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Angst weicht nur langsam

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Heinz-Lothar Worm und seine Frau Bela (l.) bemühen sich, Svetlana Tsarenko und ihrer Tochter Irina nach ihrer Flucht aus der Ukraine in allen Belangen zu helfen. © Wißner

Die Lindenerin Bela Worm und Svetlana Tsarenko sind Schulfreundinnen. Sie nahm die Ukrainerin mit ihrer Tochter jetzt auf.

Kreis Gießen (twi). Einst drückten beide gemeinsam die Schulbank und auch später riss der Kontakt nie ab. Jetzt in der größten Not war es Schulfreundin Bela Worm, die Svetlana Tsarenko und ihrer Tochter Irina nach der Flucht aus der Ukraine eine sichere Unterkunft bieten kann.

Am Freitagmorgen kurz nach Mitternacht endete für die 71-jährige und ihre 42-jährige Tochter mit der Ankunft am Frankfurter Hauptbahnhof eine viertägige Flucht aus der Ukraine. Am Hauptbahnhof wurden sie von Dr. Heinz Lothar und Bela Worm in Empfang genommen und nach Leihgestern gebracht.

Als der Krieg in der Ukraine begann, war es Bela Worm, die ihre Freundin Svetlana überzeugte zu flüchten. Und als die Front immer näher rückte, gab es auch nicht mehr viel Zeit, die schwere Entscheidung zu treffen, die Heimat zu verlassen.

Zug völlig überfüllt

Mutter und Tochter bestiegen den Zug in Dnepr, um nach Lviv zu fahren. 24 Stunden dauerte die gut 900 Kilometer lange Fahrt. Im völlig überfüllten Zug herrschten katastrophale Verhältnisse. Die Fenster waren verdunkelt, um keinen Lichtschein nach außen dringen zu lassen und kein Angriffsziel für die die Lufthoheit besitzende russischen Streitkräfte zu bieten. Von Lviv aus wurde die polnische Grenze überquert und die beiden Frauen traten die über 950 Kilometer lange Weiterreise über Warschau nach Berlin an. Während der acht Stunden dauernden Zugfahrt mussten Mutter und Tochter die ganze Zeit stehen.

Aber die Gastfreundschaft der Polen an den Bahnhöfen erfreute die Reisenden. Es wurden warme Suppen, Tee und weitere Lebensmittel gereicht. Gleiches gab es auch in Berlin, von wo aus es dann die letzten 550 Kilometer nach Frankfurt/Main anstanden. In der Mainmetropole wurden die Frauen von der Familie Worm in Empfang genommen. Gerade mal zwei Taschen hatten Mutter und Tochter mitgenommen, denn in den Zügen gab es keinen Platz für viel Gepäck.

Die Strapazen der 2500 Kilometer langen Flucht war beiden Frauen anzusehen und erst langsam wich nach der Ankunft in Leihgestern die Angst. Mutter und Tochter haben viel geweint. »Nun müssen beide erst einmal ankommen. Das ist ein Trauma«, schildert Heinz Lothar Worm die ersten Stunden in Leihgestern. Beide sprechen nur russisch und haben das große Glück, dass Bela Worm die Sprache beherrscht.

Beim gemeinsamen Kochen versucht sie, ihrer Freundin und deren Tochter die ersten deutschen Vokabeln Deutsch beizubringen. »Ich kann nicht der ganzen Ukraine helfen. Aber hier musste ich einfach helfen. Wir kochen zusammen, sprechen zusammen und beide weinen nur«, schildert Bela Worm die ersten Stunden. Beide Frauen sind Jüdinnen und so wurde am Samstag gemeinsam Shabbat im Hause Worm gefeiert.

Wie es nun weitergeht, das wird sich zeigen. In dieser Woche stehen Behördengänge an »und dann muss geschaut werden, wie mit ihnen umgegangen wird«, so Heinz-Lothar Worm.

In Leihgestern hat sich die Ankunft der beiden Flüchtlinge schnell verbreitet. Es wurden bereits Kleiderspenden für die Frauen abgegeben. Und da Heinz-Lother Worm zur Leitung der Kleiderkammer in Linden gehört, war es ganz einfach möglich, dass beide Frauen geeignete Kleidung erhalten haben.

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