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Ärger bei Corona-Impfungen eher die Ausnahme

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Ärger mit ungeduldigen Impfwilligen ist im Landkreis Gießen eher die Ausnahme. Symbolfoto: dpa © DPA Deutsche Presseagentur

Andernorts sind Polizei und Sicherheitsdienst erforderlich, weil es bei Corona-Impfterminen wegen Wartezeiten Stress gibt. Dies ist im Landkreis Gießen eher die Ausnahme.

Kreis Gießen (dge). Lange Schlangen, ungeduldige Menschen - all das kann man überall da beobachten, wo derzeit geimpft und geboostert wird. Mancherorten sind verstärkte Sicherheitsmaßnahmen nötig. Nicht so im Kreis Gießen, stellt Christian Betz, Vorstand des DRK-Kreisverbands Marburg-Gießen, fest. »Wir setzen grundsätzlich auf Deeskalation, haben bisher weder die Polizei, noch den Sicherheitsdienst rufen müssen.« Klar, zuweilen zeige sich Unverständnis, wenn der Impfstoff alle ist oder das Personal Dienstschluss hat.

Unter anderem im Impfcenter in der Galerie Neustädter Tor, in der Ambulanz im Watzenborner Weg, im Container am Gießener Kirchenplatz, in Impfbussen oder bei Bürgerhaus-Impfungen wird derzeit landauf, landab der kleine Piks verabreicht. Die Mitarbeiter des Landkreises, des DRK und der Johanniter sind zwar nicht rund um die Uhr, aber doch unablässig im Einsatz. Betz bricht eine Lanze für sie: »Nach neun Stunden kommt der Moment, wo wir sie in den Feierabend schicken müssen. Die machen teilweise keine Pause und bei allem guten Willen müssen sie zwischendurch auch mal zur Toilette.«

Ungeduld nachvollziehbar

Zur Zeit seien vorwiegend über 60-Jährige, Vorerkrankte und Schwangere mit dem Boostern dran. Auf Plakaten wirbt man um Verständnis. Die Ungeduld mancher Impfwilliger kann der DRK-Vorstand nachvollziehen. »Ich verstehe das, die Leute stehen unter Anspannung.« Auch Christian Betz hat schon Menschen erlebt, die partout nicht warten wollten. Die habe er gefragt, ob sie es schon beim Hausarzt versucht hätten. Antwort: Da hätten sie bis zum Frühjahr warten müssen. »Da sind zwei Stunden doch eher wenig.« Er gibt zu bedenken, dass man bei einem Notfall in der Klinik auch nicht den Anspruch habe, sofort dranzukommen. Da gehe es nach Schwere der Verletzung, des Erkrankungsbilds.

Im Impfbus beispielsweise könnten täglich rund 100 Dosen verabreicht werden. »300 Menschen stehen an. Wir versuchen, soviele wie möglich zu impfen, und manchmal ist das wirklich Knochenarbeit.« Zwar habe man auch Reserven an Impfdosen dabei, aber selbst die seien irgendwann aufgebraucht«, verweist der DRK-Vorstand auf das Problem des mangelnden Impfstoffs.

Über Wochen und Monate hinweg hat das Impfpersonal Erfahrung gesammelt, weiß auch mit Ungeduldigen umzugehen. Doch wenn jemand wirklich aggressiv werde, zögere man nicht, die Polizei zu rufen, betonte Betz. Dort sei bekannt, an welchen Standorten geimpft wird. Aktuell erwägt man beim DRK, rechtliche Schritte einzuleiten, denn erst kürzlich sei eine Kollegin belästigt und eine Ärztin bedrängt worden. »Der Druck auf das Personal wächst.« Trotzdem: Das seien Einzelfälle. »Wir haben rund 1500 Impfungen pro Tag. Wenn da mal zwei aus der Spur hüpfen, hat man Verständnis. Es wird aber keinesfalls vernachlässigt, wenn ein Straftatbestand vorliegt. Dagegen gehen wir vor.« Im Impfcenter in der Galerie stehe der hauseigene Sicherheitsdienst zur Verfügung. Ob man auch einen Sicherheitsdienst bei den mobilen Impfteams einsetzt, müsste mit dem Landkreis geklärt werden. »Unsere Mitarbeiter sollen impfen, nicht auch noch Hüter von Ordnung und Sicherheit sein.«

Entgleisungen

Christian Betz weist auf einen weiteren Aspekt hin. Die Impfteams müssen sich an die Empfehlungen halten, die die Ständige Impfkommission (Stiko) gibt und auch an die Reglementierungen bei den Impfstoffen. Daher sei eine vorherige Terminvereinbarung wichtig - auch um die Ressourcen an Impfdosen planen zu können. »Viele verstehen das nicht.« Auch hier hat man schon so manches erlebt. »Da melden sich Leute online als 92-Jährige an, kommen zum Impftermin und man stellt fest, die sind erst 22«, beschreibt er ein Beispiel. Bei alldem ist Betz aber zuversichtlich. Auch wenn es aggressive Impfgegner gebe, seien die hier vor Ort eher in der Minderheit. »Wir wissen, wofür wir angetreten sind und über 70 Prozent der Menschen haben sich schon impfen lassen. Das ist die große Mehrheit.«

Nachfrage beim Landkreis: Wie sieht es bei Impfbussen oder Bürgerhausimpfungen mit der Sicherheit aus? »An den Stationen des Impfbusses ist kein Sicherheitsdienst vor Ort«, erklärte Kreispressesprecher Dirk Wingender. Bei den Bürgerhausimpfungen seien die Zugänge und Wartebereiche häufig nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Stellenweise werde das selbe Objekt auch als Testcenter genutzt. »Um geordnete Zugänge und Wartesituationen zu schaffen, bei denen insbesondere ältere und gebrechliche Menschen vorgezogen werden, wird ein Sicherheitsdienst eingesetzt.« Doch habe der an dieser Stelle eher eine ordnende Funktion.

»Der Sicherheitsdienst wurde beziehungsweise wird vom Landkreis beauftragt. Die Kosten übernehmen wie auch bei den Impfangeboten Land und Bund.« Für das Personal gebe es keine besonderen Schulungen in Sachen Sicherheit.

Doch auch beim Kreis ist man sich der Tatsache bewusst, dass nicht jeder Impfling auch Geduld mitbringt. »Es kam und kommt in einzelnen Fällen leider immer wieder dazu, dass Impfpersonal verbal angegriffen wurde beziehungsweise wird - etwa wegen des Unmuts Betroffener über Wartezeiten bei mobilen Impfaktionen«, berichtete Wingender.

Vom Hausrecht Gebrauch machen

Gezielte Störungen seien aber eine Ausnahme. In einem solchen Fall würden diese Störer freundlich gebeten, den Platz für Impfwillige freizumachen. Bei einer weiteren massiven Störung könne - je nach Ort der Impfaktion - der Betreffende vom Hausrecht Gebrauch machen und die Person rauswerfen. »Im Fall einer weiteren Auseinandersetzung oder Konfliktsituation würden Polizei oder Ordnungsamt hinzugerufen und die operative Leitung der Impfambulanz informiert. Es liegt im Ermessen der Impfteams, die Station abzubauen und den Ort zu verlassen«, so der Pressesprecher.

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