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Auch mit 91 in Bücherei aktiv

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Von: Frank-Oliver Docter

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Inmitten der rund 6000 Bücher im ersten Stock des Alten Rathauses zeigt Elli Rinn stolz ihre Jubiläumsurkunde. Foto: Docter © Docter

Elli Rinn aus Heuchelheim feiert ihr 75-jähriges Dienstjubiläum. Sie leitet trotz des hohen Alters auch weiterhin die von ihr seit den 50er Jahren aufgebaute Gemeindebücherei im Alten Rathaus.

Heuchelheim . Wer die schmale Treppe im Alten Rathaus von Heuchelheim hochsteigt, steht in der ersten Etage auf einmal zwischen Tausenden von Büchern, die sich über mehrere Räume und unzählige Regale verteilen. Kaum eingetreten, wird der Schreiber dieser Zeilen auch schon von Elli Rinn mit einem Lächeln begrüßt, während einige Kinder durch die Gänge huschen oder bereits in ihrer Ecke in Büchern stöbern. Die 91-Jährige feiert in diesen Tagen ein Jubiläum, das bundesweit einmalig sein könnte, auf jeden Fall aber ein höchst seltenes Ereignis darstellt: Seit nunmehr 75 Jahren nämlich ist die gebürtige Heuchelheimerin für die Gemeinde aktiv. Schon lange in Pension, lenkt Elli Rinn weiterhin die Geschicke der von ihr seit Beginn der 50er Jahre aufgebauten und kontinuierlich erweiterten Bücherei. Das reicht vom Einkauf der Bücher über das Einpacken in Schutzfolie und die Aufnahme in den Bestandskatalog bis hin zur persönlichen Beratung.

»Unglaublich«

Für ihre treuen Dienste wurde sie nun im Rahmen einer kleinen Feierstunde vom Ersten Beigeordneten Dr. Manfred Ehlers mit einer Urkunde und Blumen geehrt. Außerdem durfte sich die Jubilarin über eine »Gratifikation« freuen, die ihr der Gemeindevorstand zukommen ließ. Ehlers sprach von einer »Kronjuwelen-Hochzeit mit der Gemeinde«, würdigte ihr jahrzehntelanges Engagement und übermittelte den Dank aus dem Rathaus. 75 Jahre Gemeindetätigkeit seien »eine unglaubliche Leistung«, betonte Bürgermeister Lars Burkhard Steinz.

Als Elli Rinn im Oktober 1947 ihre Tätigkeit als Verwaltungsfachangestellte in Heuchelheim begann, geschah das aufgrund der Widrigkeiten der Nachkriegszeit ohne vorherige Lehre oder Ausbildung. »Nach zwei Jahren Handelsschule«, wie sie erzählt, gehörte zu ihren Aufgaben zunächst »alles, was anfiel«. Sei es nun das Befeuern der Holzöfen im Winter oder die Bedienung der Viehwaage auf dem Hof des Rathauses, wofür sie sich als junge Frau zur Eichmeisterin weiterbilden ließ.

1951 schlug ihr der damalige Bürgermeister Otto Bepler die Einrichtung einer Gemeindebücherei vor, und zwar zunächst in dessen Wohnhaus. »Er besaß eine private Sammlung, die ungefähr 300 Bücher umfasste«, erinnert sich die Jubilarin. Dem Sozialdemokraten war es gelungen, diese vor den Nazis geheim zu halten, zumal sich darunter überwiegend Werke befanden, die während des Dritten Reiches verboten waren. Fortan bildeten sie den Grundstock der Bibliothek, die mit wachsender Größe bald eine neue Unterkunft benötigte. Diese fand sich im Dachgeschoss des Alten Rathauses. Jahre später folgte der Umzug in die mittlerweile neu gebaute Gemeindeverwaltung, bevor die Bücher erneut umzogen in ihre jetzige Heimat. Dort ist immer donnerstags von 15 bis 19 Uhr geöffnet. Elli Rinn lässt es sich nicht nehmen, jedes Mal vor Ort zu sein. Sie sei »nie krank gewesen«, sagt die 91-Jährige.

Kunstturnerin

In früheren Jahren war Elli Rinn eine begeisterte Kunstturnerin. »Als Wertungsrichterin bei Wettbewerben war ich in ganz Deutschland unterwegs«, erzählt die Jubilarin. Beim TSF Heuchelheim leitete sie zudem viele Jahre lang Übungsstunden, zuletzt mit 88 Jahren noch in der Seniorengymnastik. Nachdem Rinn dann auch noch die Stuhlgymnastik im Verein eingeführt hatte, setzte sie sich zumindest sportlich zur Ruhe.

Wann die 91-Jährige dies bei der Gemeindebücherei tun wird, hat sie dagegen noch nicht entschieden. »Bis zum Jahresende« wolle sie aber auf jeden Fall weitermachen, letztendlich sei es von ihrer Gesundheit abhängig.

Deutlich größere Sorgen scheint sich die Heuchelheimerin um die Zukunft des Lesens zu machen. »Das Buch hat nicht mehr den Wert, den es mal hatte«, bedauert sie. In früheren Zeiten habe man sich »noch alles erlesen müssen«, inzwischen aber würden viele hierfür das Smartphone oder den Computer nutzen, wodurch ihrer Ansicht nach immer weniger Menschen eine Bücherei aufsuchen.

Diesen Trend hat sie auch in Heuchelheim festgestellt: »Früher hatten wir mehr Publikum. Heute aber kommen Kinder nur bis zu einem bestimmten Alter, junge Frauen kaum noch und Männer gar nicht mehr«, berichtet sie. Am meisten zur Ausleihe gefragt sei bei Klein wie auch Groß »leichte« und »spannende« Literatur, während »preisgekrönte« Werke von den Bestsellerlisten weniger gut gingen. Selbst liest Elli Rinn am liebsten »Krimis, historische Romane und Biografien«.

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