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»28 Grad unterste Schmerzgrenze«

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Von: Debra Wisker

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Bärbel Wallenfels Übungsleiterin © Debra Wisker

»28 Grad Wassertemperatur sind die unterste Schmerzgrenze«, kritisiert Aqua-Jogging-Kursleiterin Bärbel Wallenfels die Absenkung auf 26 Grad in kommunalen Hallenbädern.

Staufenberg . Energiesparen ist das Gebot der Stunde. In diesem Zuge werden derzeit auch in vielen Hallenbädern die Wassertemperaturen gesenkt. Das spart Geld und natürlich auch Ressourcen.

Doch Bärbel Wallenfels sieht hier einen Aspekt, der nicht bedacht wurde. »Dass man zur Zeit Energie sparen muss, ist klar. Da stehe ich auch dahinter«, sagt die Staufenbergerin. Doch für die Teilnehmer ihrer Aquajogging-Kurse sieht sie Folgen, die sich sowohl gesundheitlich als auch auf soziale Kontakte auswirken können. Die 62-Jährige hat eine spezielle Ausbildung für Reha- und Behindertensport. Die habe der Sportverein (SV) Staufenberg nicht nur ermöglicht, sondern sie dabei - wie auch heute noch - auch sehr unterstützt.

In ihren Kursen lernen Menschen etwa nach einem Bandscheibenvorfall, einer Hüft- oder Knieoperation ihre Muskulatur zu stärken, damit diese wiederum Knochen und Gelenke entlastet. Und genau für diesen rekonvaleszierenden Sport sei für ihre Gruppen eine Wassertemperatur von 28 bis 30 Grad optimal. »28 Grad ist die unterste Schmerzgrenze«, erklärt Wallenfels.

Das hat seinen Grund. Während ein gesunder Schwimmer sich vielleicht flugs warm schwimmt, ist das bei beeinträchtigten oder Reha-Patienten anders. Da das Hallenbad in Lollar gerade saniert wird, weicht die Übungsleiterin mit ihren Gruppen nach Biebertal aus. Hier liege die Wassertemperatur momentan bei 26 Grad.

Auskühlen

Nicht optimal für das Reha-Aquajogging, meint die Trainerin. Das Problem sei, dass die Teilnehmer dann schnell auskühlen könnten. Ein solches Auskühlen steht wiederum der schonenden Gymnastik entgegen.

»Wenn die Muskulatur nicht richtig warm ist, wenn sie auskühlt, bekommt man bestenfalls einen Muskelkater, schlimmstenfalls vielleicht einen Muskelfaserriss. Um zu trainieren, muss die Muskulatur unbedingt warm sein. Ansonsten ist sie nicht mehr so elastisch und beweglich.« Auch die Konzentration lasse nach. Gymnastik im Wasser spreche zudem die Herzfrequenz und den Kreislauf an. Sei die Temperatur zu kühl, müsse man sich fragen, »kriegt der Kreislauf das noch hin?«. Die Bewegung im Wasser hat den Vorteil, dass sie Knochen und Gelenke entlastet. Dennoch sollte man die Anstrengung nicht unterschätzen. »Mit dem Trainingsgürtel trägt man nur ein Fünftel des eigenen Körpergewichts und hat keinen Bodenkontakt. Dadurch werden zwar die Gelenke geschont, die Muskeln müssen im Wasser ein Vielfaches leisten.« Viele unterschätzten das Wasser, deshalb sei es auch wichtig, dass jeder Kursteilnehmer schwimmen kann. Sie selbst hat das silberne Rettungsabzeichen des DLRG, weiß also, was im Notfall zu tun ist.

Bärbel Wallenfels kennt es aus eigener Erfahrung, wie wichtig die Stärkung der Muskulatur nach einem Bandscheibenvorfall ist - war sie doch selbst davon betroffen. Sport hat sie schon immer betrieben, sie spielte Handball beim TV Mainzlar, liebte es zu schwimmen. »Als Mark Spitz 1972 so viele olympische Goldmedaillen abräumte, hab’ ich mir seinen Kraulstil angeeignet. Ich war das einzige Mädchen in der Schule, das diesen Stil beherrschte«, blickt sie lachend zurück. Sie brauche einfach Bewegung. Dem machte indes ein schwerer Bandscheibenvorfall 1996 erst einmal einen Strich durch die Rechnung.

Ihr war klar, dass sie für ihre Muskulatur etwas tun musste. »Etwas, wo ich hingehen muss. Zuhause hätte ich das eher nicht gemacht.« Sie ging zur Rückenschule und fand sich »ratzfatz« als Übungsleiterin wieder. Davor stand die entsprechende Ausbildung. In dieser Zeit entdeckte sie auch das Wasser wieder für sich. »Aqua-Jogging, das ist mein Ding.«

Zehn Gruppen

Heute trainiert sie zehn Wassergruppen und eine Rückenschulgruppe. Ihre Kurse werden von den Krankenkassen anerkannt. Ob präventiv oder während der Rehabilitation - Bärbel Wallenfels muss um den Zustand der Teilnehmer wissen, sie stellt sich auf jeden von ihnen ein und hat alle im Blick. Wer etwa einen neue Hüftprothese habe, dürfe anfangs keine Übung machen, bei der ein Bein das andere kreuzt. Sicherlich könne man auch Zuhause seine Übungen absolvieren, doch hier fehle es an Anleitung. Falsch ausgeführte Übungen wiederum könnten der Heilung sogar schaden.

Doch nicht nur das. »Wenn die Leute nicht mehr zu den Kursen kommen, gehen auch soziale Kontakte verloren«, gibt sie zu bedenken. In ihrem Training werde viel gelacht - »am meisten trainieren wir die Lachmuskulatur« - und das sei auch gut für die Gesundung. Sicher trage die Absenkung der Wassertemperatur in den Hallenbädern dazu bei, Kosten zu sparen.

»Doch was ist mit den Folgekosten, die langfristig für das Gesundheitswesen entstehen können?« Vielleichte sollte man solche Entscheidungen nicht einfach am grünen Tisch fällen, sondern Betroffene, wie etwa die Sportvereine, mit ins Boot holen, regt Wallenfels an.

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Entlastung dank Auftrieb: Im Wasser trainiert man nur mit einem Bruchteil des eigenen Körpergewichts. Symbolfoto: dpa © Red

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