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Abschiebung trotz Integration

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Abigail kuschelt auf »Oma Helma« Bergers Schoß, Luke Wendosen (Mitte), Betsy Dereje (3. v. l.) und Sohn Joel haben in Traugott Stein, Bärbel Stein, Sabine Vogel, Peter Berger, Heike Töllich und Lothar Schreyeck (v. l.) nicht nur Freunde, sondern auch Unterstützer gefunden. © Wisker

Kreis Gießen . »Hau nau mi« - auch wenn man vermuten könnte, dass es sich hier um Amharisch, die äthiopische Landessprache handeln könnte, so wird man schnell eines Besseren belehrt. Likawunt Wendwosen Teshome - von seinen Freunden Luke genannt- kommt zwar ursprünglich aus Äthiopien, doch übt er sich mit Feuereifer im hessischen Dialekt. »Hau nau mi« heißt da nämlich »heute nicht mehr«.

Doch warum übt Luke Wendwosen Hessissch? Spricht er doch schon perfekt Deutsch, Englisch und Schwedisch.

Was zunächst schmunzeln lässt, hat einen ernsten Hintergrund. Luke Wendwosen und seine Ehefrau Betsega Dereje, Betsy genannt, leben mit ihren Kindern Joel und Abigail in Daubringen, sie haben eine eigene Wohnung, sind hier heimisch geworden. Die Kinder besuchen den Kindergarten und die Schule, die Eltern engagieren sich nicht nur in der Kirchengemeinde und verschiedenen Ortsvereinen, sondern auch in der Flüchtlingshilfe. Jetzt droht ihnen die Abschiebung - zunächst nach Schweden und von dort direkt nach Äthiopien. Das will man in Daubringen nicht hinnehmen.

Petition

Pfarrer Traugott Stein hat eine Petition an den hessischen Landtag geschickt und macht eindringlich auf den Ernst der Lage hin. »In Äthiopien drohen Gefängnisstrafen und der Entzug beider Kinder.« Warum Gefängnisstrafen? Im Gespräch mit dem Gießener Anzeiger erklärt Luke Wendwosen, dass er sich während seines Studiums in Deutschland 2011/2012 politisch engagiert hat, für den arabischen Frühling in Äthiopien eingetreten ist. Luke Wendwosen ist Sportwissenschaftler, hat unter anderem in Leipzig studiert. Nach dem Studium geht er zurück nach Äthiopien, er und Betsy heirateten 2012. Sie leben in Addis Abeba, der Hauptstadt des Landes.

Doch das Engagement für Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit brachte Luke Wendwosen in Äthiopien gleich mehrere Gefängnisaufenthalte ein. Auch Betsy Dereje wurde für mehrere Tage inhaftiert. Als das Paar erneut eine gerichtliche Vorladung im Briefkasten fanden, fassten die beiden den Entschluss, aus ihrem Heimatland zu flüchten. Ihr Weg führte nach Schweden, hier lebten sie seit 2013, Sohn Joel und Tochter Abigail kamen zur Welt. Vater Luke war als Werkspsychologe bei einem schwedischen Unternehmen fest angestellt, verdiente den Lebensunterhalt für die vierköpfige Familie. Sie fühlen sich wohl in dem nordeuropäischen Land, integrierten sich.

Dann die Hiobsbotschaft: Schweden will die Familie nach Äthiopien abschieben. Trotz Intervention und Fürsprache von Luke Wendwosens Arbeitgeber blieben die Behörden bei ihrem Entschluss. »Schweden hatte schon die Flugtickets gebucht, obwohl bekannt war, dass das Ehepaar in Äthiopien auf dem Flughafen verhaftet werden soll«, erklärt Traugott Stein.

Dem Ehepaar blieb - erneut - nur die Flucht, befürchteten sie neben einer Verhaftung auch, dass man die Kinder von ihnen trennen würde, sie dann nicht wüssten, was aus Joel und Abigail wird, in welche Obhut sie kommen sollten. Über Dänemark kam die Familie 2020 nach Deutschland, lebte zunächst in der Erstaufnahmeeinrichtung Hessen (EAEH) in Gießen. Im August 2020 führte ihr Weg sie nach Daubringen - ins Kirchenasyl, denn ihre Asylanträge nach der Einreise werden abgelehnt. Bis März 2021 bleiben sie hier. Nach einem weiteren kurzen Aufenthalt in der EAEH und der Gemeinschaftsunterkunft in Staufenberg finden sie im Sommer 2021 eine Wohnung in Daubringen.

Die Familie lässt sich in Sachen Asyl anwaltlich vertreten, es wird Klage gegen die Ablehnung eingereicht. Vergeblich. Im März 2022 werden Anträge erneut abgelehnt, ein Eilantrag scheiterte, seit April ist die Familie nun von einer Abschiebung bedroht. Kirchenasyl praktiziert man in der Kirchengemeinde Kirchberg, genauer gesagt in Daubringen, bereits seit 2018, hat schon unzählige Flüchtlinge aufgenommen. Nicht nur das, hier sind auch viele Freundschaften entstanden. Der Arbeitskreis Kirchenasyl kümmert sich auch um Luke, Betsy, Joel und Abigail. »Wir haben vorübergehend Fahrgemeinschaften gebildet, um die Kinder täglich von der EAEH zur Schule und zum Kindergarten in Daubringen und wieder zurück zu bringen«, erzählt Heike Töllich. Etwa zehn Freiwillige haben sich im Arbeitskreis Kirchenasyl - »eigentlich sind wir eher ein Freundeskreis« - zusammengefunden.

Anstellung

In dem Staufenberger Stadtteil haben sich Luke, Betsy, Joel und Abigail eingelebt, sind Teil der dörflichen Gemeinschaft. Luke Wendwosen hat eine Anstellung bei Bauhof in Fernwald in Aussicht, einzig die Zustimmung der Ausländerbehörde steht noch aus. Betsy Dereje beginnt im Juni ihren Bundesfreiwilligendienst im Kindergarten am Buchenberg. Die beiden wollen ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten, nicht von staatlicher Finanzhilfe abhängig sein. Das Ehepaar engagiert sich in der Staufenberger Flüchtlingshilfe, Luke Wendwosen ist Integrationsbeauftragter beim Sportkreis Gießen, hilft als Dolmetscher, wann immer er gefragt wird, ist als Sportcoach für die Jugendpflege der Stadt Staufenberg tätig. »Seit November 2021 ist er offiziell vom Magistrat der Stadt Staufenberg damit beauftragt, Geflüchtete, die in Staufenberg leben, in Sportangebote der lokalen Vereine zu integrieren«, schreibt Bürgermeister Peter Gefeller in einem Unterstützungsschreiben an den Petitionsausschuss des Hessischen Landtags. In dieses Ehrenamt, so Gefeller weiter, sei er auch für das Jahr 2022 im neuen Förderprogramm »Sport integriert Hessen« von Innenminister Peter Beuth offiziell berufen worden. Betsy Dereje ist seit Frühjahr dieses Jahres Übungsleiterin beim Kinderturnen des Sportvereins Staufenberg, sie hilft in der Kleiderstube für ukrainische Flüchtlinge.

Kurz und gut: Das Ehepaar hilft anderen Flüchtlingen bei der Integration. So, wie sie selbst sich in Daubringen integriert haben.

Gelebte Integration

Für ihre Freunde ist nicht nachvollziehbar, warum die Familie abgeschoben werden soll, die Familie sei das Beispiel gelebter und gelungener Integration schlechthin. Auch der Freundeskreis wendet sich mit einem Unterstützerschreiben an den Petitionsausschuss. »Ihre für unser Verständnis größte Leistung aber ist, ihre auf ihrer bereits neun Jahre dauernden Flucht geborenen Kinder zu überaus offenen, glücklichen und angstfreien Menschen zu erziehen. Alle Sorgen und Nöte haben sie so gut es geht von ihnen ferngehalten.« Aus den Menschen, die hier um Kirchenasyl gebeten hatten, sind längst Freunde geworden. Das Unverständnis über die drohende Abschiebung ist groß, noch größer ist die Sorge, was tatsächlich im Falle der Abschiebung nach Äthiopien mit der Familie passieren kann. Solange über die Petition nicht entschieden ist, ist die Familie einigermaßen sicher. Doch die Angst vor der Zukunft bleibt.

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