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Alltag, aber keine Normalität

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In den Seniorenheimen versucht man trotz Pandemie, ein Stück Alltag aufrecht zu erhalten. Symbolfoto: dpa © Red

Die Pandemie hat das Leben in den Pflegeheimen verändert. Das Personal ist besonders gefordert.

Kreis Gießen . Es ist rund ein Jahr her, dass Corona so richtig die Krallen ausfuhr und in Seniorenheimen übelst zuschlug. Zwischenzeitlich hatte sich die Lage beruhigt, jetzt ist die Variante Omikron auf dem Vormarsch. Zeit also, noch einmal nachzufragen, ob die Pandemie erneut die Krallen wetzt. Zeit auch, zu fragen, wie Covid-19 das Leben in den Pflegeheimen verändert hat.

Im Johanniterstift in Großen-Buseck hat es laut Einrichtungsleiterin Anne Herröder seit dem starken Anstieg der Inzidenz aufgrund der Omikron-Variante keinen Ausbruch gegeben. Verzeichnet hat man dort nur vereinzelte Fälle, die keine weiteren Ansteckungen mit sich gebracht hätten. »Wir hatten seit Beginn der Corona-Pandemie keinen Corona-Ausbruch und haben daher keine Todesfälle aufgrund von Covid-19 zu verzeichnen«, zeigt sich Herröder erleichtert. 99 Prozent ihrer Mitarbeiter seien geimpft, bei den Bewohner liege die Quote bei 98 Prozent. »Laut Landesverordnung müssen sich ungeimpfte Mitarbeitende jeden Tag, geimpfte zweimal die Woche testen. Als zusätzliche Maßnahme testen wir freiwillig alle geimpften Mitarbeiter ein drittes Mal.« Zudem trügen alle durchgehend eine FFP2-Maske, schildert sie die Maßnahmen in ihrem Haus.

Kooperativ

Die Besucher seien angesichts der Einschränkungen im Großen und Ganzen verständnisvoll und kooperativ. Für einen Besuch könnten die Angehörigen die erforderlichen Nachweise mitbringen, ansonsten biete man auch vor Ort Schnelltests nach Terminabsprache an. Um den damit einhergehenden bürokratischen Aufwand zu stemmen, hat man im Johanniterstift teils zusätzliche Kräfte eingestellt. »Das Leben mit der Pandemie ist auch für uns alle ein Stück weit gewohnter geworden. Von einem Alltag möchten wir nicht sprechen, dazu fehlt noch einiges an notwendiger Normalität. Dabei setzen wir unsere Hoffnung auf die vollständige Immunisierung der Bevölkerung«, erklärte die Einrichtungsleiterin. Seit Beginn der Pandemie seien die beiden Wohnbereiche getrennt, so könnten wohnbereichsbezogen alle Angebote, wie zum Beispiel Kinonachmittage, Gymnastik-, Koch- und Bastelgruppen oder Spaziergänge, stattfinden. Zusätzlich gebe es die Möglichkeit, sich im Innenhof zu treffen.

Dennoch: Es seien schon starke Belastungen, die die Geduld und Disziplin der Mitarbeiter forderten. »Nach zwei Jahren Pandemie spürt man eine kontinuierliche Anspannung, Müdigkeit und Angst. Man selbst hat ein dünneres Fell bekommen«, fasst Herröder es zusammen.

Diese Belastung habe aber auch zusammenwachsen lassen. »Selbstverständlich gab es vereinzelt auch Kündigungen, deren Quote im Vergleich zu der Zeit vor der Pandemie jedoch nicht angestiegen ist und sich im üblichen Bereich bewegt.« Jedoch habe »das ohnehin schon angeschlagene Image der Pflege« in den vergangenen beiden Jahren erheblich gelitten. Immer weniger freie Stellen könnten zeitnah besetzt werden. Das sei vor der Pandemie anders gewesen. Herröder verweist auf den Pflegepool des Landkreises Gießen, hier könne man den Bedarf an offenen Stellen melden und bekomme dann geeignete Bewerber. »Auch Ehrenamtliche unterstützen die Einrichtung und machen Besuchsdienste.«

Kurze Zwischenbilanz nach zwei Jahren Pandemie: »Der bürokratische Aufwand ist deutlich angestiegen. Auch die Pflege an sich hat sich durch die Pandemie verändert. Die Nähe zum Bewohner und zu den Kollegen ist nicht mehr so einfach und natürlich werden auch die Mitarbeiter vorsichtiger.«

Die Pandemie habe die Altenpflege in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. »Der Beruf der Pflege wurde in Corona-Zeiten immer wieder als sehr belastend dargestellt. Das hat dem Image eher geschadet. Hinzu kommt der in Deutschland schon seit Jahren vorhandene Personalmangel in der Pflege.« Dabei zeige sich doch gerade jetzt, wie wichtig diese Arbeit sei und wie positiv sich der große Zusammenhalt bei der Bewältigung der Krise auswirke.

»Ein persönlicher, positiver Gewinn dieser herausfordernden Zeit ist die Erkenntnis, dass ich mich auf meine Mitarbeiter verlassen kann. Wir stehen miteinander mit hohem Engagement für das Wohl und die Sicherheit unserer Bewohner ein. Darauf bin ich sehr stolz.«

Wenn Herröder die Möglichkeit hätte, einen Appell an die Politik zu richten, wie würde der lauten? »Viele notwendige Entscheidungen wurden getroffen, ohne die Menschen zu fragen, die sie am Ende umsetzen müssen.« Der Beschluss einer einrichtungsspezifischen Impfpflicht ist nach Herröders Ansicht das falsche Signal. »Sinnvoll und weitaus besser umsetzbar wäre die generelle Impfpflicht gewesen«, so Anne Herröder.

Regelmäßige Tests

Im Haus »Am grünen Weg« in Lollar hatte Corona vor einem Jahr regelrecht gewütet. Die Infektionszahlen schossen in die Höhe, etliche Sterbefälle waren zu beklagen. Kürzlich sei ein Bewohner positiv auf Covid-19 getestet worden. Er sei geimpft und habe keine Symptome gezeigt, erklärt Einrichtungsleiterin Masorca Schmitt. »Wir testen regelmäßig, unabhängig vom Impfstatus: Besucher und Mitarbeiter täglich, unsere Bewohner mindestens dreimal pro Woche. In unserer Einrichtung gilt FFP2-Masken-Pflicht.« Die Impfquote liege bei den Bewohnern bei 93 Prozent, bei den Mitarbeitern bei 97 Prozent. Zum Schutz der Bewohner seien für alle die gleichen Schutz- und Hygieneregeln geltend. Das Besuchskonzept ermögliche Besuche an sieben Tagen die Woche. »Der Großteil unserer Besucher bringt einen aktuellen Test mit. Selbstverständlich führen auch wir auf Wunsch einen Schnelltest durch. Die meisten Angehörigen finden unser Konzept sehr gut und sind dankbar, dass wir so gut organisiert sind«, so Schmitt. Ist Corona zum Alltag geworden? »In den vergangenen beiden Jahren haben wir gelernt, mit dem Virus zu leben. Die Hygienevorschriften gelten nach wie vor und werden von allen Mitarbeitern strengstens eingehalten. Die Gruppenangebote wie Gymnastik, Rate- und Spielegruppe finden wohnbereichsbezogen statt.« Große Veranstaltungen im Speisesaal seien derzeit noch nicht möglich. Die Bewohner könnten aber die Einrichtung verlassen. »Die Impfung sorgt für eine gewisse Beruhigung bei den Bewohnern und zur Zuversicht, damit zum Ende der Pandemie beitragen zu können.«

Auch für die Mitarbeiter in Seniorenheimen haben sich die Anforderungen verändert, ist die Belastung noch höher geworden. »Ich bin stolz auf meine Mitarbeiter. Sie sind weiterhin motiviert und geben ihr Bestes.« Und: »Ein lachendes Gesicht und strahlende Augen sind trotz Maske sichtbar.« Im vergangenen Quartal hätten drei Mitarbeiter die Ausbildung zur Pflegefachkraft begonnen und drei weitere absolvierten die Weiterbildung zur Wohnbereichsleitung. »Kündigungen aufgrund der Corona-bedingten Belastungen gab es nicht.«

Mit dem Pool für Krisenhelfer des Landkreises habe man im vergangenen Jahr bereits gute Erfahrungen mit den Helfern gemacht. Man sei heute noch sehr dankbar für die schnelle Unterstützung. Leider habe sich die Anzahl der ehrenamtlichen Helfer in den vergangenen zwei Jahren verringert.

Auch im Haus »Am grünen Weg« hat Corona einiges verändert und Einfluss auf den Tagesablauf. »Wir benötigen zusätzliches Personal, um den Besucherzulauf abzuwickeln, zu testen und einzuchecken. Wir brauchen mehr Geduld und auch manchmal ein dickeres Fell, wenn der ein oder andere Besucher für die neuen Regelungen wenig Verständnis aufbringt«, bilanziert die Heimleiterin. Man habe mit den Bewohnern nicht ins Theater fahren oder mal ins Schwimmbadcafé gehen können. Auch die sozialen Kontakte im Haus seien nach wie vor reduziert. »Wir alle hoffen, durch die Impfung wieder zur Normalität zurückkehren zu können, nach der wir uns alle sehnen.«

Wie würde Schmitts Appell an die Politik lauten? »Ich persönlich habe keinen Appell an die Politik. Wir legen unseren Fokus auf das Wohl unserer Bewohner. Ich wünsche mir, dass alle ihr Bestes geben, um die Pandemie zu beenden.«

Pflegekräftepool

Unterstützung bekommen Pflegeheime vom Landkreis Gießen. Der hat bereits im Dezember 2020 den Pflegekräfte-Pool ins Leben gerufen. Seitdem haben sich laut Kreispressesprecher Dirk Wingender dort über 600 Freiwillige gemeldet. »Vor dem Hintergrund eines drohenden Personalengpasses in der Pflege, möchte der Landkreis nun wieder vermehrt für das ehrenamtliche Engagement werben«, so Wingender. Der Kreis bietet Schulungen für ehrenamtliche Krisenhelfer an.

Wer möchte, kann eine E-Mail mit seinen Kontaktdaten senden an pflegekraefte-pool@lkgi.de. Weitere Informationen sowohl zu den Krisenhelfern als auch zum Pflegekräfte-Pool sind auf der Homepage (lkgi.de) zu finden unter »Unterstützung - Landkreis Gießen - Corona«.

Der Landkreis Gießen habe zudem auf Anfrage der Alten- und Pflegeheime einen Hilfeleistungsantrag bei der Bundeswehr gestellt, um die Einrichtungen bei der Durchführung von Corona-Tests zu unterstützen. Dieser Antrag sei leider abgelehnt worden.

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