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Angeklagtem volle Schuldfähigkeit attestiert

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Das Urteil im Prozess um den Mordversuch eines 34-Jährigen an seiner Ex-Ehefrau wird das Urteil am 11. Mai erwartet.

Kreis Gießen (bcz). Im Prozess um den Mordversuch eines 34-Jährigen an seiner Ex-Ehefrau bescheinigte die psychologische Gutachterin Eva Catarina Janzen dem Angeklagten volle Schuldfähigkeit.

Allerdings konnte sie ihre Beurteilung nur auf die Akten und auf das, was sie im Laufe des Prozesses gehört hatte, stützen.

Der Angeklagte hatte ihr zuvor über seinen Verteidiger mitteilen lassen, dass er zu keinem Gespräch bereit sei. Anhand der Aktenlage ergaben sich keine Hinweise auf eine physische Störung oder Intelligenzminderung. »Eine tiefgehende Beurteilung ist jedoch ohne Mitwirkung des Angeklagten nicht möglich«, stellte sie fest.

Dem Iraker wird vorgeworfen, während einer Autofahrt im Juli 2021 seine von ihm getrennt lebende 34-jährige Ehefrau lebensgefährlich mit einem Messer verletzt zu haben. Um sich zu retten, stürzte sich die Frau anschließend aus dem fahrenden Auto. Eine beherzte Hilfeleistung einer dahinter fahrenden Autofahrerin und eine Notoperation konnte das Leben des Opfers retten. Anschließend floh der Angeklagte mit den drei gemeinsamen Kindern ins Ausland. Er konnte jedoch in Bulgarien gefasst werden und sitzt seitdem in Untersuchungshaft.

Nicht ganz einfaches Paar

Am Verhandlungstag wurden zudem noch zwei weitere Zeugen vernommen. So sagte die Betreuerin des Jugendamts aus, dass sie erstmals 2017 zu der Familie gerufen wurde. Damals gab es wohl einen Übergriff des Angeklagten auf seine Ehefrau. Das Angebot in ein Frauenhaus zu gehen, habe die Ehefrau, die damals schwanger war, abgelehnt. »Die Trennungsabsicht wurde schnell zurückgenommen«, sagte die Mitarbeiterin des Jugendamts. Zu dem zweiten Kontakt zu der Familie kam es im August 2020. Die Polizei sei zu der Familie gerufen worden, da es augenscheinlich Streitigkeiten gegeben habe.

Hier stand der Vorwurf im Raum, dass die Frau ihren Mann mehrmals geschlagen hätte. Der Ehemann sei wiederum nach der Arbeit nach Hause gekommen und habe sich darüber geärgert, dass seine Frau sich zu wenig um die Kinder kümmere, aber viel Zeit am Handy erübrige. Diesen Streit und die Tat gab die Ehefrau damals zu.

Das Jugendamt habe daraufhin ein Schutzkonzept erarbeitet für die Mutter und für die jüngste Tochter. Jedoch sei die Ehefrau kurz danach wieder freiwillig in die gemeinsame Wohnung zurückgekehrt.

Auch bei der Rückholaktion der Kinder aus Bulgarien hatte das Jugendamt des Landkreises aktiv mitgewirkt. Zwischen den geschilderten Vorfällen gab es keinen Kontakt zum Jugendamt. Zurzeit werden Mutter und Kinder von einem mobilen Helferteam betreut. Die Kinder seien hin- und hergerissen zwischen den beiden Elternteilen. Entsprechend wenig hätten sie bisher zu der Tat gesagt.

Traumatisch hingegen seien wohl die Erlebnisse im bulgarischen Kinderheim gewesen. Darüber würden die Kinder immer wieder sprechen.

Eigene Frau angezeigt

Mit der therapeutischen Aufarbeitung der Geschehnisse um die Tat könne erst nach Prozessende begonnen werden.

Die Aussagen der Jugendamtsmitarbeiterin wurden von der vernommenen Polizeibeamtin bestätigt, die zum Vorfall im August 2020 gerufen worden war.

Aufgrund von Sprachproblemen sei die Verständigung sehr schwierig gewesen. Der Sohn habe damals als Dolmetscher fungiert. Ihr fiel auf, dass keiner der Beteiligten überrascht gewesen sei, dass auf einmal die Polizei vor der Türe gestanden habe. »Ein wenig Sorge gegenüber den Kindern hat gefehlt«, sagte sie abschließend. Zwei Tage später kam der Angeklagte auf die Wache, um eine Strafanzeige gegen seine Frau zu stellen. Als er im Bett gelegen habe, habe ihn seine Frau gewürgt, aus Angst, dass man ihr die Kinder wegnehmen würde. Sämtliche Verfahren zu diesen Vorgängen seien eingestellt worden. Laut Aussage der Vorsitzenden Richterin Regine Enders-Kunze sei die Beweisaufnahme im Prinzip abgeschlossen. Sie gebe den Parteien dennoch Gelegenheit weitere Beweismittel einzuführen. Am 11. Mai, Mittwoch, wird der Prozess fortgesetzt und, falls nichts dazwischen kommt, auch ein Urteil verkündet.

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