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Anhalten, nicht durchfahren

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Von: Volker Böhm

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Vertreter des Bündnisses berieten vor Ort über die Möglichkeiten eines Bahnhaltepunktes im Gewerbegebiet Großen-Buseck. Foto: Böhm © Böhm

Ein Bündnis aus Vertretern von Firmen, der Leppermühle und der Martin-Luther-Schule fordert einen Bahnhaltepunkt für das Gewerbegebiet Großen-Buseck

Kreis Gießen. 59 Firmen gibt es nach Erhebung der Gemeinde Buseck im Gewerbegebiet Großen-Buseck, dazu die Leppermühle, ein psychotherapeutisches Wohnheim für knapp 200 junge Menschen. Viele von ihnen besuchen die Martin-Luther-Schule auf dem Gelände der Leppermühle. Die Anbindung an den ÖPNV wird als schlecht eingeschätzt. Schule und Leppermühle nutzten deshalb diverse Kleinbusse, um Bewohner und Schüler aus und zu den Außenstandorten zu transportieren. Deshalb gehören auch Vertreter dieser Institutionen zusammen mit Repräsentanten der Firmen zu einem Bündnis, das einen Bahnhaltepunkt für das Gewerbegebiet fordert. »Wir gehen davon aus, dass allein 1000 Firmenmitarbeiter von dem Bahnhaltepunkt profitieren könnten«, erklärte Jörg Bergstedt von der Initiative »Verkehrswende im Wiesecktal« bei einem Pressegespräch.

Die Bündnispartner hoffen auf Unterstützung aus der Politik - zunächst für ein neues Gutachten (siehe Infokasten). Das Thema »Bahnhaltepunkte« wird nach Angaben des hauptamtlichen Kreisbeigeordneten Christian Zuckermann (Grüne) im Zusammenhang mit grundsätzlichen Verbesserungen auf der Vogelsbergbahn untersucht. Ein Gutachten habe die Arbeitsgemeinschaft Vogelsbergbahn, in der die Anrainerkommunen und -landkreise zusammengeschlossen sind, beim Rhein-Main-Verkehrsverbund beauftragt. Zuckermann wusste allerdings nicht, wann das Gutachten vorliegen wird.

Bergstedt sprach von einer »konzertierten Aktion, um die Vogelsbergbahn in Gang zu bringen«. Weitere Haltepunkte werden für Rödgen und Lindenstruth gefordert.

Rundverkehr mit Bussen

Für die Leppermühle stellte der pädagogische Leiter Marc Apfelbaum die Ergebnisse eine Umfrage unter den rund 200 Bewohnern und den rund 150 Mitarbeitern vor. Es sei nur eine Momentaufnahme, aber 30 Prozent hätten Interesse gezeigt, die Bahn zu nutzen, wenn es einen Haltepunkt gibt. Bei der Leppermühle gebe es aktuell einen Fahrdienst mit sechs oder sieben Bussen, die im Rundverkehr zu den 20 Außenstandorten zwischen Gießen und Lauter unterwegs seien, um die jungen Leute zu therapeutischen Angeboten zu bringen. Jeder Außenstandort habe auch ein Fahrzeug.

Mit ähnlichem Interesse wie bei der Leppermühle rechnet auch Patrick Holuba, der stellvertretende Leiter der Martin-Luther-Schule. Von den 200 Schülern lebten rund 80 in den Wohngruppen der Leppermühle. Hinzu kämen 60 Mitarbeiter wie Lehrer oder Psychologen. »Es geht um Mobilität der jungen Leute«, meinte Holuba.

Bergstedt berichtete, dass die Gemeinde die Betriebe im Gewerbegebiet angeschrieben habe. 23 von 59 hätten reagiert, damit seien 729 Mitarbeiter repräsentiert. 140 davon hätten angegeben, dass sie den Bahnhaltepunkt nutzen wollten.

Jan Ollarius, bisheriger Eigentümer des »La Casa«-Gebäudes, verwies auf die steigende Zahl an Patienten der Augenarztpraxis im Haus. Bei bestimmten Untersuchungen dürften diese nicht Auto fahren. Mehmet Demir, der zum 1. September das Haus und die Ollarius-Fliesenwelt übernommen hat, sah in einem Bahnhaltepunkt auch eine höhere Attraktivität der Firmen im Gewerbegebiet beim Werben um Nachwuchs. »Kein Auszubildender kann ohne Auto hierherkommen«, meinte er.

»Schwerer Tanker«

Doch wer könnte den Wunsch nach den weiteren Bahnhaltepunkten erfüllen? »Das ist sehr komplex. Die Deutsche Bahn ist ein schwerer Tanker, die eher abbaut«, antwortete Bergstedt. Problem bei der Vogelsbergbahn sei, dass auf den Abschnitten zwischen Gießen und Großen-Buseck sowie zwischen Reiskirchen und Grünberg kein Begegnungsverkehr möglich sei, weil das zweite Gleis fehle oder abgeklemmt sei. Das sei im Gewerbegebiet nicht der Fall. Die Bahn müsste dem neuen Haltepunkt zustimmen, aber jemand anderer müsse bezahlen. Laut Bergstedt gibt es aktuell sehr hohe Fördersummen für die Reaktivierung von Schienenverkehr. Wichtig sei jetzt ein neues Gutachten, da jenes von 2020 die Anzahl der Firmenmitarbeiter nicht berücksichtigt habe.

Gegen weitere Bahnhaltepunkte kann man ins Feld führen, dass sich dadurch die Fahrtzeit verlängert. Das Argument gelte in Großen-Buseck nicht, meinte Ollarius. Nach den schweren Unfällen am Bahnübergang führen die Züge in dem Abschnitt eh mit Schrittgeschwindigkeit.

Bergstedt ergänzte, dass wie früher wieder ein Wechsel zwischen Regionalbahnen, die an alle Haltepunkten stoppen, und Regionalexpressen, die manche auslassen, möglich sei, wenn auf der ganzen Strecke zweigleisig gefahren werden könne.

Die Frage, ob zusätzliche Bahnhaltepunkte eingerichtet werden sollen, war zuletzt 2020 im Auftrag des Regierungspräsidiums Gießen für alle fünf mittelhessischen Landkreise untersucht worden. Das Institut für Verkehrswesen, Eisenbahnbau und -betrieb der Technischen Universität Braunschweig legte das Gutachten im Dezember 2020 vor. Für den Landkreis Gießen waren elf mögliche Haltepunkte untersucht worden: Hausen, Garbenteich, Lich/West, Großen-Buseck Gewerbegebiet, Lindenstruth sowie Folgende in Gießen: Aulweg, Rodtbergstraße/Wißmarer Weg, Alter Flughafen, Marshallsiedlung, Rödgen und Kleinlinden. Zu den harten Kriterien zählten unter anderem die Einwohnerzahl, die Siedlungsdichte (Einwohner pro Quadratkilometer), die Erreichbarkeit des Haltepunktes zu Fuß, per Fahrrad und Per Auto oder die Entfernung zum nächsten Haltepunkt. Die Frage, ob eine Bushaltestelle in der Nähe vorhanden ist, gehörte ebenso zu den weichen Faktoren wie der Einfluss des Haltepunktes auf die Fahrzeit, vorhandene Infrastruktur wie Radwege, geplante Wohn- oder Gewerbegebiete und vorhandene Arbeitsstätten. Ein Haltepunkt im Gewerbegebiet Großen-Buseck erhielt in der Bewertung nur die Schulnote 4, also ausreichend. Die gleiche Note gab es für die möglichen Haltepunkte Rodtbergstraße/Wißmarer Weg sowie Marshallsiedlung/Grünberger Straße. Die Note 2, also gut, wurde für die Standorte Kleinlinden und Aulweg vergeben. Alle anderen erhielten die Note befriedigend. Für die gut bewerteten Standorte gab das Gutachten eine Umsetzungsempfehlung ab. »Befriedigend« und »ausreichend« sollte eine »weitere, deutlich detaillierte Untersuchung« nach sich ziehen, so die Gutachter. (vb)

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