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350 Schüler bisher aufgenommen

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Begrüßungsfrühstück mit Schulleiter Andrej Keller (links hinten) in Lollar. © CBES

Bereits 350 junge ukranische Schüler sind in den Schulen im Kreis Gießen untergebracht. »Alle Ressourcen werden derzeit mobilisiert«, sagt Schulamtsleiter Norbert Kissel.

Kreis Gießen . »Die Flüchtlingsbeschulung ist bei uns im Staatlichen Schulamt aktuell Thema Nummer eins«, sagt der Leiter des Staatlichen Schulamtes in Gießen, Norbert Kissel. »Es gibt noch einige ungelöste Fragen, für die landesweit geltende Lösungen gefunden werden müssen. Aber wir haben alle Register gezogen und nehmen uns den anstehenden Aufgaben unverzüglich an«.

Stand Dienstag dieser Woche besuchen rund 350 ukrainische Kinder und Jugendliche Schulen in Stadt und Landkreis Gießen sowie im Vogelsbergkreis. Im Vergleich zu 50 000 Schülern insgesamt noch eine sehr geringe Anzahl. »Wir wissen allerdings nicht, wie viele noch kommen werden und wie lange sie bei uns bleiben.«

Seit der Flüchtlingskrise 2015 sei die Problematik nicht mehr neu, erklärt Kissel im Gespräch mit dem Anzeiger. Vor allem weiterführende Schulen würden über Intensiv-klassen für Schutzsuchende verfügen. Darüber hinaus sollen weitere an zentralen Orten eingerichtet werden. Die Mittel hierfür stünden zur Verfügung, so der Schulamtsleiter.

Ein Problem sei, dass die Raumkapazitäten in den Schulen begrenzt sind. Hier gelte es Räumlichkeiten eventuell umzunutzen. »Patentlösungen, die allen Anforderungen genügen und sich auf die Schnelle umsetzen lassen, gibt es nicht«, sagt Kissel. »Das ist angesichts der derzeit angespannten Lage und des minimalen Vorlaufs einfach so und muss akzeptiert werden. Schulen, Schulträger, Bildungsverwaltung und Ministerium tun ihr Möglichstes, aber zaubern können wir nicht.«

»Die Schulen erhalten derzeit dankenswerterweise auch von ehrenamtlicher Seite viele Unterstützungsangebote, die allerdings noch gut strukturiert werden müssen«, stellt Kissel fest. So könnten Menschen, nur weil sie der ukrainischen Sprache mächtig seien, nicht als Lehrkräfte eingesetzt werden. »Wir müssen zwar schnell handeln, dürfen uns aber nicht in rechtsfreie Räume begeben.« Alle Ressourcen würden derzeit mobilisiert.

Die Situation stelle alle vor eine große Herausforderung. »Die vom Krieg in der Ukraine ausgelöste Welle an Schutzsuchenden hat als Krisenzustand Corona nicht abgelöst, sondern ist noch hinzugekommen«. Bei allem Verständnis für die unterschiedlichen Meinungen und Sorgen mit Blick auf die geplanten Lockerungen sieht der Schulamtsleiter deshalb in der weitgehenden Aufhebung der Maßnahmen ab Anfang April auch eine Entlastung der Schulen, die notwendig ist.

In der Regel würden die schutzsuchenden ukrainischen Kinder nicht morgens einfach vor der Schultüre stehen, sondern erst nachdem ein Wohnsitz bekannt sei, einer Schule zugewiesen. »Viele der Kinder sind bereits in gastfreundlichen Familien untergekommen, aber wir werden sehen, wie lange diese Art der Unterbringung der steigenden Zahl an Schutzsuchenden genügen wird«, gibt Kissel zu bedenken.

Die Zahlen würden erfasst und an das Kultusministerium nach Wiesbaden weitergeleitet werden. Die Kommunikation mit dem Ministerium sei sehr eng. »Mindestens einmal pro Woche geben alle 15 hessischen Schulämter einen Sachstandsbericht ab und man unterhalte sich über das weitere Vorgehen«, erklärt er. Auch mit den Schulträgern sowie der Kreis- und Stadtelternschaft bestehe ein guter Austausch. Darüber hinaus würden sich das Schulamt sowie die drei Schulträger - Gießen Stadt und Land sowie der Vogelsbergkreis - jeden Freitag austauschen.

Ein wichtiges Thema sei aktuell, ob die geflüchteten Kinder und Jugendliche in der Schule Deutsch lernen sollten. »Ich bin der Meinung, dass Integration von Anfang an notwendig ist, weil wir nicht wissen, wie lange diese Menschen bei uns sein werden. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es jemandem schaden sollte, eine neue Sprache zu lernen. Jedes Wort Deutsch, das die Kinder verstehen und aussprechen können, macht sie ein wenig weniger fremd«, betont der Schulamtsleiter. Inwieweit die Schutzsuchenden zusätzlich Online-Angebote ihrer Heimat wahrnehmen können und sollen, werde sich in nächster Zeit noch zeigen.

»Ich habe den Eindruck, dass die Schüler aus der Ukraine sehr bildungsaffin und in puncto Digitalität sehr gut aufgestellt sind«, führt er aus. Das Schuljahr ende in der Ukraine Ende Mai und es seien einige Schülerinnen und Schüler unter den Schutzsuchenden, die kurz vor ihrem Abitur stünden. Aber es sei dafür gesorgt, dass den jungen Leuten in dieser Notlage keine Nachteile für ihren schulischen Werdegang entstünden. »Wir freuen uns über die große Hilfsbereitschaft seitens der Schulen im Landkreis«, erklärt Schuldezernent Christopher Lipp. Sehr viele Schulen hätten selbstständig Spendenaktionen organisiert. Aktuell unterstütze man das Schulamt dabei, geeignete Räumlichkeiten für Intensivklassen zu finden.

Seit dieser Woche besuchen acht ukrainische Mädchen und Jungen im Alter zwischen zehn und 14 Jahren die Theo-Koch-Schule in Grünberg. »Wir verfügen über zwei Deutsch-Intensivklassen«, erklärt Schulleiter Jörg Koch.

Eine dritte sei in Planung, da bereits weitere Schüler aus der Ukraine angekündigt seien. Aktuell sei es allerdings sehr schwer, Lehrkräfte zu finden, die Deutsch als Zweitsprache übernehmen würden.

»Wenn ich eigene Leute dafür abstelle, muss ich deren Stellen neu besetzen und das ist auch nicht leicht.« Aktuell fiele die Zuweisung von Referendaren deutlich niedriger aus als in den vergangenen Jahren. »Ich fürchte, die Lehrerknappheit wird sich noch weiter verschärfen«, so Keller.

»Bislang hatten wir noch keine Intensivklasse«, erklärt der Leiter der Dietrich-Bonhoeffer-Schule, Peter Blasini. Aber da bereits in der vergangenen Woche zehn und in dieser Woche weitere acht Kinder in der Licher Schule aufgenommen wurden, würde ab 1. April eine erste Intensivklasse eingerichtet. »Normalerweise dauert dieser Prozess länger, aber das Schulamt hat sofort reagiert und uns auf unproblematische Art und Weise unterstützt«, freut sich Blasini. Eine weitere Intensivklasse soll nach den Osterferien hinzukommen.

Pro Klasse stehen 22 Wochenstunden zur Verfügung, zwei entsprechende Lehrkräfte seien schon engagiert wor-den. »Eine sehr große Unterstützung ist unsere Ganztagskoordinatorin Julia Kallasch, die aus der Ukraine kommt und übersetzen kann. Beispielsweise auch dann, wenn Eltern kommen, um ihre Kinder in der Schule anzumelden. »Jeden Tag kommen bis zu zwei weitere Kinder dazu«, sagt Blasini.

Da die Schule mit ihren Räumlichkeiten an ihre Grenzen stößt, wurden bereits ein Differenzierungs- und ein Physikraum umfunktioniert. In einem vom Landkreis angemieteten, im Bau befindlichen Objekt sollen ab dem Schuljahr 2023/24 drei Räume sowie eine Mensa hinzukommen. »Sowohl das Kollegium als auch die Schüler haben die Schutzsuchenden aus der Ukraine sehr herzlich aufgenommen«, betont Blasini.

Zwölf ukrainische Schülerinnen und Schüler im Alter von zehn bis 15 Jahren hat die Clemens-Brentano-Europaschule in Lollar bereits aufgenommen. »Das sind wunderbare Kinder mit einem guten Bildungsgrad«, berichtet Schulleiter Andrej Keller. Aktuell verfüge die CBS über drei Intensivklassen, eine weitere sei angemeldet. »Bei über 50 Schülern sind unsere Kapazitäten bald ausgeschöpft«, erklärt er. »Wir schicken keinen weg.« Außerordentliche Zeiten erforderten auch außerordentliche Lösungen. Anfang der Woche habe ein gemeinsames Frühstück mit den schutzsuchenden Schülern und Schülerinnen und Schülerinnen stattgefunden. »Wir haben einige Kollegen, die der ukrainischen Sprache mächtig sind.« Dabei hätten die Mädchen und Jungen unter anderem von ihrer Flucht berichtet. Einige von ihnen würden nicht nur die Schule besuchen, sondern hätten sich bereits in Sportvereinen vor Ort angemeldet.

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Norbert Kissel Schulamtsleiter © Petra A. Zielinski

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