die Robert Bosch GmbH als Mehrheitsaktionär ein. 2004 entstand schließlich aus Buderus Heiztechnik und Bosch Thermotechnik die BBT Thermotechnik GmbH, die 2008 in Bosch Thermotechnik umfirmiert wird.

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