1. Startseite
  2. Kreis Gießen
  3. Kreis Gießen

Alle 90 Minuten ein Wildunfall

Erstellt:

gikrei_klk_Wildunfall_16_4c_1
Polizei, der Landkreis mit den Kommunen und Hessen Mobil ziehen beim Pilotprojekt »Tiere bremsen nicht, Du schon!« zur Reduzierung der Wildunfälle an einem Strang. Foto: Kächler © Kächler

Polizeipräsidium Mittelhessen startet Pilotprojekt mit neuen Schildern im Landkreis Gießen.

Kreis Gießen . Es ist ein grauer Morgen. Der Nebel hängt tief. An solchen Tagen verzeichnet die Statistik besonders viele Wildunfälle. Doch heute hat das Polizeipräsidium Gießen eingeladen, um ein Pilotprojekt vorzustellen, dass genau diesem Szenario vorbeugen soll: Etwa 60 mal 100 Zentimeter große Warntafeln in gelber Leuchtfarbe machen an zwei besonders gefährlichen Strecken im Kreis Gießen auf den Wildwechsel aufmerksam und sollen die Verkehrsteilnehmer dazu bewegen, ihr Tempo zu verlangsamen. »Tiere bremsen nicht, Du schon!« Unter diesem Motto will die Polizei in Mittelhessen Wildunfälle reduzieren.

Denn die Zahlen sind alarmierend: Auf mittelhessischen Straßen zählte die Polizei in den vergangenen fünf Jahren rund 28 000 Kollisionen mit Wildtieren. Die Wildunfälle machen damit einen Anteil von rund 25 Prozent an den Gesamtunfällen aus.

»Schaut man auf die Wildunfallstatistik nehmen die Kolleginnen und Kollegen der Polizeistationen des Polizeipräsidiums Mittelhessen durchschnittlich etwa alle 90 Minuten einen Wildunfall auf«, macht Polizeioberrat Gerhard Keller, Leiter der Direktion Verkehrssicherheit/Sonderdienste, auf die besondere Situation aufmerksam. Die Zahlen zeigten, dass Fahrzeugführer einem deutlichen Risiko ausgesetzt seien, auf Wildwechsel zu treffen.

Polizeioberkommissar Thomas Baumgart rechnete vor, dass allein zwischen 2017 und 2021 im Landkreis Gießen 5792 Wildunfälle mit 58 verletzten Personen und einem Schaden in Höhe von 27,7 Millionen Euro registriert worden seien - »ganz zu schweigen, von dem Leid der Tiere«.

Zwei Straßen seien als besonders gefahrenträchtig aufgefallen. »Auf der relativ kurzen Landstraße zwischen Geilshausen und Beltershain kam es innerhalb von nur drei Jahren zu 54 Wildunfällen«, erläuterte Baumgart. Obwohl die Straße zwischen Bettenhausen und Bellersheim untypisch für Wildwechsel erscheine, weil die Strecke nicht durch einen Wald führe, seien auch hier von den Jagdpächtern erhebliche Schäden gemeldet worden. An beiden Landstraßen habe man die neuen Schilder aufgestellt. Neben einem Wildwechselzeichen ist als Hinweis und zur Sensibilisierung der Verkehrsteilnehmer an den zwischen Geilshausen und Beltersheim montierten Schildern die Anzahl der Wildunfälle der zurückliegenden drei Jahre auf dieser Strecke aufgebracht. Die beiden Warnschilder zwischen Bettenhausen und Bellersheim weisen die Anzahl der Wildunfälle pro Jahr im gesamten Landkreis Gießen auf.

Versuche, Tiere in der Vergangenheit mit Reflektoren, Duft oder Schall von den Straßen fern zu halten, seien allesamt fehlgeschlagen, resümierte Keller. »Daher richten wir mit unserem Pilotprojekt auf den beiden Teststrecken den Fokus auf die Fahrzeugführerinnen und Fahrzeugführer, um die Wildunfallgefahr zu reduzieren«, so der Leiter der Direktion Verkehrssicherheit.

Tempo entscheidet über Zusammenprall

Denn: Die Geschwindigkeit sei der Faktor, der das Fahrzeug bei plötzlichem Wildwechsel möglicherweise rechtzeitig zum Stehen bringe oder zu einem Zusammenprall mit dem Wildtier führe.

Bei 60 km/h kommt ein Pkw nach etwa 35 Metern, bei 80 km/h erst nach rund 55 Metern zum Stehen. Sollte in 60 Meter Entfernung ein Wildtier auf die Fahrbahn springen, kann der Wagen bei diesen Geschwindigkeiten noch rechtzeitig zum Stehen gebracht werden.

Bei Tempo 100 kommt ein Pkw nach zirka 79 Metern zum Stillstand - und prallt gegen das Tier.

Keller dankte allen Beteiligten, darunter auch dem Landkreis Gießen und Hessen Mobil für die Unterstützung des Projekts.

»Die dunkle Jahreszeit ist genau der richtige Zeitpunkt, um die Aufmerksamkeit der Verkehrsteilnehmer auf dieses wichtige Thema zu lenken und sie zu sensibillisieren«, merkte der für Umwelt und Verkehr zuständige Kreisdezernent Christian Zuckermann (Grüne) an.

Für die drei Kommunen Lich, Hungen und Grünberg, in deren Gemaekung die Teststrecken verlaufen, begrüßte Hungens Bürgermeister Rainer Wengorsch (FW) den Ansatz, an die Eigenverantwortung der Autofahrer zu appellieren, anstatt vergeblich zu versuchen, die Tiere von den Straßen fern zu halten.

»Auch die Jägerschaft unterstützt das Projekt«, sagte der Vizepräsident des Landesjagdverbandes Hessen, Dieter Mackenrodt. Jagdpächter seien die ersten Ansprechpartner bei vielen Unfällen und müssten häufig verwundete Tiere im Wald suchen, um sie von ihrem Leiden zu erlösen. Das sei oft schwierig und ohne einen gut ausgebildeten Hund nicht möglich. Hochwertiges Lebensmittel wie Wild sehe er lieber auf dem Teller als auf der Straße, so Mackenrodt abschließend.

Auch interessant