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»Alles ist toll, außer Weiß«

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Von: Astrid Hundertmark

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Ob Verputzen oder Tapezieren, Fenster streichen oder Geländer lackieren: Anne Hauguth hat im Malerberuf ihr Glück gefunden. Foto: privat © privat

Malergesellin Anne Hauguth ist der »dritte Mann« im Lindener Malerbetrieb Elmshäuser.

Linden. Anne Hauguth liebt die Vierbeiner Willow und Tiger - und Tattoos. Wer nun glaubt, das augenfälligste Kunstwerk auf ihrer Haut seien lustige Katzentatzen, der irrt: Besonders auffällig ist ein kleiner stilisierter Elefant mit bunten Längsstreifen an ihrem linken Knöchel. Das Logo eines Wand- und Fassadenfarben-Herstellers unterstreicht die Liebe zu ihrem Beruf: Sie ist Malergesellin. Vor sieben Jahren hat die 34-Jährige ihre Ausbildung bei der Firma Elmshäuser in Leihgestern begonnen - und ist geblieben. Denn: »Das ist der Beruf, den ich machen will.« In dem kleinen Familienbetrieb ist die zierliche Frau der »dritte Mann« neben Chef Frank Elmshäuser und Altgeselle Frank Hindenberg.

Älteste in der Berufsschule

Anne Hauguth hat ihr berufliches Glück erst spät gefunden. Nach dem Hauptschulabschluss verfolgte sie ihren Traum, Tierpflegerin zu werden. Doch hier in der Umgebung - ihr Elternhaus steht im Hüttenberger Ortsteil Volpertshausen - gibt es nur wenige Ausbildungsmöglichkeiten. Eineinhalb Jahre arbeitete und lernte sie in einer Tierpension, dann ging es nicht mehr weiter. Auch der nächste Anlauf, Hotelfachfrau zu werden, scheiterte. Es folgten verschiedene Jobs - »auch bei Schlecker an der Kasse habe ich gesessen« -, bis eine damalige Freundin ihr das Handwerk »schmackhaft« machte.

Die 34-Jährige hat die Freundin hin und wieder auf Baustellen begleitet und dabei ihr Talent für das Hantieren mit Farbe und Pinsel entdeckt. »Das schlummerte wohl schon irgendwo in mir.« Denn in der Kindheit war Malen und Zeichnen nicht ihr Ding. Verschiedene Praktika haben sie darin bestärkt, den Beruf zu ergreifen und eine Ausbildung zu machen. Doch mit dann »schon« Mitte 20 gestaltete sich das als schwierig. Ihre Erfahrung: »Die meisten Betriebe stellen gerne die ganz jungen Leute ein, direkt nach der Schule, so mit 15, 16.«

Anne Hauguth fand eine Lehrstelle, doch der Betrieb ging insolvent. Also folgten wieder Bewerbungen und Absagen bis sie über das Arbeitsamt beziehungsweise das Bildungswerk zur Firma nach Leihgestern kam. »Frank Elmshäuser hat mich genommen, wie ich gekommen bin und so bin ich geblieben.«

Komisch war es schon, so als Älteste in der Berufsschule, der Willy-Brandt-Schule in Gießen, lässt sie die Zeit Revue passieren und erzählt stolz, dass sie im Praxisteil als Jahrgangsbeste abgeschlossen hat. Aber: »In Deutsche und insbesondere Mathe sollte man auch nicht so ganz schlecht sein.« Als Maler und Lackierer muss man nämlich nicht nur mit Quaste, Kelle und Pinsel umgehen können, sondern auch mit Zahlen: Für wieviel Quadratmeter reicht der 20-Kilo-Sack Putz? Wie viele Liter Farbe brauche ich für 40 Quadratmeter Wandfläche und wie ist das mit dem Mischungsverhältnis 1:3? Das unterstreicht auch Firmenchef Frank Elmshäuser: Man muss kein Musterschüler sein, aber den klassischen Dreisatz sollte man schon beherrschen und auch das Berichtsheft muss lesbar sein«, formuliert der Malermeister die Minimalanforderungen.

Gerne hätte er in den vergangenen Jahren mehr Auszubildende eingestellt, doch es gab keine einzige Bewerbung. Martina Eishauer, die dem Prüfungsausschuss der Maler- und Lackierer-Innung Gießen angehört, bedauerte kürzlich bei der Freisprechungsfeier »ein ungewöhnliches historisches Tief«, was die Zahl der Auszubildenden beziehungsweise Junggesellen betrifft. Mit dem Gesellenbrief in der Tasche wurden 2022 gerademal zwei Frauen und 16 Männer auf ihren weiteren Berufsweg geschickt. Dabei gibt es Arbeit genug und auch Corona hat der Auftragslage keinen Abbruch geleistet, berichtet der Firmenchef. Im Gegenteil: Die Menschen haben keinen Urlaub gemacht. Auf der Bank gibt es keine Zinsen und so wollten viele ihr Geld für ein schönes Zuhause ausgeben.«

Micky Maus an der Zimmerdecke

Breit aufgestellt ist das Dienstleistungsangebot des 1990 gegründeten Betriebs. Es reicht von Fassadengestaltung und Wärmeverbundsystemen im Außenbereich über Dekorputze, Farbanstriche, Lackierarbeiten an Treppen und Geländern im Innenbereich, dazu natürlich Tapezierarbeiten aller Art bis hin zum Einbau von Gipskartondecken - um nur einiges zu nennen. Auch in Baudiagnostik ist der Betrieb zertifiziert. Diese nicht vollständige Aufzählung zeigt die Vielseitigkeit des Berufs, der auch verschiedene Möglichkeiten der Spezialisierung bietet: beispielsweise Restaurateur oder die Fachrichtung Bauten- und Denkmalschutz. Etwas, das Anne Hauguth besonders reizt. Denn: Wer beispielsweise ein altes Fachwerkhaus erworben hat und dies nach seinen Vorstellungen renovieren möchte, stößt schnell an Grenzen, die der Denkmalschutz vorgibt.

Aber auch dem Trockenbau gewinnt sie spannende Seiten ab, denn: »Das ist viel mehr, als aus Rigips Wände ziehen. Wem’s gefällt, dem könnte ich eine Micky Maus unter die Decke hängen«, lacht die 34-Jährige, die auch Illusionsmalerei oder Marmorieren toll findet. »Alles ist toll, außer Weiß.«

Gerne bringt sie auf der Baustelle ihre Kreativität ein, berät Kunden mit Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl. Eine weitere Eigenschaft, die Elmshäuser an seiner Mitarbeiterin sehr schätzt: »Anne ist ein Glücksfall«, betont der Malermeister.

Dabei muss man nicht alles können, aber wollen, alles zu können - der Rest kommt bei der Arbeit. »Learning by doing«, so sagt es die 34-Jährige und ein bisschen Ehrgeiz schwingt in ihrer Stimme mit. Das bestätigt Elmshäuser und ergänzt: »Man muss auch anpacken können. Leitern, Farbeimer und Werkzeug wandern nicht von selbst in den dritten oder vierten Stock.« Seine Gesellin gewinnt auch dem Positives ab: »Das ersetzt das Fitnessstudio und die Arbeit im Sommer draußen auf der Baustelle ist besser als Solarium.«

Anne Hauguth ist glücklich in ihrem Job, liebt die Abwechslung, den Kontakt mit Menschen, das Familiäre im Team, das Kreative und macht anderen Frauen Mut, es auch in der vermeintlichen Männerdomäne zu versuchen: »Wer anpackt und sich einbringt, hat alle Chancen. Lange, manikürte Fingernägel sind allerdings tabu. Das funktioniert nicht beim Hantieren mit Malervlies, Klebeband und schmalen Pinseln«, schmunzelt Anne Hauguth und ihr Chef gibt zu bedenken: »Am Bau herrscht manchmal ein rauer Ton. Auch das muss man abkönnen - ob als Mann oder Frau.«

Vom Stift zum Firmenchef

Während die 34-Jährige auf ihrem Berufsweg quasi Zick-Zack gelaufen ist, liest sich der Werdegang von Frank Elmshäuser gradlinig: Als 16-Jähriger begann er die dreijährige Ausbildung bei der Baufirma Abermann in Gießen, blieb als Geselle, machte über zwei Jahre Abendschule 1986 seinen Meister und arbeitete in dem Unternehmen weitere vier Jahre, bis er 1990 den Schritt in die Selbstständigkeit wagte. »Es ist ein schöner, abwechslungsreicher Beruf, der viele Aufstiegschancen bietet«, macht der Lindener deutlich. Er würde sich auch deshalb mehr Werbung für sein Handwerk wünschen und bessere Bezahlung für Auszubildende wie Gesellen. Dabei kritisiert er die unterschiedliche Besoldung in Berufen des Bauhaupt- und -nebengewerbes.

Dass der 59-Jährige auch nach über 40 Jahren im Beruf noch weitermachen will, liegt zum einen an der Leidenschaft zu »erhalten und gestalten«, zum anderen am harmonischen Betriebsklima. »Wir alle haben Spaß an der Arbeit und miteinander«, betont Frank Elmshäuser. Das zeigt sich auch an folgender Anekdote: Die Malergesellin, 1,58 Meter groß, bekam zum Geburtstag einen eigenen Schubkarren von ihren Kollegen geschenkt - ein Modell aus der Spielwarenabteilung.

Die Ausbildung zum Maler/Malerin und Lackierer/ Lackiererin dauert drei Jahre, empfohlen ist ein Hauptschulabschluss als Voraussetzung.

Die Ausbildung wird in fünf Fachrichtungen angeboten: Ausbautechnik und Oberflächengestaltung; Energieeffizienz und Gestaltungstechnik; Bauten- und Korrosionsschutz; Gestaltung und Instandhaltung sowie Kirchenmalerei und Denkmalpflege. In der Berufsschule lernt man beispielsweise, Aufträge selbstständig und sachgerecht auszuführen, lernt die verschiedenen Arbeitsmethoden, Farben, Materialien und Bausubstanzen kennen und zu entscheiden, welche Herangehensweise bei den jeweiligen Aufträgen zu wählen ist. Abgeschlossen wird die Ausbildung mit der Gesellenprüfung, die einen schriftlichen Teil und eine praktische Prüfung beinhaltet.

Nach erfolgreichem Abschluss sind verschiedene Weiterbildungen zum Beispiel zum Meister - oder auch Spezialisierungen in einzelne Fachrichtungen möglich.

Das tarifliche Gehalt im ersten Ausbildungsjahr liegt (Stand August 2021) bei 710 Euro brutto im Monat, steigert sich bis auf 945 Euro im dritten Lehrjahr. Der Mindestlohn für Gelernte liegt bei 13,80 Euro/ Stunde nach zweijähriger Tätigkeit als Facharbeiter bei 17,51 Euro/Stunde. (Quelle: ausbildung.de)

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Hier geht alles Hand in Hand: Firmenchef Frank Elmshäuser mit Altgeselle Frank Hindenberg (re.) . Foto: privat © privat

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