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700 Menschen auf der Tafel-Warteliste

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Von: Volker Böhm

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gikrei_wwTafelDeutschlan_4c © Red

Kreis Gießen (vb). Beim Hilfsprojekt »Herzenswünsche« der Gießener Tafel wünscht sich ein Kind eine Decke und ein Kopfkissen, weil es diese Dinge noch nie für sich alleine hatte. »Das hat mich sehr berührt«, sagt Anna Conrad. Seit Anfang November ist sie in der Nachfolge von Holger Claes die Leiterin der Tafeln in Gießen, Grünberg und Hungen. Conrad war am Dienstag zu Gast im Sozialausschuss des Kreistages, da die SPD beantragt hatte, dass der Landkreis die Tafeln künftig mit 40 000 Euro jährlich unterstützen sollte.

Dieser Antrag fand zwar eine Mehrheit, allerdings standen fünf Ja-Stimmen auch elf Enthaltungen gegenüber. Sprecher aller Fraktionen würdigten die bedeutende Arbeit der Tafel, doch die Vertreter von CDU, Grünen, Freien Wählern und FDP wünschten sich noch mehr Informationen.

Conrad, die seit 17 Jahren bei der Tafel arbeitet, gab einen ausführlichen Bericht über die Situation. Wöchentlich würden 1280 Haushalte mit 4500 Menschen, darunter 1800 Kinder unter 14 Jahren, mit Lebensmitteln versorgt. Die Zahl der Betroffenen sei in diesem Jahr sehr schnell gestiegen. »Wir haben eine Warteliste mit 700 Menschen«, berichtet Conrad. »Wir versuchen unser Möglichstes, die Menschen zu versorgen. Deshalb gibt es in Gießen nur noch alle 14 Tage Lebensmittel.«

Der Ukraine-Krieg habe die Situation weiter verschärft. Neben der eigentlichen Arbeit erhielten 5000 Personen Notfalltüten. »Es ist nicht einfach, diesen Menschen in die Augen zu schauen und zu wissen, dass sie ein halbes Jahr auf die reguläre Versorgung warten müssen.« Zudem werden 14 Einrichtungen wie Kindergärten in sozialen Brennpunkten mit Obst und Gemüse versorgt.

Rund 450 Frauen und Männer arbeiten für die Tafeln, überwiegend ehrenamtlich. Laut Conrad werden zwei Drittel des Etats in Gießen und der fünf Außenstellen von 380 000 Euro durch Spenden gedeckt, ein Drittel durch die symbolischen Beträge der Nutzer - je nach Menge der Lebensmittel zwischen drei und sieben Euro. Für Grünberg gab die Leiterin den Jahresetat mit 80 000 Euro an, für Hungen seien es 50 000 Euro plus Miete .

»Ich wünsche mir, dass ich mir nicht jeden Monat Sorgen machen muss, ob ich die Miete zahlen kann«, verdeutlichte sie. Im Mai sei zum Beispiel bereits der Jahresetat für Spritkosten erschöpft gewesen. Generell stiegen die Kosten jeden Monat. Zudem gebe es bereits seit einem Jahr einen Rückgang bei den von Supermärkten gespendeten Lebensmittel. Es müsse hinzugekauft werden, besonders bei Drogerie- und Hygieneartikeln sowie Windeln, die sehr stark nachgefragt würden.

Einmalig habe die Stadt Gießen einen Mietkostenzuschuss von 15 000 Euro bewilligt. Ebenso einmalig sei eine Summe von 2,2 Millionen Euro, die das Land unter den 55 Tafeln verteilen will, berichtete Conrad auf Nachfrage von Ausschussmitgliedern. Wenn der Landkreis regelmäßig unterstützen würde, erwarte sie dadurch keinen Rückgang bei den Spenden. Die Tafel-Leiterin wies darauf hin, dass es 2021 nach der Flutkatastrophe im Ahrtal bei der Tafel einen Spendenrückgang um 60 Prozent gegeben habe.

Kerstin Gromes (Grüne) hätte sich eine genauere Auflistung zu den Mieten, dem Spendenaufkommen oder den Personalkosten gewünscht. Conrad sagte zu, dies nachzureichen. Sie wies darauf hin, dass es für die Tafel in Hungen durch den Umzug in größere Räume mit entsprechend hoher Miete eine Veränderung gegeben habe.

350 Spenden

Bei den Spenden sei zwischen fünf und 10 000 Euro alles möglich. Die Gießener Tafel erhalte ungefähr 350 Spenden im Jahr.

Der SPD-Antrag sieht vor, die 40 000 Euro wie folgt aufzuteilen: 20 000 Euro für die Gießener Tafel und je 10 000 Euro für die Einrichtungen in Grünberg und Hungen. Diese Aufteilung konnte Konstantin Heck (FDP) mit Blick auf die Etats nicht nachvollziehen. Dirk Haas (SPD) schlug vor, dass das Diakonische Werk als Träger die Summe selbst verteilt.

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