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20 Firmen machen Geschäfte mit Russland

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Sanktionen gegen Russland und der Krieg in der Ukraine haben auch Einfluss auf heimische Unternehmen, die zu den Ländern Wirtschaftsbeziehungen unterhalten. Geschäfte mit Rubel und Euro machen bei den befragten Firmen einen Anteil von unter zehn Prozent des Umsatzes aus. Symbolfoto: dpa © DPA Deutsche Presseagentur

Auch wenn rund 20 heimische Firmen Geschäftsbeziehungen zu Russland und der Ukraine unterhalten, ist der Umsatz im einstelligen Bereich.

Kreis Gießen . (paz). Obwohl die wirtschaftlichen Beziehungen mit Russland schon vor dem Einmarsch in die Ukraine rückläufig waren, sind die geopolitischen Auswirkungen für Unternehmen in Hessen gravierend. Rund 20 heimische Unternehmen - auch in Stadt und Landkreis Gießen - unterhalten Geschäftsbeziehungen zu Russland, unter anderem in den Bereichen Maschinenbau, Kunststoff- und Metallverarbeitung sowie Holzbearbeitung.

»Mit der aktuellen Entwicklung wird es auch für etliche heimische Unternehmen zu Einschränkungen im Waren- und Dienstleistungsverkehr kommen«, erklärt der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Gießen-Friedberg, Dr. Matthias Leder, in diesem Zusammenhang. »Wir sehen, dass die Unsicherheit, die sich ausbreitet, die Unternehmen deutlich ausbremst. Das Vertrauen in die geltende Weltordnung ist zerstört worden«, resümiert auch IHK-Präsident Rainer Schwarz. Ebenso ruiniert seien die Wirtschaftsbeziehungen zu Russland durch den Menschenrechte missachtenden und durch nichts zu rechtfertigenden Angriffskrieg des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Dieses Vertrauen zurückzugewinnen, werde über Jahre eine der schwierigsten Herausforderungen sein.

Ein Effekt zeichne sich bereits ab: Die hohe Abhängigkeit von russischen Importen bei fossilen Energieträgern werde die Preise für Öl, Gas und Strom weiter nach oben treiben. Denn rund 55 Prozent des Gasbedarfs, 35 Prozent der Ölversorgung und 50 Prozent der Kohle beziehe Deutschland aus russischen Quellen.

»Bei grundlastfähiger Energie wie Öl und Erdgas ist Deutschland in einem viel zu hohen Maße von Russland abhängig. Dafür zahlen die Unternehmen und die Konsumenten jetzt einen hohen Preis«, kritisiert Leder.

Welche Auswirkungen hat der Ukraine-Krieg auf heimischen Unternehmen? Der Anzeiger hat stellvertretend bei fünf Firmen nachgefragt. »Die russische Invasion in der Ukraine hat uns entsetzt und bereitet uns große Sorge. Dieser Krieg bringt unsägliches Leid für die ukrainische Bevölkerung und ist mit nichts zu rechtfertigen«, betont Dr. Neill Busse, der Pressesprecher der Schunk Group. In der Ukraine habe Schunk keinen Standort, keine Büros oder Beschäftigte. »Wir haben jedoch Geschäftspartner und Kunden in der Ukraine sowie Mitarbeiter, die aus der Ukraine stammen oder Angehörige dort haben. Ihnen und ihren Familien gilt in dieser schweren Zeit unser Mitgefühl«, unterstreicht Busse.

Zwei Gesellschaften in Russland

In Russland hingegen unterhalte die Schunk Group zwei Gesellschaften mit 41 Beschäftigten. »Wir haben unsere Geschäftsbeziehungen mit Russland überprüft und deutliche Restriktionen eingeführt. Zusätzlich gibt es umfassende behördliche Sanktionen. Schunk trägt diese Sanktionen uneingeschränkt mit«, lautet sein Fazit.

Mit Sicherheit werde dies die Geschäftsbeziehungen zu Russland beeinträchtigen. Allerdings ständen Russland und die Ukraine für weniger als zwei Prozent des Umsatzes, sodass die direkten Einschränkungen im Handel mit Russland auf die Schunk Group im Ganzen nur geringe Auswirkungen haben werde.

»Die russische Invasion bewegt uns sehr«, sagt Simone Bandte. Die Pressesprecherin von Abicor Binzel in Alten-Buseck erklärt, dass das Unternehmen sowohl in der Ukraine als auch in Russland Vertriebsgesellschaften habe. »Russland und die Ukraine sind bis dato unsere stärksten Standorte in Osteuropa.« Bisher hätten die 16 Mitarbeiter in der Ukraine und die 46 in Russland »friedlich und konstruktiv« miteinander gearbeitet. Für die Mitarbeiter am Standort Kiew habe man außerhalb der ukrainischen Hauptstadt Unterkünfte besorgt. Einige Beschäftigte seien auch zum Militär einbezogen worden. Alle Angestellten vor Ort stammten auch aus der Ukraine.

Aktuell bekomme man verständlicherweise keine Lieferungen aus der Region. Die Frachtstrecke von China nach Deutschland, die per Bahn über Russland geführt habe, sei auf Seefracht umgestellt worden. »Kurz bevor der Krieg losging, hat ein ›Worst-Case‹-Gespräch zwischen unserem Regionalmanager Osteuropa und dem Länderchef Ukraine stattgefunden«, berichtet Bandte. Aktuell mache der Handel mit den beiden Ländern zusammen sechs Prozent des Umsatzes aus.

»Obgleich der russische Markt bislang für uns zu den Auslandsmärkten mit großem Zukunftspotenzial gehört hat, haben wir aufgrund der aktuellen Entwicklungen rund um den Ukraine-Konflikt umgehend alle Investitionen in diesen Markt gestoppt«, erklärt Axel Dahm, Sprecher der Geschäftsführung der Bitburger Braugruppe, zu der die Licher Privatbrauerei gehört.

Derzeit überprüfe man eingehend die Geschäftsbeziehungen mit russischen Partnern oder russischer Beteiligung unter besonderer Berücksichtigung der aktuell geltenden Sanktionslisten und setze die Kontrakte auch im Zweifelsfall mit sofortiger Wirkung aus. »Wir werden die weiteren Entwicklungen mit Blick auf unsere wirtschaftlichen Entscheidungen sehr genau verfolgen und entsprechend reagieren.«

Kein Embargo für Medizinprodukte

»Im Moment liefern wir aufgrund der Kriegssituation weder in die Ukraine noch nach Russland, obwohl unsere medizinischen Produkte, die von der dortigen Bevölkerung benötigt würden, nicht unter dem Embargo stehen. Dies liegt im Falle von Russland an der SWIFT-Problematik«, erklärt Dr. Ingo Meier, Geschäftsbereichsleiter Diagnostics bei BAG Diagnostics in Lich. Der Umsatzeffekt in diesen Ländern läge im einstelligen Prozentbereich.

»Wir unterhalten keine direkten Handelsbeziehungen nach Russland oder zur Ukraine«, betont Matthias Acker, stellvertretender Unternehmenssprecher der Stadtwerke Gießen. »Wir kaufen unser Gas auf den deutschen Termin- und Spotmärkten ein. Unsere Kontrahenten sind hierbei keine direkten Gasförderunternehmen, sondern Händler.« Generell beziehe Deutschland Erdgas hauptsächlich aus Russland, Norwegen und den Niederlanden.

Die Frage nach möglichen Lieferproblemen könne man nicht beantworten, da der für Gießen zuständige Verteilnetzbetreiber, die Mittelhessen Netz GmbH (MIT.N), wiederum das Erdgas vom Vorlieferanten Open Grid Europe verteilt. Dieser Vorlieferant, der sogenannte Fernleitungs-Netzbetreiber, sei zuständig für die Gasimporte nach Deutschland, erläutert Acker.

Die Lieferung des Gases hänge nicht von einem Lieferstrang, sondern von der allgemeinen Verfügbarkeit von Gas auf dem europäischen Markt ab. Sollte es aufgrund des Krieges zu Lieferunterbrechungen kommen, würde man zuerst auf die Alternativen Speicher, Lieferungen aus Norwegen oder Lieferungen von Flüssigerdgas zurückgreifen.

Um den Unternehmen zur Seite zu stehen, stellt die IHK Infos zu aktuellen Entwicklungen über Website, Newsletter und soziale Medien bereit. Einzelberatungen zu den Themen Warenverkehr, Dienstleistungen, Finanztransaktionen, Ursprungszeugnisse und Carnet ATA (ein Dokument zur Zollabfertigung) sind wie bisher möglich. Gegenüber der Politik setzt sich die IHK gemeinsam mit dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag für Lösungen ein, die die Folgen der Sanktionen für Unternehmen abmildern.

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