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»Anti-Modern-Reflex« greift um sich

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Harmoniesuche bei den Spaziergängen!? Szenekenner Speit sieht einen gefährlichen Trend in der Mittelschicht. Archivfoto: Leyendecker © Felix Leyendecker

Szenekenner Andreas Speit spricht in Buseck über Rechtsextreme und deren Harmoniesuche.

Kreis Gießen (twi). »Die Bundesrepublik war noch nie so schwer erschüttert wie in Zeiten der Pandemie. Die Gefahr Verschwörungserzählungen auf den Leim zu gehen ist groß. Wenn wir uns als Gesellschaft in irrationale Konzepte verrennen, dann besteht die Gefahr reaktionären und faschistischen Ideologien zu erliegen. Wir haben ja schon den ersten Toten - den Tankstellenmitarbeiter in Idar-Oberstein. Es ist eine enorme Radikalisierung entstanden«. Dieser Meinung ist der Journalist und Publizist Andreas Speit. Er war in das Busecker Kulturzentrum zur sechsten Arbeits- und Vernetzungstagung »Demokratie und Toleranz im Landkreis Gießen fördern« gekommen. Speit gilt als einer der besten Kenner der rechtsextremen Szene in Deutschland.

Kreissozialdezernent Hans-Peter Stock begrüßte als Gastgeber siebzig Teilnehmer. Julia Erb, Nele Fritzsche und Nadya Homsi von der Fachstelle für Demokratie und Toleranz im Kreishaus, moderierten die Tagung.

Stock erinnerte daran, wie aktuell in Rußland aus einer Demokratie über eine Autokratie und Oligarchie eine Diktatur entstanden sei. Klar sei, dass es zur Demokratie keine Alternative gebe, auch wenn andere meinten, es sei nicht die optimalste Staatsform. Seien früher Neonazis klar an Glatze und Springerstiefel erkennbar gewesen, so habe sich dieses Bild verändert. Die Coronademonstrationen seien oft von der Naziszene für ihre Ziele genutzt worden.

Nele Fritzsche ging auf demokratiefeindliche Vorkommnisse in Stadt und Landkreis Gießen ein, wobei sie neben den Spaziergängen auf die Telegram-Gruppe »Gießen für Freiheit«, Beschädigungen auf dem Neuen Friedhof in der Lahnstadt, rassistische Vorfälle an Schulen im Landkreis und eine Hausdurchsuchung bei einem Bürger der Reichsbürgerbewegung mit Waffenfunden verwies.

Hakenkreuzschmierereien seien an vielen Orten zu finden. Sie wies weiterhin auf Homo- und Transfeindlichkeit sowie die Zerstörung von Wahlplakaten des Ausländerbeirats hin.

Speit stellte fest: »Die Pandemie hat in jedem Fall zu einem Anstieg der Reichsbewegten in Deutschland geführt, die mittlerweile eine Größenordnung von 21 000 erreicht hat.« Und hier seien verschiedene Milieus eng verzahnt. Er ging dabei auf eine Bauernhof-Schule in Leun ein, die unter Einflussnahme der rechtsesoterischen Anastasiabewegung und der Qanon-Bewegung betrieben werde. Diese Schule wird dem reichsbewegten Spektrum zugeordnet. Die radikale Verzahnung des rechtsextremen Milieus sei ein Phänomen, auch sei die Akzeptanz gestiegen, mit Rechtsextremen zusammenzuarbeiten. Dies sei ein bundesweiter Trend. »Wir haben es mit äußerst kritischen Personen zu tun, die alles hinterfragen. Dieses kritische Bewußtsein hört auf, wenn sie glauben, die Wahrheit gefunden zu haben«, bescheinigte er dieser Personengruppe einen rebellisch-autoritären Charakter.

Dass der einstige Judenstern heute wieder getragen werde, um sich als Opfer darzustellen, verhöhne die in den Konzentrationslagern getöteten Menschen und Widerstandskämpfer gegen das Hitler-Regime nachträglich. Erste Bundesländer gingen gegen das Tragen des Sterns jetzt vor.

Enorme Sehnsucht

Als eine der Ursachen für solches Verhalten nannte Speit eine enorme Sehnsucht nach Harmonie. »Das Dramatische ist ein Reflex gegen die Moderne. Wir haben einen Anti-Modern-Reflex, eine tiefe Sehnsucht nach Gemeinschaft. Mit diesem Bedürfnis kann ich eine offene Hippiekommune und eine geschlossene Volksgemeinschaft gründen.« Deshalb müsse genau geschaut werden, »was habe ich für eine Kritik und wo will ich mit meiner Kritik hin«.

Eine soziologische Studie habe aufgezeigt, dass Teilnehmer der Demonstrationen gegen die Coronamaßnahmen überwiegend aus der Mittelschicht stammten, eher älter und akademisch gebildet seien. Diese seien in sich heterogen, aber nach rechts offen und »vom politischen System stark entfremdet«.

Die größte Zustimmung zu Verschwörungstheorien mit 53,8 Prozent habe in Erhebungen die Aussage »Das Virus wird absichtlich als gefährlich dargestellt, um die Öffentlichkeit in die irre zu führen« erhalten.

Bei der anschließenden Diskussion antwortete Speit auf die Frage, wie dieser Personenkreis wieder eingefangen werden kann, dass es dafür noch Zeit benötige. »Es gibt Wunden und Verletzungen.«

Zur Vorstellung prodemokratischer Aktivitäten im Landkreis ging Pia Abel auf Projekte der Clemens-Brentano-Europaschule in Lollar ein. Von der Theo-Koch-Schule in Grünberg stellten Lavina Schmitt, Teresa Gruber, Lucie Dörr und Lara Scharmann Recherchen unter dem Thema »Jüdische Schüler an weiterführenden Schulen in Oberhessen von 1884 bis 1934« vor. Nachmittags ging es in Workshops um die Themen »Demokratie und Toleranz in meiner Region« und in einem Schülerworkshop um »Let’s be the change - Deine Version von 2030«. Foto: Wißner

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Andreas Speit Journalist © Thomas Wißner

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