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Ärztlicher Notdienst in Lich schließt

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Von: Burkhard Bräuning

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Bald Geschichte: Der Ärztliche Bereitschaftsdienst in Lich wird geschlossen. © Schäfer

Wenn der Ärztliche Bereitschaftsdienst in Lich am 19. Juni das letzte Mal die Türen schließt, gibt es für Patienten im ganzen Landkreis nur noch eine Anlaufstelle.

Lich. Auf der Internetseite der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) ist die Welt noch in Ordnung. Denn da ist zu lesen: »Sie sind krank und die Arztpraxen sind zu? Sie sind nicht lebensbedrohlich erkrankt, können aber auch nicht bis zur nächsten Sprechzeit Ihrer Praxis warten? Dann helfen Haus- und Fachärzte im örtlichen Bereitschaftsdienst.« Klingt gut, ist es ja auch. Aber nur im Prinzip. Denn vor allem aus Kostengründen werden immer mehr Notfallpraxen geschlossen. Nun wird die Konzentration auf wenige Standorte auch im Kreis Gießen fortgesetzt. Genauer gesagt: Bald gibt es im Kreisgebiet nur noch einen Bereitschaftsdienst.

Karl M. Roth, Abteilungsleiter Kommunikation bei der KV Hessen, antwortete gestern Morgen auf eine schriftliche Anfrage des Anzeigers noch ganz in der Rhetorik eines Politikers: »Ich kann das im Moment weder bestätigen noch dementieren. Die KV wird sich äußern, falls Änderungen zu kommunizieren wären.«

Das ging dann aber offenbar ganz schnell, denn zur Mittagszeit bestätigte Dr. Uwe Speier, Obmann der im Bereitschaftsdienst eingebundenen Ärzte im Kreis, nach Rücksprache mit der KV: »Ja, es ist definitiv so: Am Sonntag, 19. Juni, ist der Ärztliche Bereitschaftsdienst (ÄBD) in Lich das letzte Mal geöffnet. Ab 20. Juni müssen die Patienten nach Gießen.« Speier verwies darauf, dass die Auslastung des ÄBD in Lich laut einer von der KV geführten Statistik zu gering sei. Konkrete Zahlen konnte er allerdings nicht nennen.

Damit ist die letzte Anlaufstation im Kreisgebiet Geschichte. Wer jetzt nachts oder am Wochenende krank wird, muss nach Gießen - ins Uniklinikum. Für Menschen, die beispielsweise im Laubacher Stadtteil Altenhain wohnen, beträgt die reine Fahrzeit für eine Strecke mehr als 40 Minuten. Besonders viele alte Menschen werden sich in der Dunkelheit nicht auf den Weg nach Gießen machen, sondern wohl eher den Fahrdienst rufen. Der soll, sagt Speier, für den Osten und den Süden des Kreises weiter in Lich und Grünberg stationiert bleiben.

Ganz sicher sei das aber noch nicht, berichtete ein anderer Arzt, der regelmäßig Dienst im ÄBD macht. Da seien noch einige Fragen zu klären. »Der Fahrdienst soll ja nur in Anspruch genommen werden, wenn man eben nicht mehr fahrtüchtig ist«, sagte der Arzt. Da aber viele den Weg nach Gießen vermutlich scheuten, der Fahrdienst deutlich öfter angefordert werden, was dann die Kosten nach oben treibe. Der Arzt befürchtet auch, dass Patienten aus dem Süd- und Ostkreis dann sogar bei der Notaufnahme im Licher Krankenhaus anklopfen. »Und das könnte dann dort zu Engpässen führen.«

Der Arzt führte weiter an, dass an vielen Tagen der Licher ÄBD sehr wohl ausgelastet sei, räumt aber ein, dass dies nicht immer gelte. Es sei auch die Frage, wie die Leitstelle agiere, zu welchem ÄBD sie die Anrufer leite. »Wenn Gießen voll ist, kann man Menschen aus Pohlheim oder Fernwald auch nach Lich schicken.« Ärgerlich sei bei dem Ganzen auch, dass man im Blick auf die Auslastung offenbar Zahlen aus der Corona-Zeit zugrunde lege. »Es ist doch klar, dass viele, wenn es gesundheitlich noch irgendwie geht, davon Abstand nehmen, sich in ein voll besetztes Wartezimmer setzen.«

Der Licher Bürgermeister Dr. Julien Neubert (SPD) sagte auf Nachfrage: »Das ist mir neu. Davon habe ich noch kein Wort gehört, sonst hätte ich schon öffentlich reagiert. Ehrlich gesagt bin ich geschockt darüber.« Es sei doch auch eine Frage, wie man die Auslastung bewerte, welche Faktoren man zugrunde lege. Das Ganze passe aber zu einer kontinuierlichen, zugleich aber auch unseligen Entwicklung, dass sich die Konzentration auf die Kreisstadt sich weiter beschleunige. »Und das nicht nur im Bereich Gesundheit.« Für die Entwicklung des ländlichen Raums habe das katastrophale Folgen.

So segensreich eine Einrichtung wie der Ärztliche Bereitschaftsdienst grundsätzlich auch ist: Schon in der Vergangenheit gab es immer wieder teils heftige Debatten darüber, wie eng das Netz der ÄBD geknüpft sein müsse. Jede Schließung wie vor sechs Jahren in Lollar, Linden und Grünberg sorgte für Konflikte und Proteste.

Dies zeigt auch der Blick ins Redaktionsarchiv. Da war auf der Leserbriefseite zu lesen: »Die Kassenärztliche Vereinigung fährt den Ärztlichen Bereitschaftsdienst im östlichen Kreis Gießen an die Wand.« Oder: »Wo bleibt der Aufschrei der Bürgermeister und Parlamente, wo der Protest der niedergelassenen Ärzte?« Und auch: »Neben der deutlich verschlechterten Versorgung der ländlichen Bevölkerung werden erhöhte Kosten und überbelegte Krankenhäuser die Folge sein.« Zu vermuten ist, dass diese Debatte auch um die Licher Notfallpraxis geführt wird. Retten wird sie aber vermutlich nichts.

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